NEUER CIRCUS

Die Kraft der Diaspora

Zum 40. Jubiläum der ufaFabrik kehrt der vietnamesische Star-Regisseur Tuan Le mit „OverSeas“ an den Ort seiner Anfänge zurück

Text: Friedhelm Teicke

Eine Feier der Unterschiede und der Vielfalt: Dennis MacDao in „OverSeas“ – Fotos: S. Beguin

Vielleicht das beste Geschenk macht der ufaFabrik zu ihrem 40. Geburtstag ein ehemaliger Bewohner des Geländes. Mit dem zeitgenössischen Circus-Stück „Overseas“ kehrt Tuan Le an den Startort seiner ­atemberaubenden Karriere zurück. Der junge Vietnamese zog von Tempelhof in die Welt, wurde ein Star des Cirque du Soleil, erst als Artist, ­später als Chefchoreograf der von James Camerons „Avatar“ inspirierten Broad­way-Show „Toruk“.

Heute ist Tuan Le der künstlerische Leiter von Vietnams größter Circus-Com­pany und ein welt­weit hochgehandelter Show­erfinder. Seine großformatigen Neue-Circus-Produktionen werden rund um die Welt gezeigt.

Doch Le begann seine atemberaubende Karriere in den 1990er-Jahren als jugendlicher Jongleur im ufa-Circus. Er lebte sogar einige Jahre in einem alten Zirkuswagen auf dem Gelände.

Als 12-Jähriger kam der Viet­namese nach Berlin und hatte bereits einige Schicksalsschläge erlebt: Seine Mutter starb, als er noch ein Baby war, sein Vater, ein Musi­ker, ist nach einem Schlaganfall gelähmt, da ist Tuan gerade mal 6. Über seinen älteren Bruder kommt er mit Zirkuskunst in Kontakt, in Berlin entdeckt und fördert ­Juppy sein Talent im ufa-Circus.

„Ich bin in der ufaFabrik aufgewachsen, körperlich wie seelisch“, sagt Tuan Le heute. „Natürlich vergesse ich nie meine vietnamesischen Wurzeln, aber Berlin und die ufaFabrik haben mir die Grundlage zu allem gegeben, was ich bis heute erreicht habe.“

Show-Kreateur Tuan Le – Foto: Nhan Dan

Normalerweise sind seine Shows zu groß und aufwändig für die ­Bühnenmaße der ufaFabrik. Dass er mit der für seine Verhältnisse eher kleinformatigen Show „OverSeas“ nun zum Jubiläum dort spielen kann, „ist wie nach Hause zu kommen.“ Die in ­Vietnam, Frankreich und teilweise auch in Berlin entstandene Show ist eine Zusammenarbeit zwischen Tuan Le und ­Nguyên Lê, einem bekannten Pariser Jazz-Musiker, der wie Tuan aus Vietnam stammt.

Ihr ­Thema ist die Diaspora. Das Ensemble besteht aus überall in der Welt lebenden Künstler*innen viet­namesischer Abstammung. „Wir kommen zusammen, um gemeinsam aus Traditionen und neuen Einflüssen eine eigene artistische Sprache zu entwickeln“, erklärt Le. So verbindet er in seinem ­Neuen Circus Tanz mit Akrobatik und Viet­nam mit Europa als eine Feier der Unterschiede und der Vielfalt.

„Kultur entsteht, wo wir miteinander aktiv sind – egal wo“, sagt Le. „Wir arbeiten und leben als Künstler irgendwo in der Welt, doch irgendwie ist da immer die Frage nach der Identität, nach unseren vietnamesischen Wurzeln. Auch in Berlin leben viele Menschen, die ,OverSeas‘ sind. Das Thema ist sehr aktuell.“

26.–29.6., 20.30 Uhr, 30.6., 19.30 Uhr, ufa­Fabrik, Viktoriastr. 10-18, Tempelhof. Regie: Tuan Le; musikal. Ltg.: Nguyên Lê; mit Hong Nguyen Thai, Dennis MacDao, Alex Tran, Quang Ngo Hong, Trung Bao u.a., Eintritt 20, erm. 12–16 €, www.ufafabrik.de