Berlin

Urlaubsziel: U-Bahn-Schacht

Immer mehr junge Menschen aus aller Welt verschwinden am Wochenende nicht nur im Berghain, sondern auch in Berliner Zugabstellanlagen – um illegal zu sprühen. Graffiti-Tourismus nennt sich das.  Für die internationale Szene wird der immer wichtiger und vor allem einfacher

Text: Johann Voigt
Fotos: Louise Amelie

Vier Franzosen in Sportkleidung, Mitte 20, die gerade aus dem Graffiti- und Sneakerladen Overkill am Schlesischen Tor in Kreuzberg kommen, sind angetrunken. Aus Plastiktüten hört man die kleinen Kugeln in den Spraydosen zum Durchmischen von Farbe und Lösungsmittel klackern, auf ihrer Kleidung sind Farbspritzer zu erahnen.

„Wir kommen aus Paris“, erzählt einer, der seinen Namen nicht nennen will, in gebrochenem Englisch. Glatze, einnehmender Typ, ein euphorisches Grinsen im Gesicht. Er sagt stolz: „Gerade waren wir in Köln, jetzt wollen wir hier mal wieder U-Bahnen malen. Wände können wir auch in Paris machen.“ Dann hetzt er seinen Freunden hinterher, die nach misstrauischen Blicken schnell in Richtung Hochbahn verdampft sind. Mit Fremden über die Taten zu sprechen, das gehört sich eigentlich nicht. Zu gefährlich.

Allein in diesem Jahr wurden 15 Sprayer aus dem Ausland in Berlin festgenommen – unter anderem aus Australien, Großbritannien, Portugal und Schweden. Doch die Aufklärungsrate für Graffitidelikte ist gering, liegt Jahr für Jahr im einstelligen Bereich. Die Dunkelziffer derer, die tatsächlich zum Sprühen herkommen, ist dagegen weit höher.

Die Bundespolizei kennt das Problem. Über die genauen Zahlen können zwar keine Angaben gemacht werden, aber acht Prozent mehr ausländische Sprayer als noch ein Jahr zuvor wurden 2016 erwischt. Zum großen Teil kamen sie laut Aussage der Pressestelle aus Frankreich, Australien und Spanien.

Die Gründe dafür, dass gerade Berlin als Mekka für Sprayer gilt, sind vielfältig. Im Gegensatz zu Ländern wie Singapur, in denen lange Gefängnisaufenthalte oder sogar Stockschläge als Strafe warten, bleibt es in Deutschland in der Regel bei einer Geldbuße. Wird man als Ausländer erwischt, kommt es zu einem beschleunigten Verfahren oder der Erhebung einer Sicherheitsleistung. Also einem von der Staatsanwaltschaft festgelegten Geldbetrag, der im Vorgriff auf die zu erwartende Strafe verhängt wird. Die konsequenzlose Flucht ins Heimatland wird damit unterbunden.

Zug nach Berlin statt Flug nach New York

Dosen in der Hand, Mütze tief im Gesicht: bereit zur Arbeit
Foto: Louise Amelie

In Berlin sind besprayte Züge oft tagelang unterwegs, bevor die Graffiti verschwinden. Und Mauern werden nur selten geputzt, Schallschutzwände fast gar nicht. In Städten wie New York dagegen werden mit Farbe verzierte Bahngarnituren sofort aus dem Verkehr gezogen und gesäubert.

New York war der Ursprungsort des Graffiti, nachdem Ende der 70er-Jahre ein Pizzabote das Kürzel Taki183 überall in der Stadt hinterließ, Nachahmer fand und sich daraus schnell eine Bewegung formte. Mittlerweile greift die Polizei hart durch, setzt bei Verfolgungsjagden sogar Elektroschocker ein. Es wartet: die Gefängniszelle.

Doch auch für die Berliner Szene gab es schon deutlich entspanntere Zeiten. Anfang der 80er schwappte die Graffiti-Welle durch Filme wie »Wildstyle« und »Beatstreet« nach Europa. Graffiti wurde damals neben Rappen, DJing und Breakdancing als eine Säule der aus den USA importierten Hip-Hop-Kultur verstanden und fand auch in Deutschland großen Anklang. Auf sogenannten Jams traf sich die Szene, zeigte, was sie konnte.

Ziemlich schnell wurden Züge als fahrende Leinwände okkupiert. Die Bahn war gegen das Problem zu dieser Zeit machtlos. Wachpersonal in Abstellanlagen gab es so gut wie nicht. Sprayer konnten stundenlang Waggons von vorne bis hinten besprühen, währenddessen sogar Grillen und Partys feiern, wie es in bildhaften Erzählungen von Urgesteinen wie POET oder Bas2 in der 2011 erschienenen Szene-Dokumentation „Unlike U“ heißt.

Der S-Bahnhof Friedrichstraße entwickelte sich zum Treffpunkt der ersten (West-)Berliner Sprayergeneration. Man saß tagsüber zusammen, tauschte Skizzen aus, beobachtete die Werke von Freunden und zog, sobald es dämmerte, los, um seinen Teil zum Geschehen beizutragen. Nach der Wende kamen auch die Ostberliner dazu. Neben den Punks, die schon in den 70ern politische Parolen an Hauswänden hinterließen, entwickelte sich so eine fruchtbare Szene, die aus einem Freiheits- und Selbstbestätigungsdrang heraus Berlin für sich einnahm. Ausländische Sprayer hatten davon längst Wind bekommen und kamen mit dem Zug in die Stadt, um sich den Flug nach New York zu sparen.

Erst nach über zehn Jahren wurden Strukturen zur Bekämpfung von Graffiti etabliert. Die Bahn stockte ihr Sicherheitspersonal auf. Am 8. August 1994 wurde schließlich die Ermittlungsgruppe Graffiti in Berlin (kurz GIB) gegründet, in der derzeit 18 Beamte arbeiten. Seitdem werden weitaus mehr Sprayer festgenommen, 324 allein im Jahr 2015 – in dem insgesamt 885 Graffiti-Delikte aufgeklärt wurden, und 2016 dann sogar 916. „Bewährt hat sich dabei die enge Verflechtung zwischen den szenekundigen Beamten und der Sachbearbeitung im Fachkommissariat“, heißt es dazu bei der Polizei.

Doch auch die Sprayer haben sich angepasst, arbeiten mit effizienten, besser deckenden Lackdosen, die durch sogenannte Fatcaps einen großflächigeren Farbauftrag zulassen. Sie sind bestens organisiert, haben sogenannte „Checker“ an den Tatorten stationiert, die via Handy vor möglichen Zeugen warnen. Eine Aktion dauert oft nicht länger als fünf Minuten.

Die Szene ist reserviert gegenüber Touris

Edward kommt aus Großbritannien und heißt eigentlich anders. Unter dem Pseudonym „The One“ malt er seit über 15 Jahren Graffiti. Er schwärmt von den vielfältigen Hauptstadt-Styles und nimmt das Risiko, in die Fänge der GIB zu geraten, immer wieder auf sich. Wie oft er schon in Berlin gesprüht hat, kann er jetzt, mit Ende 30, nicht sagen: „Zu oft, um es zählen zu können.“ Seine Bilder wirken abstrakt, Flächen werden durch dicke Linien aufgebrochen, Punkte flirren dazwischen. Buchstaben sind dagegen kaum mehr zu erkennen. Sein Grafikdesign-Background wird in den Arbeiten spürbar. Durchdacht wirken sie, auch auf einer Leinwand wären sie denkbar. Im Vergleich zu vielen sogenannten Bombings, die aufgrund der höheren Deckkraft oft in großen Silbermetallic-Lettern mit schwarzer Outline (Umrandung) gemalt werden, wirken seine Graffiti avantgardistisch. Die BVG, deren U-Bahn-Wagen er aufgrund der gelben Färbung gerne als „Leinwand“ nutzt, wie er sagt, interessiert das natürlich wenig. Knapp eine Million Euro Schaden entsteht dort jährlich durch Graffiti.

Und montags zeigt sich, wie produktiv die Sprayer am Wochenende gewesen sind
Foto: Louise Amelie

„Das Beste an Berlin ist aber die Ringbahn“, erzählt der Sprayer. „Du kannst eine S-Bahn besprühen und sie einmal die Stunde in den Bahnhof fahren sehen. Das gibt es sonst nirgendwo.“ Am Montagmorgen, in der Rushhour, sei der perfekte Moment, um zu entdecken, wie produktiv das Wochenende der Sprayer gewesen ist. Ein Luxus für Edward.

Wobei die Berliner Szene, wenn man nicht gerade Freundschaften pflegt, nicht all zu begeistert über Fremde sei, die an den wenigen Abstellanlagen und Endhaltestellen ihre Spuren hinterlassen. Und die Wände, die seien ohnehin voll. Trotzdem lohnt es sich für Edward, nach Berlin zu kommen. Im Gegensatz zu London ist nicht alles kameraüberwacht und als Vermummter im U-Bahn-Tunnel wird man auch nicht gleich für einen Terroristen gehalten. Außerdem gehe es doch gar nicht nur um die Malerei: „Ich bekomme durch die Reisen einen neuen Blickwinkel auf die Welt, erlebe Städte abseits der ausgetretenen Touristenpfade und treffe interessante Menschen.“

Kürzel auf Club-Toiletten

Interrailing nennt sich der oft genutzte Weg europäischer Sprayer. Für fünf Reisetage mit europäischen Zügen zahlt man nur 175 Euro. Auf diese Weise zieht es nicht nur viele Ausländer nach Berlin, sondern auch Berliner in ausländische Metropolen. Die durch waghalsige Aktionen, wie das Besprühen kompletter Züge am helllichten Tag bekannt gewordene 1UP-Crew veröffentlichte 2011 sogar einen Film über ihr Schaffen im Ausland. Jetzt finden sich ihre Werke in anderen „Graffiti-Tourismus-Zentren“, in Rom zum Beispiel oder Stockholm.

Bei einem Gespräch mit zwei jungen Männern aus Stockholm, 20 und 21 Jahre alt, blonde Haare, bubenhafte Gesichter, die Harmlosigkeit vermuten lassen (beide wollen anonym bleiben), wird allerdings schnell klar: Der Begriff „Graffiti-Tourismus“ trifft es nicht immer genau. Die beiden sprühten in einer Crew in Schweden, haben ihre Staatsbürgerschaft zwar behalten, aber leben jetzt in Wedding. „Weil das Leben hier billiger ist, ganz einfach“, sagen sie. Ihr Hobby haben sie in die neue Heimat übertragen.

Durch die zwei großen Berliner Kunsthochschulen, den florierenden Kreativmarkt und die vergleichbar billigen Mietpreise zieht es viele Designer, Künstler oder Erasmus-Studenten an die Spree. Darunter auch: Sprayer. „Natürlich sind wir nicht zum Sprayen nach Berlin gezogen“, sagt einer der beiden Schweden amüsiert. Stattdessen versuchen sie gerade als DJs in der Clubszene Fuß zu fassen, nebenbei in Bars. Trotzdem gehen sie abends weiterhin raus, hinterlassen ihre Kürzel zumindest auf den Club-Toiletten der Stadt.

Schaut man sich auf besagten Club-Toiletten um, finden sich längst nicht nur die Tags der Berliner Szene und von internationalen Sprayern. Denn ein Großteil der „Touristen“ stammt noch immer aus Deutschland. Nicht alle deutschen Großstädte verfügen über die begehrten U-Bahn-Systeme, nicht überall hat man so viele Freiheiten wie in Berlin. Das Münchner Stadtbild beispielsweise ist fast gänzlich frei von Graffiti, Autobahnbrücken werden schnell gesäubert und besprayte Züge finden sich im laufenden Verkehr so gut wie gar nicht. Für zeitaufwändige illegale Aktionen zieht es die Szene nach Berlin.

In fast allen Graffiti-Filmen und -Büchern deutscher Crews gibt es Sequenzen aus der Hauptstadt. Die Radicals aus Leipzig, KGZ aus Hamburg, FCH aus Rostock oder ABM aus Osnabrück, um nur einige bekannte Akteure der Szene zu nennen: Sie alle waren zu Besuch in Berlin. Ihre Herkunft ist weniger exotisch als die ihrer Kollegen aus Australien oder Spanien, aber sie sind das weitaus größere Problem. Statistisch aber kaum erfassbar.

Die Geschädigten und die Bundespolizei interessiert das nicht. Für sie steht die Aufklärung der Sachbeschädigung im Vordergrund. Durch eine enge Zusammenarbeit mit der GIB und den Sicherheitsdienst-Mitarbeitern der Deutschen Bahn und der BVG sollen die Taten aufgedeckt werden. Die Nationalität spielt da keine Rolle. Um möglichst viele Tatverdächtige zu erfassen, werden auch Hundestaffeln eingesetzt, im Notfall wird sogar mit Hubschraubern gefahndet. Die GIB arbeitet währenddessen daran, Schriftzüge zu entschlüsseln, bestimmte Tags einzelnen Personen zuzuordnen und zu erfassen, wer Teil von welcher Crew ist.

Ermittler warten im abgestellten Zug

Sie arbeiten sich penibel in das anonyme Zeichensystem der illegalen Graffiti ein, verschrecken potenzielle Sprayer wartend im abgestellten Zug oder am frühen Morgen mit einer Hausdurchsuchung. Dann werten sie all die Beweismittel, von Skizzenbüchern über farbbefleckte Kleidungsstücke bis hin zu WhatsApp- und Facebook-Konversationen aus, um möglicherweise eine Verbindung zu gesprayten Graffiti herzustellen. Eine Fleißarbeit. Doch nicht mal das macht sich in jedem Fall bezahlt.

Die Sprayer wollen unerkannt bleiben. Einige fliegen trotzdem auf
Foto: Louise Amelie

Die französische Sprayergruppe und Edward scheren sich jedenfalls wenig um die Bemühungen der Polizei – und darum, ob sie nun als Graffiti-Touristen gesehen werden oder nicht. Der Brite ist während seines Berlin-Trips mit dem Kopf schon beim nächsten Graffiti: Auf der Jagd nach dem ersten freien Ringbahn-Waggon, der in der Nacht irgendwo einsam schlummert und sein Werk am nächsten Morgen das Stadtzentrum umrunden lassen wird. Wieder und wieder, bis das Bild irgendwann vom Zug gewischt wird. Was am Ende bleibt? Höchstens ein Urlaubsschnappschuss aus dem U-Bahn-Schacht, den nie jemand zu Gesicht bekommen wird.


Urban Art total

Unweit des Ku’damms wird in The Haus jetzt einer Kunst gehuldigt, die von der Straße kam

Fünf Etagen, 80 Räume, 10.000 Quadratmeter: Wenn Kimo von Rekowski, 31, Mitglied der Graffiti-Crew „The Dixons“ und einer der drei Inhaber der Kommunikations-Agentur xi-Design, über das Projekt „The Haus – Berlin Art Bang“ spricht, dann hat das stets etwas Atemloses. Doch wer sich mit dem Projekt, der nach Einschätzung ihrer Initiatoren „weltweit größten Urban Art Galerie“, etwas näher beschäftigt, dem stockt bald ebenfalls der Atem – vor Begeisterung.

Denn bereits Wochen vor der offiziellen Eröffnung am 1. April lässt sich bei einem ersten Spaziergang durch The Haus, ein ausrangiertes Bankgebäude an der Nürnberger Straße, erahnen, welch überwältigendes ästhetisches Erlebnis die Besucher haben werden: Kein Winkel der riesigen Immobilie, in der sich nicht einer der rund 170 Streetart-Künstler aus 14 Nationen ausgetobt hat. Der Besucher wandelt durch op-art-inspirierte, flirrende Flure, taucht in dunkel-„bewaldete“ Zimmer ein, hinter deren Bäumen scheu Wölfe lauern oder tastet sich durch einen von „Fransen“ behangenen, unbeleuchteten Gang durch – um in einer fluoreszierenden Bilderexplosion zu landen.

Allzu lange aufschieben sollten Urban-Art-Interessierte ihren Besuch nicht. Am 31. Mai ist mit den Graffiti, Installationen, der Tape-Art, den Fotografien, Skulpturen oder Paintings Schluss – es wird zur Abriss-Party geladen: Das von der Immobilienfirma Pandion gekaufte Gebäude soll noch in diesem Sommer platt gemacht werden, um einem Wohnhaus zu weichen.   EA

The Haus – Berlin Art Bang, Nürnberger Str. 68/69, Schöneberg, Eröffnung: 1.4., Öffnungszeiten: Di–So 10–20 Uhr, Eintritt frei, Kameras + Handys müssen am Eingang abgegeben werden, http://thehaus.de