Kino

Überleben in Neukölln

Noch in den 90ern galt es als extrem uncool, in Neukölln zu leben: eine kulturell ziemlich öde ­Gegend, die von urwüchsigen Prolls beherrscht wurde. Dann wurden Kreuzberg, Prenzlauer Berg und Friedrichshain immer schicker und teurer. (Überlebens-) Künstler und andere, die notorisch wenig Geld ­haben, wurden nach Neukölln verdrängt. Wo sie, wie aus dem Lehrbuch, ungewollt die Gentrifizierung in Gang setzten. Bald wird Neukölln so ätzend sein wie Prenzlauer Berg.

Nicht unterzukriegen: Juwelia
Foto: Missing Films

Rosa von Praunheims neuer Film, bei dem sein langjähriger Mitarbeiter Markus Tiarks als Co-Regisseur fungiert, zeigt, wie der von Krieg und Kahlschlag­sanierung kaum zerstörte Norden Neuköllns als Refugium für Menschen dient, die nicht der gesell­schaftlichen Norm entsprechen, mit Hauptaugenmerk auf „queere“ Persönlichkeiten. Als ­roter Faden zwischen den Begegnungen, Gesprächen, Impressionen fungiert Stefan Stricker alias ­Juwelia, Künstler/in, Salonbetreiber/in, Paradiesvogel.

Eigentlich ist dies eine Aneinanderreihung skizzenhafter Kurzporträts von Menschen, die kämpfen: für ein selbstbestimmtes Leben, für eine tolerantere, vielfältigere Gesellschaft. Voller Sympathie für sie und auch mit einem gewissen Optimismus zeichnet die Doku ein vielleicht etwas zu ideali­sierendes Bild: So richtig Probleme scheinen nur die steigenden Mieten zu bereiten. Erst ganz am Ende des Films ­berichtet die Polittunte Patsy l’Amour laLove von ständigen Anfeindungen auf der Straße. Seinen ­vollen Reiz wird der Film vermutlich erst in der Zukunft entfalten: Als zeithistorisches Zeugnis eines Neukölln, das es dann längst nicht mehr gibt.

D 2017, 82 Min., R: Rosa von Praunheim, Markus Tiarks

Überleben in Neukölln

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