Berlin

#unteilbar – Zusammenhalt ist wichtig

Die Großdemo „#unteilbar – Solidarität statt Ausgrenzung“ am 13. Oktober hat gezeigt, dass vielen gesellschaftlicher Zusammenhalt wichtiger ist, als nach rechts schielende Politiker glauben.  Ein Gespräch mit der Mit-Organisatorin Anna Spangenberg

Frau Spangenberg, Glückwunsch! Die Größe der #unteilbar-Demo – und die gute Stimmung – waren beeindruckend.
Danke! Ja, das alles war überwältigend.

Auffällig waren die sehr unterschiedlichen Leute bei der Demo: Menschen aller Herkünfte, ganze Familien, Senioren, Behinderte, Heteros, Lesben, Schwule. Viele Teilnehmer hatten eigene Anliegen. Worin bestand der Konsens der 242.000 Teilnehmer, die Sie gezählt haben?

Anna Spangenberg
Anna Spangenberg ist Leiterin der Geschäftsstelle des Aktionsbündnisses gegen Gewalt, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit Brandenburg. Für die #unteilbar-Demonstration ist sie ehrenamtlich als Pressersprecherin tätig.
Foto: privat

Der Konsens war, dass alle für Menschenrechte sowie Solidarität und gegen Ausgrenzung angetreten waren. Allen ging es darum, dass die Errungenschaften des Sozialstaates nicht gegen Migration und Flucht ausgespielt werden dürfen – so, wie Rechtspopulisten und Rechtsextreme es vormachen. Bei der #unteilbar-Demon­stration wurde eindeutig gesagt: Wir lassen diese Themen nicht gegen­einander ausspielen. Das sehen die Erstunterzeichner unseres Aufrufes so, also die Wohlfahrtsverbände, auch Sportvereine wie die Eisbären nebst Fans, Mieter- und Geflüchteten-Initiativen, aber das sehen auch die unzähligen einzelnen Demoteilnehmer so.

Bei den Erstunterzeichnern haben Sie vom Chaos Computer Club bis zum Verband der Vereine aus Kurdistan in Deutschland die unterschiedlichsten Menschen und Gruppierungen auf Ihrer Website aufgelistet. Gab es auch Leute oder Gruppen, bei denen Sie sich unsicher waren, ob Sie die namentlich dabei haben möchten?
Nein. Wobei jetzt im Nachhinein – und auch während der Demonstration – gab es in den Medien entsprechende Diskussionen. Aber man muss auch sehen, dass sich alle Unterzeichner zu unserem Aufruf und dem Motto #unteilbar bekannt haben. Deswegen hatten wir da keine Bedenken.

Auf einem Wagen wurde eine antisemitische Rede gehalten, die für großen Wirbel gesorgt hat. Hätten Sie – im Nachhinein – so eine Gruppe lieber ausgeschlossen? Oder überlegen Sie künftig genauer, wer auf einer #unteilbar-Demonstration tatsächlich erwünscht ist und wer nicht?
Dass von einem Lautsprecherwagen so ein Redebeitrag gehalten worden ist, können wir als Organisations-Team nicht verhindern. Da stehen die Leute von diesem Lautsprecherwagen für sich. Trotzdem übernehmen wir natürlich die Verantwortung für unsere Demonstration. Und dieser Beitrag, von dem Sie reden, verlässt eindeutig den gemein­samen Boden unseres Konsenses. In Interviews nach der Demo, und auch auf ­unserer Webseite, haben wir uns deutlich ­davon ­distanziert. Wir sind unteilbar und wir sind unteilbar gegen Antisemitismus. Das ist eindeutig und klar kommuniziert.

Sie hatten mit 40.000 Demo-Teilnehmern gerechnet, Sie haben 200.000 mehr gezählt. Hat sich auf der #unteilbar-Demo die sonst schweigende Mehrheit gezeigt?
Ich würde diese Leute nicht als „schweigende Mehrheit“ bezeichnen. Viele ­unserer Bündnispartner haben ihre Mitglieder und Mitgliederorganisationen mobilisiert. ­Seien es die großen Wohlfahrtsverbände, die ­Kirchen, der Sport und die vielen Initiativen, die alltäglich in den Nachbarschaften und Vereinen aktiv sind. Das war eine Art Schneeballsystem. Aber natürlich, da ­haben Sie Recht, waren auch eine ganze Menge Menschen auf unserer Demonstration, die sehr lange nicht mehr – oder noch nie – auf einer Demonstration gewesen waren. Die Sorge um die aktuelle gesellschaftliche Situation hat diese Leute auf die Straße gebracht. Deswegen die große Zahl an Teilnehmern.

Während und nach der Demo hieß es, dies sei erst der Anfang weiterer Aktivitäten.
Das ist richtig. Die #unteilbar-Demonstration selbst ist ja nicht die erste Aktion gegen Rechts und für Solidarität gewesen. Davor hatte es ähnliche Kundgebungen in Hamburg, München, Kassel, Nürnberg oder ­Erfurt gegeben. Und auch das „Wir sind mehr“-Konzert in Chemnitz vor ­einigen Wochen hatte diesen Tenor. Es geht ­darum, dass wir den Rechtsruck nicht hinnehmen – und mit dieser Meinung sichtbar sein ­wollen. Die #unteilbar-Demonstration war keineswegs das Finale.

Wollen sich nicht gegeneinander ausspielen lassen: Hundertausende gegen Rechts, Rassismus und Entsolidarisierung
Foto: imago / Bildgehege

Die Linken-Politikerin Sarah Wagenknecht, die sich im Vorfeld ausdrücklich von der #unteilbar-Demo distanziert hatte, gehört zu den Initiatoren der Sammlungsbewegung „Aufstehen“, die sich ebenfalls gegen Rechts und Entsolidarisierung richtet. Für die #unteilbar-Demo sind dann tatsächlich viele Menschen aufgestanden: Ist #unteilbar die eigentliche „Aufstehen“-­Bewegung?
In solchen Vergleichen denke ich nicht. Wir sind in erster Linie ein Bündnis aus zivil­gesellschaftlichen Gruppen. Ich ­denke, dass die Menschen den Aufruf „#unteilbar – für Menschenrechte“ einfach für sich ­angenommen haben. Es ist fünf vor zwölf, wir wollen den Rechtsruck und die Entsoli­darisierung nicht hinnehmen. Wir müssen das aber sichtbar machen: dass wir mehr sind und wir den politischen Diskurs mitbestimmen wollen.

Haben Sie sich den Namen #unteilbar schützen lassen?
Ehrlich gesagt weiß ich das gerade nicht, ob der geschützt ist oder nicht. Klar ist aber, dass wir den Namen nicht mehr hergeben. ­#unteilbar steht für uns alle. In dem Sinne: Wir sind mehr.

Welche Aktionen sind unter Ihrem Hashtag „unteilbar“ als nächstes geplant?
Um festzulegen, was nun folgen soll, müssen wir nach der Demo erst mal Luft holen, brauchen etwas Zeit. Mit „wir“ meine ich, groß gedacht: alle Menschen, die bei der Demo dabei waren. Denn auch die ­Menschen, die dann anschließend wieder nach Hause ­gefahren sind, überlegen sich, wie sie diese Energie, die auf der Demonstration für ­jeden fühlbar war, künftig einsetzen wollen. Es war ein großer, solidarischer Zusammenhalt, ein starker Moment, mit dem man auf jeden Fall Großes bewegen kann. Wir bekommen derzeit sehr viel positives Feedback. Mit dem Tenor: Die Situation wird sich zum ­Besseren wandeln.

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