Grenzverletzer

Urs Jaeggi

Der Künstler und Autor Urs Jaeggi ist gerade 80 Jahre alt geworden und bleibt weiter unbequem

Es geht ihm wie seinen literarischen Figuren – leicht einzuordnen ist Urs Jaeggi nicht. Der Theoretiker und Künstler bleibt ein Skeptiker, der einfachen Antworten misstraut und schwer zu berechnen ist: Urs Jaeggi ist gerade 80 Jahre alt geworden und für viele immer noch ein produktives Ärgernis. Da sitzt er in seinem Charlottenburger Kiez, raucht und erzählt aus seinem Leben: Vom Banklehrling Jaeggi, der vom Bankraub träumte, vom Soziologieprofessor, der zum Schriftsteller wurde. Der Essayist, Maler, Bildhauer und Jazzer Jaeggi blieb immer ein künstlerischer Freigeist, ein Querdenker, der allen Systemen, Ideologien und Dogmen misstraute. Der Schweizer, der 20 Jahre lang einen Lehrstuhl für Soziologie an der FU innehatte, schrieb in den 60er Jahren das  bis heute lesenswerte Standardwerk „Macht und Herrschaft in der BRD“, Auflage bisher eine Viertelmillion. Bei seinen Vorlesungen war der Hörsaal zum Bersten voll. Die Kollegen betrachteten ihn als „Roten“, als „linken Rädelsführer“, die Studenten als „liberalen Scheißer“. Jaeggi gehörte in der wilden Zeit der Achtundsechziger zu den wenigen akademischen Lehrern, die sich selbstkritisch mit der eigenen Position in der universitären Hierarchie auseinandersetzten. In seinen Seminaren diskutierte er gerade vermeintlich abseitige Positionen. Nicht zufällig wurde er Rudi Dutschkes Doktorvater. Die gesamte kritische Theorie war für Jaeggi immer am Alltagsleben zu überprüfen.

Sein autobiografischer Roman „Brandeis“ von 1978 muss neben Bernward Vespers Roman „Die Reise“ und Uwe Timms „Heißer Sommer“ als einer der wichtigsten literarischen Schlüsseltexte der Apo-Revolte gelesen werden. Da sitzt einer zwischen den Stühlen:  Ich-Erzähler Brandeis steht für die Position des Professors zwischen den akademischen Fronten. Brandeis leidet an seinem Zwiespalt, er fragt, wer er eigentlich ist – Festlegungen, Parteilichkeit oder gar Wertungen gibt es in seinem Denken nicht, vielmehr genaue Beobachtungen, Infragestellungen. Rhythmisch klatschen die Studenten beim obligatorischen Sit In. Brandeis, der sich in ihre Demonstrationszüge einreiht, wird dies unheimlich. Die euphorische Masse erinnert ihn an die Nazizeit. Als zwiespältig erweist sich das revolutionäre Unternehmen, das zum Nervenzusammenbruch der Titelfigur führt. Eigentlich will der Dauer-Denker Brandeis nur „aufrichtig“ sein, ganz so wie sein Erfinder, sein zweites Ich, Jaeggi, der in seinem Essay „Versuch über den Verrat“ seinen Kritikern den Begriff der Wahrhaftigkeit erklären wollte. Ehrlichkeit zahlt sich nicht aus. Zwar erhielt der Schriftsteller Jaeggi 1981 den Ingeborg-Bachmann-Preis, doch den großen literarischen Erfolg hatte er nie. Vielleicht naheliegend, wenn sich ein Autor immer wieder neu erfindet. Die nächsten literarischen Versuche, wie „Grundrisse“ oder „Soulthorn“, sind Texte eines Grenzverletzers, der gegen die üblichen Ismen, die Autoren ja gerne mal verliehen werden, resistent ist.

Lange war vom Essayisten und Autor Urs Jaeggi nichts zu hören, umso beeindruckender sein schriftstellerisches Comeback, Ende des letzten Jahrzehnts. Das, was die literarische Öffentlichkeit lange – allen voran die Feuilleton-Päpste – von den deutschen Schriftstellern gefordert hatte, legte der Schweizer vor drei Jahren vor: einen Wenderoman. Klugerweise wird in „Weder noch etwas“ die gesamtdeutsche Nachwendegesellschaft in den kritischen Fokus genommen. Der ICE-Kellner Behnke, zu DDR-Zeiten Betriebsleiter, ist zwar von Ost nach West gegangen, angekommen ist er aber nie. Er ist ein gleichsam ständig Reisender. Die Welt, die er vom Zug aus wahrnimmt, hat etwas Surreales. Ost trifft auf West, doch der Gegensatz ist in Behnkes Perspektive aufgehoben: In Fulda sind die Leute genauso frustriert, wie in Halle. Kellner Behnke denkt: „Einordnen  Aburteilen  Alles wird Falle  Das Recht des Stärkeren.“ Der ICE-Kellner passt nicht in das Ost-West-Schema. Die untergegangene Alt-Männer-Republik namens DDR, der Staat der deutschen Erichs – Honecker und Mielke –, ist für Behnke genauso monströs und fremd, wie die BRD-Geldgesellschaft, die den kalten Krieg gewonnen hat. Begrifflich, vom Genre her, ist Jaeggis neueste Prosa ebenfalls nicht zu fassen: Wenderoman, Reiseliteratur, Liebesroman, soziologisch-systemkritischer Text über das entstandene Prekariat? – „Weder noch etwas“ ist das alles in einem.  Verstörung, Uneindeutigkeit ist das literarische Programm Jaeggis. Sein Roman „Wie wir“ ist eine spannende Sammlung von fantasievoll erzählten Augenblicken, Brüchen, Gedanken und Erinnerungen.

Und so bleibt sie spannend, diese Jaeggische Literatur: Brandeis redet mit seinem zweiten Ich. Doppelgänger begegnen dem Leser immer wieder: Im Roman „Eudora“ von 2010 sind es Fred und Edd (sie könnten auch Dick und Doof heißen). Chemiker Fred sitzt nach einer Explosion ohne Gedächtnis im Irrenhaus und versucht mit Bruder Edd seine Geschichte zu rekonstruieren. Ist ihre Schwester Eudora nur eine Wahnvorstellung? Wer ist wer? Die Antwort überlässt Jaeggi dem Leser. Und seinen Protagonisten: Der ICE-Kellner Behnke, die verwechselbaren Brüder oder Brandeis, sie alle sind immer Zeugen einer prekären gesellschaftlichen Situation. Jaeggis Literatur ist jedes Mal ein Experiment. So wie sein ganzes bewegtes Leben.

Lieferbare Bücher von Urs Jaeggi:
Durcheinandergesellschaft. Versuche, die Gegenwart zu verstehen, Huber Frauenfeld 2008
Weder noch Etwas, Roman, Ritterverlag 2008
Wie wir, Roman, Stuttgart, Huber Frauenfeld 2009
Eudora, Roman, Stuttgart, Huber Frauenfeld 2010