FESTIVAL

Perspektiven einer Revolution

Das HAU leitet mit dem Festival „Utopische Realitäten“ den Jubiläumsreigen zu 100 Jahre Oktoberrevolution ein

Guerilla, Salonkommunisten und Sexarbeiter: „Loderndes Leuchten in den Wäldern der Nacht“ – Foto: Grupo Marea
Guerilla, Salonkommunisten und Sexarbeiter: „Loderndes Leuchten in den Wäldern der Nacht“ – Foto: Grupo Marea

„Wir haben auch tote Freunde“, bemerkt HAU-Chefin Annemie Vanackere als sie sich das Programm des von ihr kurierten Festivals „Utopische Realitäten“ noch einmal vor Augen führt. Eine solche tote Freundin im Geiste ist die einstige russisch-sowjetische Revolutionärin und Frauenrechtlerin Alex­andra Kollontai.

Die Tochter eines Zarengenerals emanzipierte sich schnell, verließ Mann und Sohn und begann 1898 ein Studium der Wirtschaftswissenschaften in der Schweiz – deutsche Frauen durften erst ab 1908 auf die Uni. Kollontai schloss sich Lenin an und wurde, nach der Oktoberrevolu­tion, die weltweit erste Ministerin. In dieser Funktion propagierte sie freie Liebe, WGs und kollektive Kindererziehung – mehr als ein halbes Jahrhundert vor der legendären Kommune 1.

Kollontais Leben und ihre Texte dienten den zum Festival eingeladenen Künstlern nun als Vorlage und Reibe­fläche. Der argentinische Regisseur Mariano Pensotti beschäftigt sich in „Loderndes Leuchten in den Wäldern der Nacht“ mit der Enkelgeneration Kollontais: Einer Nachfahrin russischer Migranten, die jetzt Sexarbeit für die südamerikanische Mittelschicht betreibt; einer Professorin mit Themengebiet Russische Revolution, die selbst alles andere als revolutionär lebt und einer Ex-Guerillakämpferin, die völlig frustriert in ihre Heimatstadt zurückkehrt. Pensotti setzt diese Figuren mittels Puppenspiel, Performance und Film in Szene (12.-15.1., HAU 1).

Einen sowjetrussischen Performance­par­cours bauen Marina Davydova und Vera Martynov mit der Groß-Installation„Eternal Russia“ im HAU 3 auf. Die politische Revolution, die sexuelle Revolution und die prägenden Kunstströmungen der wilden ersten sowjetischen Jahre sind hier Thema (12.-22.1.). Mit dem Leben im Zerfall – Grundbedingung einst der Revolution, aber auch ihr späteres Produkt – setzt sich Vlatka Horvats „Minor Planets“ auseinander (HAU 2, 20.–22.1.).

Aktuell denkbaren politische Revo­lutionen sind hingegen das Ziel von Jonas Staal. In einem Raum, der von riesigen schwarzen Sternen strukturiert ist, denkt er mit Aktivisten über eine neu zu bildende Feministische Union (13.1.), eine Internationalistische und eine Staatenlose Union (beide 14.1.) sowie eine Asymmetrische und eine Kommunale Union (beide 15.1.) nach. Postrevolutionäre Klänge kommen unter anderem von den Dakh Daughters aus Kiew, frei übersetzt: Töchter des Theater Dach, einer Kiewer Avantgardebühne (18.1., HAU 1).

12.-22.1., HAU 1–3 & WAU, Hallesches Ufer 32, Kreuzberg. Eintritt 5–20 €, Festivalpass (drei Vorstellungen) 30 €
www.hebbel-am-ufer.de

Kommentiere diesen beitrag