Was mich beschäftigt

Harte Türpolitik 

In der Rubrik „Was mich beschäftigt“ stellen sich Zitty-Autoren große und kleine Gewissensfragen. Dieses Mal: Zitty-Volontärin Xenia Balzereit
Foto: Sarah Bergmann

Samstagnacht am Wriezener Bahnhof: Hunderte Menschen stehen Schlange, um im Berghain, dem berühmtesten Technoclub Deutschlands, zu feiern, zu tanzen und sich dem Exzess hinzugeben. Trotzdem ist es ungewöhnlich still dafür, dass hier Menschen stehen, die wahrscheinlich schon vorgeglüht haben. Sie ziehen an Zigaretten, trinken Bier, unterhalten sich leise. Die meiste Zeit aber blicken sie bang auf den Steinkoloss vor ihnen.

Die Zurückhaltung hat einen Grund: Die Tür des Berghains gilt als die härteste Deutschlands, immer wieder schicken die Türsteher Feierwütige mit einem knappen „heute leider nicht“ weg. Die Menschen in der Schlange wollen nicht schon unangenehm auffallen, bevor sie vor den Türstehern stehen.

Aber nicht nur im Berghain, auch in vielen anderen angesagten Berliner Technoclubs sind die Türsteher*innen wählerisch: in der Griessmuehle, im About Blank, im Sisyphos. Sie mustern die Menschen, fragen sie, ob sie schon mal im Club oder bei der Partyreihe waren, ob sie wissen, wer auflegt oder dass es sich um eine sex-positive Party handelt – wenn es eine ist. Aus Warteschlangen vor Technoclubs in anderen Städten kenne ich diese angespannte Stimmung nicht. In der Schlange vor dem Gewölbe in Köln zum Beispiel, dem Club mit der besten Anlage der Stadt und einem ausgesuchten Booking, herrscht meist ausgelassene Heiterkeit, manchmal zerschellen Bierflaschen auf der Straße. Trotzdem kommen alle rein.

Aber die Stimmung ist anders als in den Berliner Clubs. Niemand tanzt oben ohne, schon gar keine Frau. Das Publikum ist weniger divers, man sieht weniger Menschen, die crossdressen und weniger Harnesse – Schultergurte aus Leder, die besonders oft von muskulösen Schwulen getragen werden. Eine Freundin von mir hat in einem Kölner Club einem Typen mal mit viel Kraft eine gescheuert, weil er ihr zwischen die Beine gepackt hat und auch ich wurde dort schon an Stellen berührt, an denen ich keine fremde Hand spüren will. In Berlin ist mir das in den genannten Clubs noch nicht passiert.

Man könnte vermuten, dass das an den harten Türsteherinnen liegt, die von vornherein stark alkoholisierte Männer in Gruppen nicht hereinlassen. Oder Männer, die offensichtlich hetero sind und danach aussehen, als wären sie irgendwie toxisch männlich. Das ist das Grundproblem von Türsteherinnen: Sie entscheiden anhand von Äußerlichkeiten und dem Verhalten der Menschen in der kurzen Zeit im vorderen Teil der Schlange, ob sie der Party würdig sind. In der Berliner Clubszene hilft meistens ein bestimmter Look und ein distinguiertes Auftreten. Ein bisschen Androgynität hier, ein wenig Kink da, ein paar Raver-Klamotten aus den 90ern obendrauf und man kommt an den meisten Türsteher*innen vorbei. Das ist elitär und führt dazu, dass die Justins aus dem Märkischen Viertel nicht reinkommen. Und es lässt das Publikum homogener werden. Außerdem führt es zu Anspannung am Wochenende – der Zeit, in der man Spaß haben will.

Andererseits schafft die restriktive Türpolitik aber etwas, das einem Safe Space für Männer, Frauen und Transpersonen jeglicher Sexualität zumindest nahekommt. Eine der Veranstalterinnen der Partyreihe Wet, die sich explizit an Lesben richtet, sagt: „Eine Lesbenparty verfehlt ihren Sinn, sobald zu viele Männer da sind.“ Die harte Türpolitik dort hat einen Grund – genauso wie auf vielen anderen Partys. Ob das Publikum am Ende wirklich so tolerant, liberal und divers ist, wie geplant, steht auf einem anderen Blatt.

Mehr zum Thema: