Wenn das schöne Plastik scheint

Tropical Islands

Das Tropical Islands gilt für viele Berliner als eine in die platte Landschaft gesetzte Natursünde, als Urlaubsparadies für kulturlose Landeier. Unser Autor war trotzdem dort

Text: Alexander Krex

Ich werde nass, noch bevor ich mich in die rostfreie Rinne der Wasserrutsche katapultiere. Nämlich so: Der Junge, der hinter mir ansteht, niest mir mit Schwung in den Rücken.
Ich hätte nicht kommen sollen.

Eine Stunde zuvor: Niemand außer mir rührt sich, als der riesige Hangar in Sichtweite kommt. Niemand zeigt mit dem Finger darauf, niemand klebt mit der Nase an der Scheibe, niemand staunt, nicht laut und auch nicht leise. Es riecht nach Doppelkeks – und nichts passiert. Der Bus shuttelt einfach weiter über die Betonplatten, die 35 Kilometer südlich von Berlin im Brandenburger Sand liegen. Dabei ist die Halle, die da hinter Kiefern und Birken auftaucht, wirklich beeindruckend, sie sieht aus wie ein gigantisches umgedrehtes Nudelsieb. In der Vormittagssonne glänzt sie silbrig.

Las Vegas im Mischwald

Wir sind auf dem Weg in die Tropical-­Islands-Allee 1, 15910 Krausnick. Ja, das Ding hat wirklich eine Adresse, als ob der Postbeamte überlegen müsste, welches Tropical Islands wohl gemeint ist. Die ­Halle steht seit 2000, sie wurde errichtet, um darin einen Transportzeppelin zusammenzubauen. Es gab sogar schon eine flugfähige Miniatur, Maßstab 1:25. Dann war das Geld alle, und jemand mit einer anderen Vision übernahm das größte freitragende Gebäude der Welt. An der höchsten Stelle ist das Dach 107 Meter hoch, es überwölbt 66.000 Quadratmeter. Statt ein Fluggerät zu entwickeln hat man dann eine Tropenlandschaft im Kleinformat in die Halle gestopft. Es ist das genaue Gegenteil der Ursprungsidee: Aus einem Ding, das fliegen sollte, wurde ein Ding, das Fliegen unnötig macht.

Den ganzen Tag pendelt der Bus zwischen dem Provinzbahnhof mit den eingeworfenen Fenstern und Tropical Islands. Ein ganz normaler Bus eigentlich, nur dass die Sitzbezüge ein Dschungelmuster mit lila Vögeln aufweisen, Kolibris oder so was. Neben meinem Kopf klebt ein freundliches Hinweisschild: „Bitte nicht mit nassen ­Badesachen auf die Sitze setzen. Vielen Dank.“ Menschen in Wind- und Wetter­jacken steigen aus und schlappen der ­Halle entgegen. Sie grinsen aufgeregt, denn das Betreten der Halle muss man sich wie den Moment vorstellen, in dem man aus dem Flugzeug in ein fremdes Land steigt. Schnell rein ins aufgeschüttete Paradies: draußen 2 Grad, drinnen 29,2. Es gibt echte Palmen und echten Strandsand, aber das Beste ist natürlich das Dach gegen die Unzuverlässigkeit des echten Himmels. Ich komme mir vor wie in einer dieser mittelalterlichen Darstellungen des Himmelszelts, an dem Gott oder wer auch immer die Sterne aufgehängt hat.

Koi-Teich mit Buddha-Statue

Schwer zu sagen, wie bekloppt das hier ­alles ist. Andererseits: Wer wollte den armen Menschen aus dem Großraum Berlin mit seinem kontinental-kalten Winter ein bisschen Wärme verwehren? Ich würde sagen, die Sache ist nicht bescheuerter als ein Eiffelturm in Las Vegas oder ein auf 22 Grad gekühltes Olympiastadion in Katar.

Ich kaufe eine Tageskarte (34,50 Euro) und schnalle mir eine Armbanduhr um, mit der ich bargeldlos bezahlen und meinen Schrank verschließen kann. Den muss ich im Labyrinth aus orangefarbenen Türen nur noch finden. Es sind so viele, dass immer mindestens eine gerade geschlossen wird, ich höre: klapp, klapp … klapp, klapp. Lampen, die ich eher in einer Textilfabrik vermutet hätte, scheinen auf Terrazzo­boden, tropfende Menschen kreuzen meinen Weg. Auch ein Bayer mit vielen Kindern und einem ganzen Unterarm voller Uhren. In manchen Gängen sitzen Groß­eltern und Enkel vor ihren Schränken und kauen mitgebrachte Käsebrote, weil die Tropen-Pommes zu teuer sind. Sie schauen beschämt, denn das Mitbringen von Speisen und Getränken ist „aus hygienischen Gründen“ nicht gestattet. Endlich, Schrank 7.711.

Die Umkleidehöhle befindet sich im Bauch einer Kunststoffklippe, auf der eine pseudohistorische Hafenstadt thront. Man kann hier auch übernachten, in den Zimmern hängen Plasmafernseher. Zum Meer führt der gewundene „Regenwaldpfad“, ich laufe über eine Holzbrücke, unter der Flamingos auf einem Bein stehen und vorbei an einem Teich voller Kois, in dessen Mitte eine Buddha-Statue hockt. Die ­Gebäude – Saunen, Toilettenhäuschen, ­Restaurants – sind aus allen Teilen der Welt zusammengecastet: südamerikanische Tempel, afrikanische Häuschen, pazifische Kultstätten. Plötzlich habe ich die erste Begegnung mit einem Tropenbewohner, er trägt Gesundheitslatschen und ein Shirt mit „Halt die Fresse“-Schriftzug.

An der südlichen Längsseite der Halle – wo sonst? – liegt die „Südsee“: ein großer Pool mit Inseln, die man nicht betreten darf, auf denen Bambushütten stehen, die man nicht betreten darf. Vielleicht 150 Meter Strand, heller Sand, der allerdings nicht sanft ins Wasser abfällt, sondern von einem Fußbadstreifen abgetrennt wird, damit die „Südsee“ nicht versandet.

Angst vor dem Sonnenbrand

In der am weitesten vom Strand entfernten Reihe ist noch ein freier Liegestuhl. Ich werfe mein Handtuch darauf, auch wenn ich hier schon fast auf der Terrasse des Res­taurants Palm Beach liege. Hinter mir bestellt einer das Rumpsteak mit Knoblauchbrot. Ich blättere ein wenig im hauseigenen „Wohlfühlmagazin“, das ich in der Hafenstadt gefunden habe. Darin steht, dass die Pools um zwei Uhr nachts gereinigt werden, dass man nur auf dem Dach der Kräuterschwitzhütte rauchen darf und dass die transparente Dachfolie 80 Prozent der Sonnenstrahlen durchlässt. Im Sommer kann man sich hier drin also einen echten Sonnenbrand holen. Es gibt Strandduschen, aber kein Meersalz, das man sich von der Haut waschen könnte.

Es gibt auch einen Rettungsschwimmer: Mit wichtiger Gangart patrouilliert er durch den Fußbadfluss. Nur der Wind fehlt, keine Böe, die das Kindergeschrei wegtragen würde. Unter der gebogenen ­Decke hallt es, als wäre das hier der ­Urlaubs-Remix eines Techno-DJs.

Tropical Islands ist eine Simulation, ein Modell, das Erkenntnisse über das reale Phänomen Urlaub ermöglicht. Meine Beob­achtungen ergeben: Es gibt keinen Unterschied. Urlaub ist generell nicht an den Ort gebunden, reine Kopfsache, es reicht, ein paar Palmen aufzustellen – dass diese hier echt sind, ist schon mehr, als nötig gewesen wäre. Dass es keine Lautsprecherdurchsagen wie im Freibad gibt, ist ein weiteres Zugeständnis der Betreiber an die Authentizität ihrer Simulation. Genauso der Briefkasten, der am Ausgang auf einem Holzpfahl steht.

Hinter der Südsee, sozusagen am Horizont, spannt sich ein perfekt blauer Himmel mit Schönwetterwolken auf, es ist eine Plastikplane, vielleicht sieben Meter hoch. Der Himmel wirft ein paar Falten, das ist aber nicht das einzige Problem, er hat auch ein Loch, das sehe ich, als ich hinschwimme. Es ist eine blaue Tür, versteckt hinter einer Pflanzeninsel. Sie führt zu einem Büro, nichts Interessantes, ein paar Aktenschränke, vielleicht die Steuerunterlagen. Oder die Protokolle der Kakerlakenvorfälle – die soll es hier nämlich geben, habe ich gehört.

Die Shoppinghütten stehen hinterm „Tropendorf“. Der Weg dorthin führt an einer Rutsche vorbei, die sich wie eine Boa constrictor aus dem Blätterdach schraubt. Ich will rutschen, aber eine Schranke versperrt mir den Weg. Das hier ist der „Aufbuchungsbereich“, Spaß kostet extra, fünf Euro. Also weiter: links die Minigolfanlage, rechts der Kinderclub Tropino. Dann wieder ein paar Wohneinheiten, Zelte aus weißem Stoff auf weißem Sand, dazwischen Container für benutzte Bettwäsche.

Der Minimarkt liegt neben dem Surfershop und dem Airbrush-Tattoo-Laden. Ich gehe rein, krame mir ein Eis aus der Tiefkühltruhe und bezahle bei einem Typen, dessen T-Shirt wahrscheinlich aus den Sitzbezügen des Shuttlebusses geschneidert wurde. Vor der Tür fahren zwei Dicke auf ausgeliehenen Segways im Kreis.

Tagesgäste sind das niedere Volk

Mein Eis esse ich drüben an der „Lagune“. Idyllisch, wie der Wasserfall da vom Plas­tikfelsen rauscht, leider riecht es, als hätte jemand vergessen, seine Badesachen auszupacken. Entlang des Strandes stehen die Hütten der Übernachtungsgäste. Sie hängen auf ihren Liegestühlen und betrachten abschätzig die Tagesgäste, die am Abend wieder rausmüssen. Ich stecke meinen Eis­stiel in den Sand und begutachte die Wasserrutsche – eine Kleinkinderrutsche mit dem Gefälle einer Rollstuhlrampe, dafür ist sie kostenlos.

Ein paar Stufen, und ich stehe oben, ich warte darauf, dass die Ampel von rot auf grün springt. Vor meinen Füßen sprudelt das Wasser, ich warte. Woher soll ich auch wissen, dass dem Jungen hinter mir niemand beigebracht hat, sich die Hände vors Gesicht zu halten, wenn er niesen muss, meinetwegen auch einen Schwimmflügel. Die Ampel springt auf grün. Zu spät.

Ich verlasse die Tropen durch eine Drehtür, wie man sie aus dem Hallenbad kennt, draußen riecht es nach echter Luft und Zigaretten. Die Heimreisenden halten „Tropical Islands“-Plastiktüten in ihren Händen, die schwer nach Discounter aussehen. Sie tragen sie mit Stolz in den Shuttlebus, als wären sie aus dem KaDeWe.

Der Bus rollt los, aber es dreht sich niemand um, niemand will die gigantische Halle zwischen Birken und Kiefern noch einmal sehen, die jetzt glitzert wie der Ozean in der Abendsonne. Die Leute haben anderes zu tun. Die Frau neben mir zum Beispiel ist damit beschäftigt, die Luft aus dem pinken Delfin mit dem debilen Grinsen zu quetschen.

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