FESTIVAL

Masken, Häuser, Eisfiguren

Das Festival Unidram in Potsdam ist wieder ein Fest für Auge, Hirn und Herz

Queere Identitäten: Das Maskenthea­ter „Gritos“ (Schreie) – gegen Homo- und Transphobie – Foto: Renato Mangolin

Text: Tom Mustroph

Das Jubiläum ist knapp vorüber. Im vergangenen Jahr feierten die Macher von Unidram die 25. Ausgabe ihres Festivals. Im 26. Jahr wird munter weiter gemacht. Mit einer spektakulären Maskentheaterinszenierung aus Brasilien über das Finden von Geschlechts­identitäten, mit Puppen aus Eis und einer Erzählung, die über Fotos von auf der Bühne gebauten Objekten von ganz allein in den Köpfen der Zuschauer entsteht. „Es ist visuelles Theater, Theater, das auf die Kraft der Bilder setzt. Das hat uns schon immer interessiert“, sagt Jens-Uwe Sprengel, einer der Leiter des Festivals und seit den Anfängen mit dabei.

Begonnen hat Unidram in den wilden 1990er-Jahren als Theaterfestival Studierender. Der Name „Unidram“ blieb, die Macher und auch die Künstler sind dem Studierendennalter entwachsen. Die Suchbewegung aber blieb die alte: Nach einem Theater, das emotional berührt, in dem Geschichten erzählt werden und in dem die Sprache vor allem das Bild, der Raum und der Klang sind. Uni­dram hat sich so seine Identität bewahrt, blieb unabhängig von Moden, Kurator*innengeschwurbel und Zeitgeistfallen.

Das Programm mit den insgesamt 13 Produktionen ist vielfältig. Es zeigt Potsdam – und Berlin – was alles visuelles Theater sein kann. In „Bildraum“ (30.10., 20.30 Uhr, Waschhaus) baut der Architekt Steve Salem­bier Miniaturen echter Gebäude auf die Bühne. Die Fotografin Charlotte Bouckaert foto­grafiert und projiziert sie an die Wand. Dort wird es in der Imagination des Publikums zum Tatort, zum Ereignisort, zur Szene. Neue Modelle, neue Fotos, neue Ereignisorte folgen. „Es entwickeln sich völlig unerwartete imaginäre Reisen“, beschreibt Sprengel hörbar beglückt seine eigene Erfahrung.

Ebenfalls visuell eindrucksvoll ist „Gritros“ (30.10., 19 Uhr, 31.10., 20.15 Uhr, fabrik Potsdam). Die französisch-brasilianischen Künstler André Curti und Artur Luanda Ribeiro setzen sich Masken in etwa 20 Zentimeter Abstand vor den Kopf, werden also zu doppelköpfigen Gestalten und illustrieren so die Auseinandersetzungen von Menschen, die im falschen Körper geboren wurden. Mit ihrem Stück über queere Identitäten wurden sie gefeiert, auch in Brasilien, bis der homophobe Jair Bolsonaro an die Macht kam. „Jetzt ist ihr Stück in Brasilien verboten. Sie können es nur noch im Ausland zeigen“, sagt Sprengel. Das Gastspiel in Potsdam könnte so zum Auftakt des Weiterlebens einer politisch verfemten Inszenierung werden.

Eine visuell bestechende Grundidee liegt auch der Ödipus-Interpretation „Anywhere“ vom Théâtre de l’Entrouvert aus Frankreich zugrunde (2.11., 21.45 Uhr, T-Werk). Zentrales Element ist eine Eisscheibe, auch die Figur des Ödipus ist aus Eis gebaut. Im Laufe der Performance schmilzt das Eis, der Körper wird verflüssigt. Einen komplett anderen Akzent setzt das partizipative Theater der Gruppe Ligna. In „Rausch und Zorn. Studien zum autoritäten Charakter“ (1.11., 20.30 Uhr, 2.11., 19 Uhr, Schinkelhalle) wird das Publikum in Gruppen aufgeteilt und über Erzählungen per Kopfhörer mit historischen Konfigurationen totalitärer Herrschaft konfrontiert.

29.10.–2.11., Festival Unidram, div. Orte in Potsdam, Eintritt 15–23, erm. 6–16 €, Tagesticket 34, erm. 14–22, Festivalpass 80, erm. 35–60 €, www.unidram.de