»Gefängnis oder Kugelhagel«

Über das Ende der linken Gewalt

Brandanschläge und Patronen per Post: So radikal wie die militante Gruppe „mg“ bis 2007 waren Deutschlands Linksextremisten nie mehr. mg-Mitglied Oliver Rast über das Ende der linken Gewalt – und wie er mit dem Rechtsruck in Deutschland umgeht Herr Rast, Sie sind so etwas wie ein offizieller Staatsfeind. Glauben Sie, wir werden gerade beobachtet?
Ich gehe davon aus, dass ich phasenweise beobachtet werde. Aber für mich war mit 17 klar, dass es den biografischen Knick geben kann, von Repression, Inhaftierung und sämtlichen Problemlagen, die damit verbunden sind. Es war für mich schon als junger Mensch eine Möglichkeit, dass das im Gefängnis enden kann, oder auch im Kugelhagel.

Dreieinhalb Jahre Haft – in autoritären Staaten wären Sie vermutlich weit schwerer bestraft worden.
Ich bin inzwischen ein Anhänger der Verteidigung von Grundrechten geworden, weil es schon ein Unterschied ist, wenn man inhaftiert wird, ob das eine Form von ­roter, blutiger Vernichtungshaft ist, oder ob sich Möglichkeiten ergeben, juristisch gegen Haftverschärfungen vorzugehen. Das hätte ich sicherlich vor einigen Jahren als nebensächliches Feld abgetan, wofür sich ­Caritas oder Amnesty zu engagieren haben. Aber die haben da offensichtlich keine Gestaltungskraft, also muss man das als Linksradikaler auch noch mitbestellen.

Linke Gewalt beim G20-Gipfel. Für Oliver Rast vor allem ein Medienphänomen

Seit dem Ende der militanten Gruppe und der Nach­folgeorganisation Revolutionäre Aktionszellen (RAZ) gibt es in Deutschland keine linksradikale Gruppe mehr, die unter einem Markennamen militant agiert. Warum ist das so?
Dass sich Menschen diesem erhöhten Fahndungsdruck nicht aussetzen wollen, finde ich total nachvollziehbar. Und was hinzukommt: Es ist schwierig, generations­übergreifend in der radikalen Linken Wissen und ­Erfahrungswerte weiterzugeben, Interventionsformen zu vermitteln. Ich hatte noch das Glück, in Anführungszeichen, dass ich Kontakt mit ehemaligen Inhaftierten der RAF haben durfte, mit Genossinnen und Genossen der Bewegung 2. Juni, ich zähle zu einer Generation, die noch Tuchfühlung hatte zu den Kämpfen der 70er- und 80er-Jahre. Das dürfte den jüngeren Agierenden fehlen.

Hat es vielleicht auch mit der technischen Hochrüstung der Sicherheitskräfte zu tun?
Die Befürchtung habe ich. Die Schere ist immer weiter auseinander gegangen zwischen den Potenzialen des Staatsapparates und den Möglichkeiten der radikalen Linken. Brave New World. Da ist ein enormer Terrain­verlust feststellbar. Das stimmt mich manchmal ein bisschen melancholisch.

Oliver Rast
ZUR PERSON Oliver Rast, 46, wurde 2009 wegen Mitgliedschaft in der „militanten gruppe (mg)“ zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Die mg hat sich von 2001 bis 2007 zu zahlreichen Brandanschlägen, unter anderem auf ­Bundeswehrfahrzeuge, bekannt, und als Drohung an politische Gegner Patronen verschickt. Im Gefängnis gründete Rast mit Mehmet Aykol die Gefangenengewerkschaft GG/BO, er bekam dafür den Fritz-Bauer-Preis der Humanistischen Union verliehen. Die Preisträger vor und nach ihm waren Edward Snowden und Hans-Christian Ströbele. Rast arbeitet als Buchhändler in der Buchhandlung Rotes Antiquariat und schreibt Sportberichte für die „Junge Welt“.
Foto: ;Saskia Uppenkamp / www.saskia-uppenkamp.com

Warum hat die Welt trotzdem so viel Angst vor dem Schwarzen Block?
Für mich ist das ein Mediending. Die Frage müsste an entsprechende Medienproduzenten gestellt werden. G20 bot sich vermutlich an, diesen Schwarzen Block als Monolith zu kreieren, aber das hat mit dem Innenverhältnis sehr wenig zu tun. Weil es kaum ein diskussionsfreudigeres und heterogeneres Spektrum gibt als die Menschen, die sich aufgrund ihrer dunkelbunten Kleidung anlassbezogen für ein paar Stunden im Schwarzen Block zusammenfinden.

Sah die mg sich in der Tradition der RAF?
In dieser Form nicht. Da ist eine Unterscheidung zu ­treffen zwischen dem Aufbau einer Stadtguerilla, mit dem Ziel: Praxis des bewaffneten Kampfes und damit auch verknüpft der Illegalität – und dem Feld der klandestinen Militanz, dem, Anführungszeichen, Feierabendterrorismus, bei dem die Menschen in der Regel einem ganz normalen Alltag nachgehen. Und der praktische Ausdruck ist auch ein anderer. Klandestine Mili­tanz reicht von Sprühen, Türschlösser verkleben bis hin zu Selbstlaboraten, die eine Sprengwirkung haben. Das unterscheidet sich aber explizit von einem bewaffneten Kampf, der auch mit Schusswaffen geführt wird.

Warum hat die mg keine Schusswaffen verwendet?
Das ist eine verdammt berechtigte Frage. Also ich bin ein Anhänger davon, nicht unabhängig von Diskussions­stand und Praxisniveau in der radikalen Linken zu agieren. Es ist auch eine Frage, ob man dem Repressionsdruck standhalten kann. Der Einsatz der Schusswaffe, das wird sicher in unserem Milieu fünfmal mehr durchdiskutiert. Damals gab es in der Mehrzahl das ­Ergebnis, dass man sich logistisch und organisatorisch vorbereitet, durchaus mal einen Praxistest unternimmt mit Schusswaffen oder industriellem Sprengstoff, dass es aber aufgrund der strukturellen Schwäche nicht angezeigt ist, voreilig das erste, zweite, dritte Fanal zu setzen. Das war Ende der 1960er-Jahre und Anfang der 1970er ein anderes Klima. Sogar weltweit. Ich wüsste nicht, in welchem Winkel der Welt es damals nicht eine sozialis­tische, antikolonialistische Befreiungsbewegung gegeben hätte, die auch bewaffnet agiert. Das war vor 10, 15 Jahren nicht der Fall.

Könnten Sie einen Menschen töten?
Aktivistinnen und Aktivisten aus der radikalen Linken, die zu Mitteln des bewaffneten Kampfs gegriffen haben, ging es nie um das Töten von Menschen. Das wäre komplett entpolitisiert – und ist mit meiner Vorstellung von politischer Ethik unvereinbar. Richtig ist, dass es in ­bestimmten Phasen gesellschaftlicher Konfrontationen Attentate auf Entscheidungsträger aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft gegeben hat, um zum Beispiel das tödliche Tagesgeschäft von NATO-Kriegsstrategen zu unterbinden. Und gegen einen klassischen Tyrannenmord fehlen mir die Argumente.

Vermissen Sie den linken Terrorismus?
Ich habe das mal an einer Häuserwand als Parolenform entdeckt: „Keine Stadtguerilla ist auch keine Lösung.“ Ohne dass ich in irgendeiner Form strafbare Handlungen hier belobigen oder befördern will, aber eine radikale Linke ist nur komplett, wenn sie strukturell, praktisch, inhaltlich alle Felder abdeckt.

Militante Linke gibt es ja aber weiterhin.
Anlassbezogene, kampagnenspezifische militante Akti­vitäten oder Straßenmilitanz, beziehungsweise sogenannte Massenmilitanz, wenn mehrere hundert Menschen die Entschlusskraft aufbringen, gegen die Staatsgewalt in Form der Polizeieinheiten vorzugehen. Aber das neue rebellische Subjekt sind Teile der aktiven Fanszenen in Deutschland.

Sind Hooligans nicht meistens eher rechts?
Das Spektrum von Leuten, die sich aufgrund ihrer Sportbegeisterung als Hooligans definieren, ist breit. In einzelnen Klubs habe ich Menschen treffen können, die ihre Freizeitbeschäftigung mit einem linken Grundverständnis in Einklang bringen. Warum auch nicht. Zudem sind die Ultras verschiedener Vereine, die ­aktuell die Kampagnen gegen die verschärften Repres­sionen gegen Fußballfans fahren, oft linksoffen.

Wie militant sind Hausprojekte wie Rigaer94, Köpi und so weiter?

Köpi137
Veranstaltungsort für gute Konzerte oder Keimzelle der linken Bewegung? Köpi137
Foto: no more blah blah / flickr.com / CC BY 2.0

Das ist, glaube ich, Teil des Medienrummels, dass solche Wohnquartiere als der zentrale Hort der zukünftigen linksradikalen Militanz dargestellt werden. Ich habe Anfang der 1990er die Besetzung der Mainzer ­Straße mitbegleitet, da war das vielleicht wirklich so, dass ­dieser Straßenzug so etwas wie eine Keimzelle war. Aber die Rigaer Straße oder die Köpi hab ich eher als Veranstaltungsorte für gute Konzerte wahrgenommen. Die haben, glaube ich, auch so viele Konflikte intern, dass sie überfordert wären, die Rolle einer ­linksradikalen Avantgarde zu übernehmen.

Zur Zeit erleben wir in Deutschland einen Rechtsruck. Sollte die radikale Linke sich stärker dagegen auflehnen?
Das ist immer mit der Gefahr unterlegt, dass man für das herrschende System die Feuerwehr spielt. Aber es ist natürlich wichtig, der AfD-isierung der Adminis­tration entgegenzuwirken, weil wenn sich diese ­ganzen Personen und Strukturen innerhalb des Appa­rats festgesetzt haben, braucht es wieder Dekaden, bis ­dieser reaktionäre Geist herausgespült wird. Da suche ich persönlich schon Bündniskonstellationen zu sozial­reformerischen Kräften und zivilgesellschaftlichen Bewegungen.

Die zwei erfolgreichen Revolutionen in Deutschland – die, die das Kaiserreich, und die, die die DDR-Führung stürzte – waren weitgehend friedlich. Warum geht es bei Ihnen eigentlich immer um Gewalt?
Als ich politisch aktiv wurde, war die Gewalt schon längst da. In Form von struktureller Gewalt. Die radi­kale Linke hat Gewalt, Gewaltverhältnisse, Exzesse, Massaker, nicht erfunden, sondern vorgefunden. Das ­würde ich auf einen marxistischen Kerngrundsatz runter­brechen: Materielle Gewalt ist eine Geburtshelferin von gesellschaftlicher Transformation. Da hängt es ganz und gar vom Inhalt ab.

Haben Sie noch Hoffnung auf die Weltrevolution?
Das ist mein Vorteil, ich bin ein total bodenständiger Bengel aus dem Märkischen Viertel und war nie mit so romantizistischen Visionen unterwegs. Ich sehe uns in Abwehrkämpfen und würde mich sperren, einen ­großen revolutionären Entwurf zu liefern. Das überfordert mich aktuell.

Buch über die Ermittlungen gegen die mg und Oliver Rast: Frank Brunner: „Mit aller Härte“, Lübbe, 252 S., 15 €