PORTRÄT

Umkehrung der Geschlechterwelt

Seit 20 Jahren ist Maja Zade Dramaturgin der Schaubühne. In dieser Spielzeit ­kommen gleich zwei ihrer eigenen Stücke zur Uraufführung – den Anfang macht die ­Satire „status quo“

Text: Anna Opel

Der Mann in einer Frauen­welt: Moritz Gottwald, Jenny König, Lukas Turtur, Jule Böwe, Marie Burchard – Foto: Arno Declair

In Maja Zades Stück „status quo“ steht die Geschlech­terwelt Kopf. Und das kleine Wörtchen „man“ ist durch „frau“ ersetzt, weil sich die geschlechtliche Hierarchie in der Sprache manifestiert. Bereits 1979 hatte die dänische Autorin Gerd Brandenberg ihre „Töchter Egalias“ in ihrem kontrafaktischen Roman frauschen statt herrschen lassen. Neu ist das Gedankenspiel also keineswegs. Immerhin hilft es, die eingeübte Ordnung kritisch zu betrachten.

„status quo“ wird nun von Marius von Mayenburg auf die Bühne gebracht. Zade und er kennen sich gut, schließlich sind beide seit vielen Jahren Dramaturgen der Schaubühne. Seit 1999 hat die 46-Jährige unzählige Produktionen dort betreut, dazu Lars von Trier und Caryl Churchill ins Deutsche, Lars Noren, Falk Richter und auch von Mayenburg ins Englische übertragen. Von Mayenburg war es auch, der sie immer wieder dazu ermuntert hatte, selbst ein Stück zu schreiben.

Maja Zade, 46, Dramatikerin und Schaubühne-­Dramaturgin – Foto: Arno Declair

Vor drei Jahren hat Maja Zade Stefan Zweigs „Ungeduld des Herzens“ (Regie: ­Simon McBurney) und Frank Witzels „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion“ ­(Regie: Armin ­Petras) für die Bühne bearbeitet, die Königsdisziplin der Dramaturgie. „Das war der Umweg, der dazu geführt hat, dass ich mir das Schreiben wirklich zutraue“, erzählt sie im Café der Schaubühne, frisch von der Probe kommend. „und dann kamen die Themen auf mich zu.“ Es klingt, als staune sie selbst über den Weg, den sie jetzt genommen hat und darüber, dass ihre ­Texte nun an der Schaubühne herauskommen.

Mit dem simplen Trick der Umbesetzung verkehrt „status quo“ alltägliche Situationen ins Absurde: die so oft von Männern in Anspruch genommenen Chefpositionen sind in ihrem Text mit Frauen besetzt. ­Florian versucht als abhängig Beschäftigter auf ­einen grünen Zweig zu kommen. Von seinen Vorgesetzten wird er zum Flo geschrumpft. In der Immobilienbranche, in einem Drogerie-Markt und als junger Schauspieler sind systematische Übergriffe, hohe Erwartungen an seine Verfügbarkeit der Einsatz für den erhofften Aufstieg.

Der Text hat eine gewisse Komik. Situationen zwischen Ungleichen nimmt er genau unter die Lupe. Ihr Team sammelt gerade fürs Programmheft noch Material dazu, was passieren müsse, damit Frauenrollen am Theater vielschichtiger geraten und Autorinnen und Regisseurinnen mehr Einfluss bekommen. Ihre eigene Position in der Geschlechterfrage formuliert Maja Zade mehr vorsichtig als kämpferisch.

In London und in Kanada hat sie Englische Literatur studiert, ihr Schreiben an den Autoren ­Marius von Mayenburg und Lars Norén geschult. Man könnte fragen, ob sich hier vielleicht alle allzu einig sind? Ob es an Input fehlt und an Biss. Schließlich wird von Mayenburg nun auch ihr Stück inszenieren, Zade selbst ist die Dramaturgin der Produktion. Sie sieht das eher als Vorteil: „Weil wir uns lange kennen, ist es gar nicht so anders als sonst, nur dass Marius sonst der Stückautor war. Mich interessiert, was andere, auch die Schauspieler, in der Szene sehen, und wir versuchen halt, die Szenen möglichst gut umzusetzen.“

Für Zade, die in Deutschland und Schweden aufgewachsen ist, läuft es als Dramatikerin sehr gut. Intendant Thomas ­Ostermeier wird im ­April mit „Abgrund“ ein weiteres Stück seiner langjährigen Dramaturgin inszenieren. ­Zades banges Porträt der urbanen Mittelschicht ist ihr Erstling, geschrieben vor „status quo“ und aus einem akuten Ärger heraus: „Nach einer Serie von Abendeinladungen ist mir aufgefallen, wie austauschbar die Gespräche sind. Wie viel Redundanz da herrscht, wie wenig Haltung.“ Life­style droht das lebendige Leben zu ersetzen. In „Abgrund“ tastet Maja Zade die häusliche Situa­tion von der Oberfläche her ab. Als würde sich eine imaginäre Kamera mit dem Interieur eines Raums vertraut machen. Am Ende wird etwas Schreckliches passiert sein.

Ob sie weiter schreiben werde? Zade ­lächelt verhalten und sagt: „Ja, ich bin gerade dabei.“

18.1., 20 Uhr (Uraufführung), 19.1., 17 Uhr, 7. – 9. + 11.2., 20 Uhr, Schaubühne am Lehniner Platz, Wilmersdorf. Regie: Marius von Mayenburg; mit Jule Böwe, Marie Burchard, Moritz Gottwald, Jenny König, Lukas Turtur. Eintritt 40–48, erm. 9 €