Berliner Festivals

Transmediale 2017

Morgen beginnt heute. 30 Jahre Hohe Schule des Zeitgeists: Das Transmediale-Festival feiert die Gründung seiner Keimzelle. Eine kritische Gratulation

Im Vergleich betrachtet sind drei Jahrzehnte natürlich nicht viel für ein Festival. Die Berlinale, nur so zum Beispiel, eröffnete erstmals 1951, die Ars Electronica gibt es seit 1979. Dennoch sind 30 Jahre viel Zeit in Berlin, wo sich der Epochenbruch besonders deutlich manifestiert hat: mit der Öffnung der Mauer und kurz darauf mit dem Internet, das hiesige Netzaktivisten bereits Mitte der 90er- Jahre popularisieren wollten.

"Internet of Things" by Addie Wagenknecht.

Nützliche Haushaltsgeräte: „Internet of Things“ by Addie Wagenknecht in der Ausstellung „Alien Matter“. Foto: Hanneke Wetzer courtsey of bitforms gallery nyc

Wenn das Team der Transmediale am  Abend des 2. Februars ins renovierte Haus der Kulturen der Welt (HKW) einlädt, um das 30-jährige Jubiläum zu feiern, hat es also allen Grund dazu, trotz der etwas krummen Rechnung: Der Vorläufer der Transmediale, das VideoFilmFest, wurde im Westteil der Stadt 1988 gegründet. Seitdem hat das Festival nicht nur seinen Namenswechsel überstanden, sondern auch Vereinigung, Hauptstadtbeschluss und Haushaltskrise, Digitalisierung, Aufschwung, Zuzug, Kunst- und Start-Up-Boom. Und es ist an all dem gewachsen. Dauer und Partner der Jubliäumsausgabe lassen das gut erkennen.

Medien und Zeitgeist

Das knapp einwöchige Fest setzt sich dieses Mal mit weiteren Veranstaltungen ­einen Monat lang über die Stadt verteilt fort, etwa bei der Schering Stiftung für Wissenschaft und Kultur und bei Verdi, der Gewerkschaft. Damit sind die Pole der Transmediale 2017 bereits skizziert: hier Forschung zu Natur, Kunst und Technik, dort politische Tat. Zugleich sollen eingespielte Formate wie Podiums­gespräche, Aufführungen und eine Ausstellung (Text rechts) Bewährtes ermöglichen: die Analyse des Status Quo und die künftiger Handlungsoptionen. Unter dem Motto „ever elusive“ (für immer flüchtig) geht es um Überwachung, Geopolitik, Körper, Umwelt, Algorithmen, Maschinen, Macht, Öffentlichkeit – kurz um alles.

„Same procedure as every year“, ließe sich sagen, wenn nicht jedes Jahr anders wäre, weil die Geschichte foranschreitet. Und wenn es nicht jedem Leiter der Transmediale gelungen wäre, den eiligen Zeitgeist zu materialisieren. Micky Kwella sorgte mit seinen Kenntnissen Lateinamerikas für Filme, die Nuancen zwischen der USA-Treue alter West-Berliner und der Nicaragua-Solidarität der Zugezogenen ermöglichten. Andreas Broeckmann versöhnte in einer Zeit, da das Netz als Raum unbegrenzten Fortschritts galt, die DIY-Kultur der Hacker mit dem Staat, hier in Gestalt von Bundeskulturstiftung, HKW und Auswärtigem Amt. Bereits ab 2008 relativierte Stephan Kovats diesen Optimismus. Unter anderem mit dem Thema Klimawandel brachte der Kanadier (Motto 2009: „Deep North“) das anthro­pozentrische Weltbild von Netzkünstlern und Nerds ins Wanken. Die kritische Melan­cholie schließlich, mit der Kristoffer Gansing seit 2011 das Digitale diskutieren lässt, gab früh dem Kater Raum, der nun mit Brexit und Trump auch analog herrscht.

Bilder

Besucher der Transmediale wussten von Assange, bevor dieser in die „Tagesschau“ kam, sie lernten Jacob Appelbaum, das Dark Net und Laura Poitras kennen, die Regisseurin des Doku­mentarfilms „Citizenfour“ über Edward Snowden. Und doch wird jeder Besucher andere Bilder mitgenommen haben. Vielleicht Yvette Matterns Regenbogen aus Laserstrahlen über dem verschneiten Tiergarten. Vielleicht Agnes Meyer-Brandis‘ Zelt für Eisschichtsonden in der Akademie der Künste. Vielleicht etwas ganz anderes. Jede Transmediale verwirrt mit einer Überfülle an Kunst, Filmen, Worten, Zeichen, Gästen.

Open Access, Ende offen

Das ist die Stärke und zugleich die Schwäche des Festivals. Seine Vielfalt ermöglicht Verbindungen quer durch Medien, Künste, Wissenschaften, Politikfelder. Sie sorgt für Einspruch, Widerspruch, Pluralismus. Doch genauso ist bisher jede Ausgabe im Ungefähren, Unverbindlichen geendet – ohne Resümee, ohne eine Zusammenfassung, die im Nachgang leichter zugänglich wäre als das Archiv im Internet, das fast so unhandlich ist wie die flimmernde Homepage mit dem aktuellen Programm. Dieses Jahr gibt es jedoch ein Abschlussforum am 4. und 5. März, und gegen das Flimmern helfen Zettel und Broschüren. So enthält das neue Heft einen Aufsatz von Gansing, der endlich verständlich macht, was „post-digital“ bedeutet.

Den großen blinden Fleck der Transmediale erhellt das noch nicht. Ihre Leiter haben die Welt verschieden interpretiert, und doch sehen sie diese seit Micky Kwellas Ausscheiden vor allem vom luxuriösen Ufer des ­Digital Gap, von diesseits des Digitalen Grabens, der verdrahtete Großstädte von Dörfern ohne Netz, Chefs der IT-Branche von Pflegerinnen, Reich von Arm, den Norden von weiten Teilen des Südens trennt.

Da es aber auch darauf ankommt, die Welt zu verändern, müsse die landeseigenen Kulturprojekte, Träger der Transmediale, für die Ära nach Gansing endlich eine Frau finden, sogar eine Frau mit Erfahrung von jenseits des Digitalen Grabens. Die Welt ist rund, damit das Denken seine Richtung wechseln kann. Am Geld soll es nicht scheitern. Die Transmediale erhält von der Bundeskulturstiftung die nächsten fünf Jahre je 100.000 Euro mehr als bisher, 550.000 Euro. Auch dazu herzlichen Glückwunsch.

3.3.–5.2.: HKW, John-Foster-Dulles-Allee 10, Tiergarten, Fr–So ab 10 Uhr, Tickets ab 8 €

Programm unter www.transmediale.de

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