Szenische Collage

Unterm Teppich

Ilona Schulz entdeckt nach dem Tod ihrer Eltern in alten Briefen ihr unbekannte Seiten und verdrängtes Erleben

Familienaufstellung: Vielsagendes Bühnenbild – Foto: Produktion

Nach dem Tod ihrer Eltern entdeckt die Schauspielerin Ilona Schulz alte Briefe, die sich ihre damals frisch verheirateten Eltern im Zweiten Weltkrieg schrieben. Sie entziffert die in Sütterlin geschriebenen Texte und entdeckt ihr völlig unbekannte Seiten der Eltern, zärtlich-begehrende ­Worte, bange Beobachtungen, unterdrückte Scham und traurige Erfahrungen von Leid und Ignoranz der nach Kriegsende aus ihrer zerstörten Heimat nach Westen Fliehenden – Dinge, die im Zuhause der 1955 geborenen Schauspielerin (die Maria der ­Grips-Theater-„Linie-1“-Uraufführung und -Verfilmung) überhaupt kein Thema mehr waren, zu stark der Wunsch nach Normalisierung, die Vergangenheit ruhen zu lassen, Vorwärts zu schauen. Die langweilig-routinierte Beziehung und brave Spießigkeit ihrer Eltern erscheinen plötzlich in ganz anderem Licht.

Schulz hat gemeinsam mit Dania Hohmann aus den Inhalten der Briefe eine spannende theatrale Collage über Scham, Schuld, Enttäuschung und Verdrängung erstellt; schon das Bühnenbild mit unterschiedlich hohen Stühlen um einen schiefen Tisch ist eine Art Familienaufstellung (Ausstattung: Eva-Maria Henschkowski, Lolita Hindenberg). Schulz spielt alle Rollen, singt (begleitet von Jenny Ribbat am Klavier) und lässt so sehr persönlich eine Generation und Zeit aufleben, die die junge Bundesrepublik geprägt hatte. Schulz macht das Schweigen dieser Elterngeneration sehenswert beredt. FRIEDHELM TEICKE

10.+11.10., 20 Uhr, Theater unterm Dach, Danziger Straße 101 , Prenzlauer Berg. Regie: Danah Hohmann; mit Ilona Schulz, Jenny Ribbat. Eintritt 12, erm. 8 €