Berlin

Orgien, Koks und Psychiatrie

Uwe Kipp hat früher Sexpartys mit Promis veranstaltet, jetzt will er psychisch Kranken helfen. Es gibt Abstürze, die sind rasant, die hält so schnell keiner auf. Und dann kommt man ganz unten an. So einen hatte Uwe Kipp. Der Ex-Inhaber des Swinger-Clubs „Penthouse“ hatte jahrelang in Saus und Braus gelebt: Champagner in Strömen, Drogen aller Art, Geld, Frauen. Durch einen Rosenkrieg verlor Kipp seinen Club und später durch Querelen mit der Kirche sein „Bed and Breakfast“. Der heute 59-Jährige brach 2013 zusammen und musste in der Psychiatrie des Urban Krankenhauses behandelt werden. Während der darauf folgenden Therapie reifte in ihm der Gedanke anderen, die Ähnliches erlebt haben, zu helfen. Er schrieb ein Buch über die dunkelsten Stunden seines Lebens und gründete die Stiftung „AUA“. Sie soll erste Hilfe für psychisch Kranke bieten.

Kipp kennt das Tabu, über innere Konflikte zu sprechen, Gefühle zu zeigen, vor allem Kummer oder Versagensängste. Besonders unter Männern ist es noch immer schwierig, zuzugeben, dass man unter Depressionen leidet, sich im eigenen Leben nicht mehr zurecht findet. Darum sprechen viele Männer lieber von einem Burn-out-Syndrom, um Depressionen und Nervenzusammenbrüche zu kaschieren. Das Burn-out-Syndrom hat wenigstens noch ansatzweise mit Arbeit und Fleiß zu tun, während Depression noch immer gleichgesetzt wird mit einem eigenen Versagen. Genau dieses Tabu hat Uwe Kipp in seiner Autobiografie „AUA“ gebrochen.

Uwe Kipp
Uwe Kipp
Foto: F. Anthea Schaap

„Es ist keine Schande, sich Hilfe zu suchen, wenn man am Boden ist“, sagt Kipp. Von seinem überkorrekten, strengen Vater habe er das ganz anders gekannt. „Zu einem Irrenarzt ging man einfach nicht“, sagt er. Zum Gespräch lädt Kipp in den Biergarten des Kreuzberger Yorck-Schlösschens, er wohnt gleich ums Eck. Kipp ist ein kräftiger Mann mit Glatze, einem fast stechenden Blick aus blauen Augen, auf der Nase hat er eine Narbe. Er trinkt ein alkoholfreies Weizen und raucht, während er in einem dicken Ordner in der Geschichte seines Lebens blättert.

In Kipps Autobiographie wird es schon mal zotig und schlüpfrig, taucht man ein in den Dunst aus Lust und Drogen, geht es ums Ficken in allen Stellungen und Spielarten, und um das Näschen Koks, das die Männer standkräftiger und die Frauen mutwilliger macht. Im „Penthouse“, schaut Kipp zurück, gaben sich Politik und Berliner Gesellschaft die Klinke in die Hand, während unten, vor dem Haus eine ganze Entourage aus Limousinen und Security wartete. Es sei nicht nur der tabulose Sex gewesen, der Promis anzog – sondern auch der Stil und die Detailverliebtheit, mit der Kipp seine Sexparties inszenierte. Kipp könnte jetzt Namen nennen, tut er aber nicht. Immerhin erzählt er, dass er vom „Kanzler persönlich“ ein Empfehlungsschreiben bekam, als es Jahre später darum ging, einen neuen Club aufzumachen. In das „Penthouse“ durften Sexwillige nicht einfach so kommen. „Es gab ein Casting, Interessierte mussten Fotos und Briefe schicken.“ Einige dieser Briefe, zum Teil handschriftlich, hat er – ebenso wie einen Artikel aus der „Zitty“ der 80er Jahre über sein Etablissement – dabei.

Kipps erster Sturz – so sein Buch – kam, als seine Ehefrau, eine polnische Prostituierte, anfing, Gäste zu erpressen. Streit und ein dramatisch inszenierter Selbstmordversuch der damaligen Frau folgten. Die Polizei riet Kipp, den Club aufzugeben. Im eigenen Interesse. Kipp startete ein neues, ein gesellschaftsfähiges Projekt: eine Pension in einer ehemaligen Kirche. Als sie zu florieren begann, verkaufte die Kirche mit hunderten anderen Gebäuden auch diesen Bau. Kipp klagte dagegen – und verlor. „Weil ich auch dort in der Kirche gewohnt hatte, war ich von heute auf morgen obdachlos“, sagt er. Das sei der Anfang vom Ende gewesen. Obwohl er schnell wieder eine kleine Bleibe fand, begann er zu trinken. Alles, auch billigen Wein aus der Tüte. Kipp wurde immer depressiver, verzweifelter. Strauchelte, kam nicht mehr zurecht. „Ich ging nicht mehr vor die Tür, wichste und soff nur noch. Erkannte mich im Spiegel kaum wieder“, erinnert sich der 59-Jährige an die dunkle Zeit. Einen Sinn für sein Leben konnte er nicht mehr erkennen. Seine Familie intervenierte, wies ihn in die Psy­chiatrie ein, später begann er eine Therapie.

„In den ersten Sitzungen konnte ich nicht sprechen, weinte nur“, erinnert er sich. Da riet ihm die Psychiaterin dazu, seine Gefühle und Gedanken aufzuschreiben und ihr jeweils in den Therapiestunden vorzulesen. Das tat er, daraus wurde sein Buch, über 300 Seiten stark „Herr Kipp. AUA“. Aus dem Buch wuchs dann nach und nach das Projekt. „Es soll ein Psychologisches Zentrum werden, ohne Wartezeiten.“ Mit Erstdiagnostik innerhalb von 24 Stunden, niedrigschwelligen Tagesangeboten für Betroffene, „und dem Gefühl, gut aufgehoben zu sein.“

Wenn Kipp über seine Kindheit spricht, scheint es, dass der Absturz und auch die Höhenflüge in einem schillernden Halbwelt-Leben unausweichlich waren. Er erzählt von den Tagen in der Klinkersiedlung in Westfalen, wo jeder Schritt, jeder Pfennig Taschengeld, jede Regung vom Vater akribisch überwacht und kalt reglementiert wurde. Obwohl der Vater kürzlich verstorben ist, spricht Kipp von ihm im Präsens, noch immer scheint er allgegenwärtig. „Mein Vater ist Debitorenbuchhalter“, erzählt er. Er holt eine Quittung aus dem Ordner hervor. „Jedes einzelne Möbelstück im Haus, jede Vase, ja sogar jeder Bleistift, wurden dokumentiert und erfasst. Die Belege dafür hat er bis zu seinem Tod aufgehoben.“

Jetzt hat Kipp von dem ungeliebten Vater geerbt. Und ein Teil dieses Nachlasses fließt in seine Stiftung. Es geht um schnelle Hilfe in psychischen Krisen. Kipp selbst hatte das Glück, dass seine Therapeutin ihre Praxis gerade erst eröffnet hatte, so kam er schnell in die Behandlung. Oft läuft das anders. „Wenn man eine Therapie beginnen will, hat man häufig Wartezeiten von mehreren Monaten. Für einen Menschen, der sich entschließt, zum Psychiater zu gehen, ist das ein erneuter Rückschlag. Er fällt in ein noch tieferes Loch.“

Informationen zu dem Projekt von Uwe Kipp gibt es unter www.aua-info