Cannes sein?

Umgehen mit der Apocalypse

Ein Rückblick auf die 71. Filmfestspiele in Cannes

Wandel lag bei der 71. Ausgabe in Cannes in der Luft. Das Festival wurde schon im Vorfeld von allerlei Debatten geprägt, die nur bedingt mit dem zu tun hatten, um das es hier eigentlich geht: den Filmen. Wie stets wurde in den Wochen vor der Programmpressekonferenz darüber spekuliert, wer eine Einladung zum immer noch prestigeträchtigsten Festival im globalen Filmzirkus erhalten würde. Mehr als Kaffeesatzleserei ist das meist nicht, welche Filme fertig sind, welche eingereicht wurden ist meist reine Spekulation, dennoch war zumindest teils die Überraschung und auch Enttäuschung über ein Programm groß, in dem diesmal sowohl die großen Namen des internationalen Autorenkinos als auch Filme, die Starbesuch an der Croisette versprachen, rar.

Stattdessen setzten Festivalleiter Thierry Frémaux und sein Team zu weiten Teilen auf noch weniger bekannte Namen, luden viele Zweit- oder Drittfilme ein, sogar ein Debüt fand sich diesmal im Wettbewerb: das ägyptische Lepra-Road-Movie „Yomeddine“, das im Frühjahr noch von der Berlinale abgelehnt worden war – man kann es ihr nicht verdenken.

Shoplifters
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Stammgast in Cannes ist dagegen der Japaner Hirokazu Kore-eda, der am Samstag für seinen Film „Shoplifters“ etwas überraschend, aber durchaus verdient, mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde. In seiner typischen, unterschwelligen Manier erzählt Kore-eda von einer Art Patchwork-Familie – einer Großmutter, zwei Erwachsenen und vier Kindern – die auf engstem Raum zusammenleben, sich durchs Leben schlagen und öfters Kleinigkeiten stehlen. Ganz langsam offenbart Kore-eda die Familienverhältnisse, man ahnt, dass die Kinder nur zum Teil leiblich sind, das sie einfach so zu der Familie gestoßen sind, aufgenommen wurden. Auf zwar nicht unbedingt legale Weise, doch es geht ihnen gut, auch besser als bei ihren Eltern. Was macht eine Familie aus?, fragt Kore-eda, und auf welch herzzerreißende Weise er sich am Ende einer Antwort enthält, macht die große Klasse dieses Films aus.

Dennoch ist dies nicht einmal der beste Film in einem starken Wettbewerb, in dem der türkische Regisseur Nuri Bilge Ceylan mit seinem dreistündigen Drama „The Wild Pear Tree“ einen fulminanten, extrem dichten, intellektuellen, literarischen Schlusspunkt setzte, von Kunst und der Rolle des Künstler, vom sozialen Zerfall der Türkei, von Religion und Geschlechterrollen erzählte. Dieses Highlight ging leer aus, ein anderes bekam eine Ehrenpalme: Jean-Luc Godards Essayfilm „Le Livre d’Image“, eine 85-minütige Collage aus Bildern und Texten, Worten und Geräuschen, in der Godard den Zustand der Welt und der Kunst analysiert. Ein atemberaubend dichter Film, der hoffentlich auch einmal in den deutschen Kinos zu sehen sein wird.

Das wiederum ist bei zwei der drei Filme von Regisseurinnen, die im Wettbewerb liefen, gesichert. Während Nadine Labakis „Capharnaüm“ zwar oft berührend vom Schicksal eines Straßenkindes in Beirut erzählt, mitunter aber die Grenze zum Sozialporno überschreitet, ist Alice Rohrwachers „Glücklich wie Lazzaro“ ein erstaunlicher, magischer Film. Als Ausgangspunkt diente der italienischen Regisseurin eine wahre Episode, die sich Anfang der 80er-Jahre zugetragen hatte: Nach Abschaffung der Leibeigenschaft macht eine Gräfin einfach weiter, als wäre nichts geschehen, zahlte den Arbeitern auf ihrem Gut keinen Lohn, sondern beutete sie weiter aus. Diese Situation spitzt Rohrwacher noch zu, beschreibt eine Sippschaft, die sich freiwillig ihrer Gräfin unterwirft, denn ein anderes Leben kennen sie nicht. Doch ebenso wie sie von der Gräfin ausgenutzt werden, nutzen sie die Titelfigur, den gutmütigen Lazzaro aus, der für jede kleine Arbeit herhalten muss. Allein das wäre schon ein faszinierendes Sujet, doch Rohrwacher hat noch mehr im Sinn: Nachdem die Arbeiter von der Polizei befreit wurden, müssen sie sich in der industrialisierten Welt des italienischen Nordens einfügen und finden dort dieselben Strukturen der Ausbeutung vor, unter denen sie auch bislang, in einer Welt, die wie aus dem Mittelalter wirkte, gelebt haben. Ebenso wie Kore-eda lässt auch Rohrwacher ihre politischen, sozialen Intentionen ganz unterschwellig in ihre Geschichte einfließen, predigt nicht, polemisiert nicht.

Das erneut nur drei Filme von Frauen im Wettbewerb zu sehen waren, hatte in manchen Kreisen für Empörung gesorgt, einmal mehr wurde dem Festival Sexismus unterstellt, was ein bisschen zu einfach erscheint, aber doch Spuren hinterlassen hat. Nicht nur die von Cate Blanchett geleitete Jury war in diesem Jahr mehrheitlich weiblich besetzt, auch eine Hotline wurde eingerichtet, bei der sexuelle Übergriffe gemeldet werden konnten – und bei der Preisverleihung wurde gar der umstrittenen Asia Argento erlaubt, noch einmal lautstark ihre Vorwürfe gegen Harvey Weinstein vorzubringen, dem sie vorwirft, sie 1997 in Cannes vergewaltigt zu haben. Dass dieser Moment ganz am Anfang der Preisverleihung stand und auch offensichtlich kein spontaner Einfall der Schauspielerin war, lässt ihn dann aber ein wenig wie eine Pflichtübung erscheinen, nach der man sich dann wieder auf den Glamour und die Filme konzentrieren konnte.

Denn bei allen Diskussion über #metoo bzw. #BalanceTonParc, wie es in Frankreich heißt, stand natürlich auch diese Ausgabe des Festivals wieder ganz im Zeichen der Schönen und Reichen. Das Wetter war zwar oft kühler als sonst, was jedoch keine Frau davon abhielt, atemberaubende Roben auf dem roten Teppich vorzuführen, sich zu feiern, so wie das Festival auch das Kino feiert. Denn was auch immer man über Cannes sagen will: Wie hier Kino gefeiert wird, das ist immer wieder erstaunlich. Dass durften dann auch zwei deutsche Altmeister erleben, die in Sonderführungen Filme vorstellten: Wim Wenders seine Papst-Huldigung „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“ und Margarethe von Trotta ihre sehr persönliche Hommage „Auf der Suche nach Ingmar Bergman“. Ein schöner Film zwar, aber beileibe nicht überragend, doch die Begeisterung, mit der das Publikum von Trotta und auch Wenders für seinen deutlich problematischeren Film feiert, dürfte diesen im eigenen Land oft eher stiefmütterlich behandelten Altmeistern Balsam auf ihren Seelen gewesen sein.

Nach zwei Jahren in Folge lief diesmal zwar kein deutscher Film im Wettbewerb, dafür konnte Ulrich Köhler seinen Film „In My Room“ in der Nebenreihe Un Certain Regard zeigen. Ein Genrefilm auf den ersten Blick, in dem ein Mittdreißiger in einer Welt aufwacht, in der fast alle Menschen verschwunden sind, doch im Kern erzählt Köhler von der Befindlichkeit einer Generation, die ziellos vor sich hinlebt und sich so gut im Alleinsein eingerichtet hat, dass sie mit der Apokalypse ziemlich gut umgehen kann. Eine stilistisch präzise, sehr intelligente, aber auch etwas akademische Versuchsanordnung – und somit ein sehr deutscher Film.

Schade, dass das deutsche Fördersystem zwar solch sehenswerte Filme hervorbringt, auch einen Film wie Sergei Loznitsas „Donbass“, der zwar in der Ostukraine spielt und gedreht wurde und von einem in Weißrussland geborenen Ukrainer gedreht wurde, aber eine überwiegend deutsche Produktion ist. Doch zwei der extremsten, wildesten filmischen Exzesse des Festivals, Panos Cosmatos „Mandy“ und vor allem Gaspar Noés „Climax“, die auf ganz eigene Art Rauschzustände evozieren, mit elektronischer Tanzmusik beziehungsweise einem dauerhaft wummernden, dröhnendem Sounddesign arbeiten, Sex und Drogen, Gewalt und satanische Jesusjünger in nicht klassifizierbaren Stilmixen vermischen, das wäre in Deutschland kaum vorstellbar.

Weniger Stars mögen zwar dieses Jahr den Weg nach Cannes gefunden haben, die Bedeutung des Festivals für Hollywood hat deutlich abgenommen; weniger Werbung zierte die Fassaden der Hotels an der Strandpromenade, auch die Diskussion über Netflix-Filme ist noch nicht vorbei. Die ganze Vielfalt des Weltkinos war aber auch in diesen Maitagen in Cannes zu sehen, als cineastischer Höhepunkt ohne Frage die Aufführung einer makellosen 70mm-Kopie von Stanley Kubricks epochalem Meisterwerk „2001: Odyssee im Weltraum“. Dieser Film wird Ende des Monats schon in Berlin zu sehen sein, viel anderes des diesjährigen Cannes-Jahrgangs dann im Laufe des Jahres.

 

Preisträger:
Goldene Palme:
Shoplifters von Hirokazu Kore-eda (Japan)

Großer Preis der Jury:
BlacKkKlansman von Spkie Lee-(USA)

 

Jurypreis:
Capharnaüm von Nadine Labaki (Libanon)

 

Beste Regie:
Pawel Pawlikowski für Kalter Krieg (Polen)

 

Bestes Drehbuch:
Alice Rohrwacher für Glücklich wie Lazzaro (Italien) und
Jafar Panahi & Nader Saeivar für Drei Gesichter (Iran)

 

Bester Darsteller:
Marcello Fonte in Dogman von Matteo Garrone (Italien)

 

Beste Darstellerin:
Samal Yeslyamova in Ayka von Sergey Dvortsevoy

 

Spezial Goldene Palme:
Le Livre d’Image von Jean-Luc Godard