Berlins alteingesessene Geschäfte

Tradition am seidenen Faden

Berlins alteingesessene Geschäfte sind vom Aussterben bedroht. Flagshipstores, Filialisten und Malls machen Kiezläden überflüssig. Auch der Onlinehandel fängt Kunden ab. Wer überleben will, muss standhaft sein. Und eine Nische bedienen
Es ist noch kein Sommertag vergangen, an dem in Jünemanns Pantoffeleck nicht mindestens ein Paar Hausschuhe über die Theke gegangen ist. Das klingt trotz der positiven Grundaussage nicht besonders erbaulich. Gerade einmal 16 Euro kosten die Kamelhaar-Pantoffeln, die der Orthopädieschuhmacher Reno Jünemann in Handarbeit herstellt. 100 Paare enstehen täglich in der Manufaktur, rund 70 davon gehen in guten Zeiten – das sind in diesem Metier die Wintermonate – über die Ladentheke. Der Rest wird online verkauft.

Reno Jünemanns Pantoffelladen in der Torstraße
Foto: Max Müller

Jünemann ist in der vierten Generation Fabrikant. Vor über 100 Jahren gründete sein Urgroßvater Bernhard das erste Geschäft in Magdeburg. Aus dieser Zeit stammt auch das Design des ockerbraun gestreiften Kamelhaar-Klassikers, der auch das Eingangsschild des ansonsten unscheinbaren Souterrain-Geschäfts in der Torstraße 39 ziert. Bernhards Sohn Otto verlegte den Betrieb 1927 in die Hauptstadt und zog zunächst in die Lottumstraße. Seit den 80er Jahren residiert Jünemanns Pantoffeleck an der jetzigen Adresse. Im Winter hilft gelegentlich Vater Günter aus.

Dem Mitte-Chic trotzen

Der Laden ist in vielerlei Hinsicht ein Unikat. Er bietet ein exklusives Produkt, er hat Tradition, er braucht keine Werbung. Die Website ist solide gebaut, aber keinesfalls hip. So wie auch das Geschäft nichts vom gängigen Mitte-Chic hat. Viele Restaurants, Cafés und Modehändler haben die Jünemanns schon kommen gesehen. Geblieben sind die wenigsten.

Rund 16.000 Kleinstbetriebe soll es in der Hauptstadt geben – Tendenz sinkend. Längst haben Flagshipstores und Filialisten die Ladenflächen mit Hilfe von Investoren erobert, Malls schießen noch immer wie Pilze aus dem Boden. Der Onlinehandel tut sein Übriges.

Dieser Trend ist auch im Frühjahrsgutachten 2017 des Zentralen Immobilien Ausschusses (ZIA), der zu den bedeutendsten Interessenverbänden der Branche zählt, erfasst. Hierin heißt es, dass „die Flächennachfrage vonseiten internationaler und nationaler Label nicht abreißt“ und „das Mietniveau der Spitzenmieten in der Hauptstadt weiter gestiegen“ sei. Zudem „wird der nächste große Schub neuer Handelsflächen voraussichtlich 2018 auf den Markt kommen“. Gemeint sind vor allem weitere Shoppingcenter, das Schultheiss Quartier (30.000 Quadratmeter) in Moabit, die East Side Mall (25.000) in Friedrichshain und das Volt (10.000) am Alexanderplatz. Platz für Individualisten, gar traditionelle Geschäfte, ist an diesen Orten nicht. Die Verlierer sind die eingesessenen Kiezläden.

Auch die Zukunft des Pantoffelecks ist nicht unangreifbar. Wie alle Geschäfte hat die Manufaktur mit steigenden Mieten zu kämpfen. Kompensiert werden kann das nur durch die treue Stammkundschaft, den zunehmenden Onlinehandel und durch Touristen, denen der Laden in Reiseführern als Alt-Berliner Institution angepriesen wird. Eine Rolle spielt auch der Zeitgeist. Zwar sind die meisten Kunden mittleren Alters, doch die Retrowelle zieht vermehrt auch junge Kunden an.

Jünemanns haben ihre Marktlücke gefunden. Sie behaupten sich in einem der durchgestyltesten Bezirke Berlins. Doch wie sieht es in Gegenden aus, in denen die Gentrifizierung gerade erst so richtig zuschlägt?

Das Angelhaus Koss hat einen Automaten für Maden. Gründerin Hildegard Koss und ihr Angestellter Micha füllen das Unikat freitags und sonnabends nach Ladenschluss auf
Foto: Max Müller

„Man kämpft sich halt so durch“, sagt Micha, der seit einem Vierteljahrhundert im Angelhaus Koss arbeitet. Der Laden im hart umkämpften Sprengelkiez ist ein Paradies für Angelfreunde. In den Schaufenstern hängen Netze und Plastikfische neben Routen, Rollen und Ratgebern. Drinnen steht Hildegard Koss, die vor 65 Jahren das Geschäft mit ihrem Mann Otto gegründet hat, und verräumt die frisch eingetroffene Lieferung. „In der Nachkriegszeit haben viele Menschen geangelt, um irgendwie an Fisch zu kommen“, erinnert sich Koss, die das Geschäft mittlerweile an ihren Sohn Alexander abgetreten hat. „Die Generation meines Mannes liebte dieses Hobby.“ Später gab es noch einen Boom, nach der Wende, als die Ost-Berliner das Geschäft stürmten. Mittlerweile ist Angelbedarf eine Nische.

Dass das Angelhaus trotz der Umwälzungen rund um die Tegeler Straße beständig weitermacht, liegt am Konzept. „Wir achten sehr auf unseren Ruf“, sagt Micha. „Internetrezensionen sind uns wichtig, aber auch die Mundpropaganda. Gehen Sie mal auf die Müllerstraße, da kennt uns jeder“, sagt er sichtlich stolz. Klar, das Internet hat den Preiskampf verschlimmert. Aber der Service zahlt sich aus. Wer ein Problem hat, kommt zu Koss. Angeln ist gesellig, das wird an diesem Tag im Laden ganz deutlich.
„Das Viertel hat sich schon ziemlich geändert“, sagt Micha zum Schluss. Man merkt, dass es ihm nahe geht. „Doch wir geben nicht auf.“ Auch Hildegard Koss denkt nicht ans Aufgeben. „Sonst wüsste ich ja nicht, was ich den ganzen Tag machen soll.“

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