Digitale Kultur

Medien machen Menschen

Zum letzten Mal leitet Kristoffer Gansing die Transmediale, das Festival für ­digitale Kulturen. Das Thema 2020: Fluch und Segen von Netzwerken

Von elektronischer Landwirtschaft bis Hass-Botschaften: Die Digitalisierung steckt voller Herausforderungen. Der Medienwissenschaftler Kristoffer Gansing, der 2020 die Transmediale zum letzten Mal leitet, hat daher für die neue Ausgabe des Festivals für digitale Kultur ein übergeordnetes Sujet gewählt. Es geht um Netzwerke, einst Synonym für die Hoffnung auf flache Hierarchien und schnelle Handlungsmöglichkeiten für Akteur*innen der Zivilgesellschaft. Die Frage, ob und wie sich ihr emanzipatives Potenzial beleben lässt, steckt in vielen künstlerischen und diskursiven Beiträgen des viertägigen Festivals, das am 28. ­Januar eröffnet hat. So finden sich in der Festival-Ausstellung auch Beiträge von Netz-Pio­nieren wie Blank & Jeron aus Berlin.

©Luca Girardini, CC NC-SA 4.0
„The Eternal Network“, Ausstellung der 33. Transmediale 2020, im HKW Berlin.
©Luca Girardini, CC NC-SA 4.0

Während Gansings neun Berliner Jahren sind weltweit Risiken der Digitalisierung erfahrbar geworden. Als prägende Ereig­nisse nennt er die Manipulation von Wahlen und die NSA-Affäre 2013, publik gemacht von Edward Snowden, „dessen Enthüllungen den Beginn eines dunklen Jahrzehnts markieren“. Gansing ist mit seiner professionellen Skepis gegenüber Technik der richtige Leiter für diese Zeit gewesen. Doch hat er auch viel Kritik erhalten, etwa für die Reduktion populärer Veranstaltungen rund um die Fachgespräche. Diese finden 2020 am Freitag und Sonnabend ausnahmesweise in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz statt – der große Saal des HKW wird überarbeitet.

Ab 2021 wird die Transmediale erstmals von einer Kuratorin geleitet. Nora O Murchú aus Irland gilt als Expertin für den Einfluss des Digitalen auf Kunst. In der Ausschreibung hieß es, die neue Leitung solle sich auch um mehr Diversität und Fundraising bei dem von der Bundeskulturstiftung geförderten Festivals bemühen. Micz Flor vom Transmediale-Beirat formuliert es euphorischer: „Die katalytische und international einzigartige Rolle der transmediale in einer zunehmend beschleunigten und instabilen Zeit immer wieder neu zu gestalten, ist aus meiner Sicht Nora O Murchús dringendster Auftrag.“

Konkreter ist es auf dem Empfang für Freund*innen und förder*innen leider nicht geworden. Nach Dankworten für Gansings Tätigkeit von Horentsia Völckers, der Leiterin der Bundeskulturstiftung, vom Berliner Kultursenator Klaus Lederer und Bernd Scherer, dem Intendanten des HKW, interviewten sich O Murchú und Gansing auf der Bühne. Keine gute Idee, denn so konnte O Murchú mehr als vage bleiben: Außer, dass sie viel nachdenkt über „neue Wege“ und „neue Fenster“, hat die ehemalige Datendesignerin nicht preisgegeben.

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„Molecular Sex“ von Johanna Bruckner der Ausstellung „The Eternal Network“, 33. Transmediale 2020, ©Luca Girardini, CC NC-SA 4.0

Ebenfalls vage bleibt die Ausstellung. „The Eternal Network“  hat viel Platz die Beiträge stehen luftig und frei, von den Ausstellungsarchitekt*innen von raumlabor  raumlabor.net in Aufbauten sorgfältig insezniert und mit der einen und anderen Möglichkeit verseehen, sich niederzulassen und sich interaktiven Arbeiten in Ruhe zu widmen.

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„Asunder“ (2019) von Tega Brain, Julian Oliver, Bengt Sjölén in der Ausstellung „The Eternal Network“ der 33. Transmediale 2020, Berlin ©Luca Girardini, CC NC-SA 4.0

Doch einen Aha-Moment lösen nur wenige aus, am ehesten noch die große Installation „Asunder“ (2019) von Tega Brain, Julian Oliver und Bengt Sjölén, bestehend aus einem Supercomputer und neuronalen Netzwerken, die permanent live Satelliten-, Klima- und Social-Media-Daten und solche zur Geologie, Artenvielfalt und Bevölkerungen ausgewählter Regionen wie dem Silicon Valley übertragen. Auf die Wände werden die Daten in Gestalt wissenschaftlich anmutender Grafiken projiziert. Dazu kommen Luftaufnahmen von klimatisch belasteten Regionen, in denen der Computer die Geo-Engineering-Prozesse simuliert. Ufer, Berge, Vegetation, Flussverläufe, alles ändert sich in Sekundenschnelle. Aber Freude macht das nicht: Erst schädigt die Industrialisierung den Planeten, dann denkt sich der Mensch Maschinen aus, die ihn reparieren sollen. Doch die Folgen des Geo-Engeneering, scheinen die Künstler hier ebenso wenig zu thematisieren wie es die Anhänger dieses Zweigs der Ingenieurswissenschaften tun.

29.1., 19 Uhr: Vortrag von Mél Hogan & Joshua Neves, Kanadische Botschaft, Leipziger Platz
21 Uhr CTM- & TM-Nacht im Berghain
30.1. ab 14 Uhr: Film- und Videotag, Haus der Kulturen der Welt (HKW), J.-F.-Dulles-Allee 10
31.1. + 1.2., 10–20 Uhr: Symposien in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
Bis 1.3.: Ausstellung im HKW, s. S. 69

Zur Ausstellungdes CTM-Festivals:
https://www.zitty.de/ctm-kunstraumkreuzberg/