Expressionismus

Unter dem Regime der Nationalsozialisten

Gleich zwei Ausstellungen thematisieren Werk und Leben der Expressionisten nach 1933: in Hamburger Bahnhof, Brücke-Museum und Kunsthaus Dahlem

Die Künstlergemeinschaft Brücke, sind das nicht diese farbdurchglühten ­Landschaften, die unschuldig Nackten in paradiesischer Natur und, naja, auch Kirchners Kokotten am Potsdamer Platz? Alles in allem schön bunt, fast ein bisschen naiv, manches auch roh, auf jeden Fall irgendwie gefühlvoll und ursprünglich. „Jeder gehört zu uns, der ­unmittelbar und unverfälscht das wiedergibt, was ihn zum Schaffen drängt“, hieß es im Manifest der Gruppe von 1906.

© Nolde Stiftung Seebüll, Foto: Dirk Dunkelberg, Berlin
Emil Nolde, Kriegsschiff und brennender Dampfer, o. D. (vor/um 1943), Aquarell, 14,8 × 24,4 cm, Nolde Stiftung Seebüll, © Nolde Stiftung Seebüll, Foto: Dirk Dunkelberg, Berlin

Die Künstler der Brücke und der ihr kurzzeitig angehörende Emil Nolde sollen nun einer Neubewertung unterzogen werden. Zwei zeitlich parallele Ausstellungen im Brücke-Museum und im Hamburger Bahnhof untersuchen die „Handlungsspielräume“ der expressionistischen Künstler im Nationalsozialismus. Ihrer Rezeption und ihrem Wiederaufstieg nach 1945 geht speziell ein Teil der Brücke-Ausstellung in den Räumen des Kunsthauses Dahlem nach, also gleich vis à vis des Brücke-Museums.
Als die Nationalsozialisten die Macht übernahmen, war die Blütezeit des Expres­sionismus längst vorbei. Die 1905 in ­Dresden gegründete Brücke bestand bis 1913. Karl Schmidt-Rottluff, Max Pechstein, ­Erich Heckel, Fritz Bleyl, Ernst Ludwig Kirchner, Otto Müller und Emil Nolde gehörten dazu. Im Kern war die Brücke eine Kommune junger Architekturstudenten, die zusammen leben und arbeiten wollten.

Figuren der Entlastung

In der Weimarer Republik galten sie ­bereits als so etwas wie zeitgenössische ­Klassiker. Die Museen waren voll von ihren Werken, an Ausstellungen herrschte kein Mangel. Die Nationalsozialisten ­änderten das. Obwohl viele der später Verfemten noch gar nicht glauben mochten, dass ihr Stil für die neue Epoche nicht tauglich wäre. Doch Hitlers schlechter Geschmack hatte fatale Folgen. Die expressionistischen ­Werke in öffentlichen Sammlungen wurden aussortiert und 1937 in der Schandausstellung „Entartete Kunst“ angeprangert, die Künstler aus Ämtern und Würden vertrieben, manche erhielten später Arbeitsverbot.


Doch nun stellt Lisa Marei Schmidt, seit 2017 Direktorin des Brücke-Museums, fest: „Alle in Deutschland ansässigen ehemaligen Mitglieder der Brücke waren durchgängig künstlerisch tätig.“ Anfänglich wurden die Expressionisten sogar noch in Galerien und Kunstvereinen ausgestellt. Die „unkri­tische Darstellung einer ‚totalen‘ Verfolgung und Verfemung“, wie Schmidt es ­formuliert, lässt sich also nicht halten. Das ist die Generalthese sowohl der Nolde- wie der Brücke-Ausstellung.


Die Brücke bot sich als eine Art Entlastungsfigur zur Identifikation in der Nachkriegszeit durchaus an. Nackte Unschuld in freier Natur, gefühlvolle Ursprünglichkeit, das klingt eher unpolitisch und harmlos. Dass dieses Programm in der Kaiserzeit ­Opposition und Subkultur bedeutete, scheint später über dem schönen Schein der bunten Bilder vergessen worden zu sein.


War es dieser bunte Schein, der als „Handlungsraum“ jenen Künstlern noch offenstand, die nach 1933 in Deutschland blieben? Die Bilder von Heckel, Pechstein und Schmidt-Rottluff zwischen ’33 und ’45 wirken unspektakulär und harmlos: Landschaften, Blumenstilleben, Dome, die ewigen Fischerboote oder „Jungen am Strand“ zeigt etwa das Brücke-Museum, hauptsächlich aus eigenen Beständen. Die beiden Ausstellungen zu Brücke und Nolde sind richtig und wichtig: Sie dekonstruieren liebgewonnene Legenden. Dabei sind diese Erkenntnisse so neu nicht, zumindest der Fach­öffentlichkeit ist vieles bereits bekannt.

Aya Soika während der Führung mit Zitty_Art, Foto: Lena Ganssmann


So veröffentlichten die Kunsthistorikerin Aya Soika (Foto) und der Historiker Bernhard Fulda 2014 im Zusammenhang mit einer Ausstellung zu Nolde in Frankfurt am Main Dokumente, die ein anderes Licht auf den Künstler warfen. Nolde, Mitglied der ­NSDAP, das sich früh antisemitisch ­äußerte, soll sich bald nach Machtantritt der Nationalsozialisten vehement zu Hitler und der NS-Ideologie bekannt haben. Viele Dokumente wurden unter Verschluss gehalten; Kunstexperten wirkten daran mit, Noldes Verhalten zu verschleiern.


Der Mythos von der Kammer
Erst 2013 hatte die Nolde-Stiftung in Seebüll ihr Archiv geöffnet. Soika und Fulda sichteten die Dokumente und richten nun gemeinsam mit der Stiftung die Nolde-Ausstellung mit dem Untertitel „Eine deutsche Legende“ im Hamburger Bahnhof aus. Im Zentrum stehen die Selbst­inszenierung Noldes in seinen Schriften, die Verfemung durch die Nationalsozialisten, aber auch der Mythos von den „Ungemalten Bildern“. Der mit „Malverbot“ belegte ­Nolde habe, so sagt der Mythos, fernab in Niebüll auf einer Warft an der dänischen Grenze in ­einer verborgenen Kammer ­kleine Aquarelle gemalt, um sich nicht durch stark ­riechende ­Ölfarbe zu verraten. Diese ­beliebte Erzählung – von Siegfried Lenz Roman „Deutschstunde“ 1968 noch befeuert – bot die Möglichkeit, Noldes „Unabhängigkeit von der Linie der Machthaber des dritten Reiches“ zu beschwören, schreibt Fulda im Katalog. ­Damit war Nolde nach 1945 wieder schlagartig ­populär. Er wurde Professor und erhielt 1950 den Preis der Biennale in Venedig für das grafische Werk.

© Nolde Stiftung Seebüll
Emil Nolde in München, Januar/Februar 1937. Foto von Helga Fietz, der Ehefrau von Noldes Münchner Kunsthändler Günther Franke, Nolde Stiftung Seebüll, © Nolde Stiftung Seebüll


Nolde also ein Nazi und Antisemit? Die Brücke-Boys Opportunisten, Angepasste und Mitläufer? Auch wenn man vieles individuell und differenziert betrachten muss, wie es das dezidierte Anliegen beider Ausstellungen ist: Die Geschichte der Expressionisten in der NS-Diktatur soll nicht weiter als jener Heldenepos erzählt werden, wie er sich in der Nachkriegszeit herausprägte. Die Feier der alten Expressionisten als neue ­ästhetische Wahl basierte offenbar auf dem Bedürfnis, nun endlich auf der „richtigen Seite“ zu stehen. Trotzdem: Das künstlerische Werk sogar eines Nolde bleibt autonom gegenüber dessen ethisch oder politisch fragwürdigen Haltung.


12.4.–15.9.: Emil Nolde, Hamburger Bahnhof, Invalidenstr. 50–51, Tiergarten, Di, Mi, Fr 10–18, Do 10–20, Sa/So 11–18 Uhr, 8/4 €,
bis 18 J. + 1. Do/Monat ab 16 Uhr, Eintritt frei

14.4.–11.8.: Flucht in die Bilder? Brücke-Museum, Bussardsteig 9, Kunsthaus Dahlem, Käuzchensteig 8, Mi–Mo 11–17 Uhr. Kombi: 8/5 €

Bernhard Fulda, Christian Ring, Aya Soika u.a. (Hg.): Emil Nolde. Eine deutsche Legende. Prestel 2019, 384 S., 250 Abb., 45 €