Porträt

Ulrich Gutmair

Der Journalist und Historiker Ulrich Gutmair über Berliner Clubs, die Stadt nach 1989 und Investoren mit Schlips und Kragen.

Es war eine liebe Zeit, die gute alte Zeit vor anno ’89, die Burschen waren schneidig und die Mädel waren fesch. In Büchern und Blogs wird in den letzten Monaten zunehmend eine Sehnsucht nach West-Berlin deutlich: nach der Ostalgie nun die Westalgie. Doch Berlins Wandlung von einer Möchtegernmetropole zu einer echten Großstadt wurde erst durch die Wende möglich. Der Historiker Ulrich Gutmair beschreibt in seinem Buch „Die ersten Tage von Berlin“ diese Zeit und lässt dabei viele Akteure von damals zu Wort kommen. Er ist seit 2007 Kulturredakteur bei der „taz“.

Herr Gutmair, welche Impulse hat das Berlin der Wendejahre, über das Sie schreiben, dem heutigen Berlin gegeben? Vieles, wofür Berlin heute steht, ist damals entstanden. Die Kultur, die in den Freiräumen von Ost-Berlin aufgeblüht ist, war sehr wichtig für die Stadtentwicklung. Das Angebot an Clubs ist explodiert. Wir haben heute etwa 400 Galerien in der Stadt. Deswegen finde ich die Klage über das Clubsterben ein bisschen absurd. In den Jahren nach 1989 war die Szene viel überschaubarer. Viele Clubs mussten auch damals ständig weiterziehen. Richtig ist aber: In der Innenstadt gibt es heute keinen Überfluss an Raum mehr. Der Berliner Nachwendekultur, die auch die Touristen lieben, wird langsam die Grundlage entzogen.

Ihr Buch heißt „Die ersten Tage von Berlin“ Warum? Berlin gab es auch vor 1989. Erst mit der Wiedervereinigung der beiden Stadthälften wurde Berlin wieder als Berlin erkennbar. Vorher war Berlin ein Mythos, aber keine Stadt.

Hätte sich der Historiker in Ihnen nicht gegen diesen Titel sträuben müssen? Schließlich ist der Begriff „Stunde Null“ für die Zeit nach 1945 auch recht umstritten. Ich erzähle in meinem Buch auch die Vorgeschichte der Zäsur ’89 und davon, was danach passiert ist. Es geht eben nicht um eine Stunde, sondern um Tage: Das Interregnum zwischen den Systemen.

Sie nennen die Zeit nach 1989 „Temporäre Autonome Zone“. Warum? Die Temporäre Autonome Zone ist ein Begriff des anarchistischen Theoretikers Hakim Bey. Der Systemwechsel verunsicherte die Behörden, auch die Polizei. In der Übergangsphase boten unklare Spielregeln viele Möglichkeiten: Unter der Maßgabe „Rückgabe vor Entschädigung“ dauerte es oft lange, bis Alteigentümer oder ihre Erben Immobilienbesitz zurück erhielten. Das hat eine Pufferzeit von ein paar Jahren ermöglicht, in der unklar blieb, was mit vielen Häusern mitten in der Stadt passieren würde. Ein ideales Feld, um darauf zu spielen.

Das fanden auch Investoren. Klar, es herrschte von Anfang an ein Kampf um die „Filetgrundstücke“, wie es damals hieß. Und es gab Konflikte zwischen Bezirksämtern und dem Senat, der oft Vorgänge an sich gerissen und gesagt hat: „Wir haben hier ein tolles Angebot vom Investor, und wenn ihr Schwierigkeiten macht, dann geben eben wir ihm den Zuschlag.“

Kamen die Investoren gleichzeitig mit den Künstlern und Clubbetreibern? Ohne Frage: Das lief parallel. Hin und wieder tauchten Leute mit Anzug und Krawatte auch an Orten wie dem WMF auf – irgendwelche Manager. Was auch immer sie in der Stadt zu tun hatten: Sie waren da.

Ein amerikanisches Sprichwort lautet: „Die Pioniere bekommen die Pfeile ab, die Siedler erhalten das Land“. Trifft das auch auf das Berlin der Nachwendezeit zu? Der Witz an den Berliner Pionieren ist, dass viele die Häuser, Läden oder Keller nicht unbedingt dauerhaft besetzen wollten, was vielleicht ein Fehler war. Viele fanden gerade das Flüchtige der Situation interessant, weil diese Flüchtigkeit Intensität ermöglicht hat. Das bildet sich in der Musik ab: Dass Techno genau in dieser Zeit in Berlin so groß werden konnte, hat mit dem Bedürfnis nach Intensität zu tun – und eben damit, dass man sie in diesem Augenblick auch genießen konnte.

Ulrich Gutmair: „Die ersten Tage von Berlin“. Tropen Verlag/Klett-Cotta, Stuttgart 2013, 255 Seiten, 17,95 Euro