Essen & Trinken

»Vegan kann echt jeder«

Darf man Tiere essen? Können Pflanzen leiden? Die Schriftstellerin Karen Duve hat ein Jahr erst auf Fleisch, Fisch, Eier und Milchprodukte und schließlich sogar auf Wurzeln, Knollen und Stängel verzichtet. Eine Bilanz

Auf ihrem Hof in der Märkischen Schweiz lebt Karen Duve mit einem Maultier, einem Pferd, einem Esel, zwei Katzen und mehreren Hühnern. Die 49-jährige Bestsellerautorin („Weihnachten mit Thomas Müller”, „Taxi”) hat auch mal ein 750-seitiges Lexikon über berühmte Tiere geschrieben. Trotzdem griff sie jahrelang – wie so viele – im Supermarkt am liebsten zur Hähnchengrillpfanne. Wie es ist, wenn man sich aus der Welt der Massentierhaltung entfernt, hat sie in ihrem eben als Buch erschienenen Selbstversuch „Anständig essen” festgehalten.

Frau Duve, haben Sie noch Spaß am Essen?  Ja, klar. Kein Fleisch mehr zu essen ist allerdings schon ein Verzicht. Dafür sind ein paar Nahrungsmittel dazu gekommen, die ich vorher nicht kannte – Wiener Schnitzel aus Seitan, ein Brotaufstrich aus Rote Bete, solche Sachen. Und ich koche jetzt auch öfter, weil es ja kaum vegetarische Fertiggerichte gibt. Früher hatte ich überhaupt keine Lust zu kochen – der ganze Aufwand ging mir auf die Nerven. Jetzt ehrlich gesagt immer noch. Letztlich bleibt es natürlich eine Einschränkung, sich vegetarisch zu ernähren. Das kann man drehen und wenden, wie man will.

Am Schluss ihres Selbstversuchs waren Sie Frutarier, da darf man praktisch nur noch essen, was vom Baum fällt. Litten Sie nicht unter kulinarischen Entzugserscheinungen?  Das war die einschränkendste Ernährungsweise von allen. Gleichzeitig war es aber auch die, bei der ich mich körperlich am wohlsten gefühlt habe. So fit war ich noch nie. Kurz war ich sogar in Versuchung, Frutarierin zu bleiben. Essen ist schließlich nicht alles. Aber letztlich war ich doch froh, als diese Zeit vorbei war. Trotzdem habe ich mir nicht gleich am nächsten Tag den Teller mit Spezialitäten aus aller Herren Länder vollgeladen, sondern noch zwei Tage länger frutarisch gegessen. Ganz freiwillig. Vielleicht hatte ich auch bloß Angst davor, was passiert, wenn ich wieder in die Freiheit entlassen werde – wie ein Strafgefangener, der sich nach mehrjähriger Haft nicht mehr auskennt in der Welt. Und weil da neue Gewohnheiten entstanden waren. Ich esse jetzt auch manchmal ein frutarisches Gericht aus Erbsen und Kokosmilch. Nur tue ich dann noch Gewürze hinein, die eben nicht zu den frutarischen gehören.

Ihr Selbstversuch war keine reine Leidensgeschichte? Es war lange nicht so schlimm, wie ich gedacht hatte. Ein bisschen war es so, als wäre ich alle zwei Monate in ein fremdes Land umgezogen: Da weiß man zuerst auch nicht, wo im Supermarkt alles steht. Man kennt die Marken nicht und weiß nicht, was am besten schmeckt und wo das am günstigsten zu haben ist. Und ein paar Sachen, die man früher immer gegessen hat, kriegt man eben gar nicht mehr. Der wirkliche Verzicht fing erst mit dem Frutarismus an. Aber selbst das funktionierte ganz passabel, nachdem ich mich eingefuchst hatte. Kaum war ich Frutarierin, kam mir die vegane Ernährung plötzlich völlig unkompliziert und wie das reinste Schlaraffenland vor. Vegan, das kann echt jeder.

Ihr Versuch ist seit zwei Monaten vorbei. Trotzdem sind Sie nicht zu Ihren alten Ernährungsgewohnheiten zurückgekehrt. Was haben Sie völlig aus Ihrem Leben verbannt?  Fleisch aus Massentierhaltung esse ich unter keinen Umständen. Auch nicht, wenn ich frisch verliebt bin oder meine Mutter mich ganz traurig anschaut. Irgendwo muss die Grenze sein.  Ansonsten habe ich mir vorgenommen, nur noch zehn Prozent von dem zu essen, was ich früher an Fleisch, Fisch und Milch konsumiert habe. Theoretisch darf ich also alles essen. Praktisch lebe ich vegetarisch, kann aber nicht ausschließen, dass ich nicht doch noch irgendwann Fleisch kaufe. Ich habe es nicht vor, traue mir aber noch nicht so ganz über den Weg. Und vom Veganismus habe ich einiges übernommen, was mir nicht ganz leicht fällt.

Was wäre das?  Auf Daunen zu verzichten im Bett. Auf ein Federbett, gerade im Winter, wenn es so kalt ist. Da habe ich einen faulen Kompromiss gemacht: Die Bettdecke hat weiterhin eine Kunstfaserfüllung, aber ich habe mein altes Daunenkissen wieder aus dem Karton gekramt. Auf dem Polyesterkissen konnte ich nicht schlafen. Überraschend leicht war es hingegen bei den Schuhen. Teilweise kann man den Unterschied zwischen Leder und Synthetik überhaupt nicht feststellen. Schwer fällt es mir, auf Jogurt und Eis zu verzichten. Da nutze ich die zehn Prozent Regel bis zum Anschlag aus. Beim Fleisch bin ich auf Null. Beim Fisch nahe Null.

Auch an Feiertagen?  Weihnachten war eher nicht vegan. Da habe ich meinen Lieblingsjogurt von früher gegessen. Und dann noch Eis und auch Käse. Wenn man damit einmal anfängt, ist die Versuchung groß, auch nach Weihnachten so weiterzumachen. Wieder deutlichere Grenzen zu ziehen, fiel mir schwer. Wahrscheinlich ist es einfacher, etwas komplett und grundsätzlich sein zu lassen, als im Supermarkt jedes Mal am Kühlregal vorbeizuschleichen und mit sich zu ringen, ob man diesmal nun unbedingt einen Joghurt haben muss.

Wird man einsam, wenn man sich aus der Welt der tierischen Produkte entfernt? Veganer haben ja meistens einen veganen Freundeskreis. Aber als Frutarier ist man echt allein. Da bleibt nur das Internet. In meiner frutarischen Zeit bin ich fast gar nicht ausgegangen. Im Restaurant kann man ja bloß daneben sitzen und einen Apfel essen. Oder gesalzene Erdnüsse. Für Veganer ist Essengehen außerhalb von Großstädten auch schwierig. Am Anfang war das eine starke Überwindung, jedesmal Sonderwünsche anzumelden. Anderseits lernt man dadurch plötzlich den Kellner kennen. Einmal hat sich ein ganz reizender Koch in einem gutbürgerlichen Gasthof für mich richtig ins Zeug gelegt. Der hat das als Herausforderung gesehen, für mich vegan zu kochen. Kurzzeitig hat mir das Spaß gemacht, so im Mittelpunkt zu stehen. Aber irgendwann habe ich mir nur noch gewünscht, mal wieder von der Speisekarte bestellen zu können, ohne dem Kellner ellenlang zu erklären, was alles nicht drin sein darf, in dem Gericht.

Man ist schnell der Griesgram. Klar. Wenn ich mit anderen über ihr Essen rede, muss ich aufpassen, dass ich nicht so einen empörten, moralisierenden Ton anschlage. Eigentlich ist das ja der absolut angemessene Ton, wenn man bedenkt, wie Tiere gequält werden, bevor so ein Stück Fleisch auf dem Teller liegt. Aber die meisten Leute haben eben nicht die gleichen Bilder wie ich vor Augen. Die sehen nicht die zerrupften, humpelnden Hähnchen oder die Kuh, der im Schlachthof bei vollem Bewusstsein die Beine abgeschnitten werden, die sehen bloß ihren Braten. Ich denke dann: Wie könnt ihr bloß? Und die denken: Kann die Nervensäge mal die Klappe halten?

Es ist ja auch schwer einzusehen, warum ich mir meine kleinen Alltagsfreuden versagen muss, wenn sich eine ganze Gesellschaft für die Missstände wie Tierquälerei schuldig macht.  Aber hier kann ich doch etwas direkt  bewirken: Wenn man bisher alle zwei Wochen ein Hähnchen gegessen hat und damit aufhört, sind das jedes Jahr 26 Hähnchen weniger, die mit orthopädischen Problemen durch ihren eigenen Kot humpeln müssen und unter barbarischen Bedingungen geschlachtet werden, indem sie an den Füßen hängend mit dem Kopf durch ein Wasserbad gezogen werden, in das jemand Strom leitet. Was muss denn noch passieren, bis wir sagen: Das esse ich nicht mehr?

Der Konsument scheint recht resistent. Das sieht man ja an den Fleischskandalen. Da gibt es auch nur kurz eine Delle im Kaufverhalten. Kann man da noch auf eine Konsumentendemokratie hoffen?  Die Skandale kommen ja in schneller Folge. Gerade haben wir mal wieder einen Dioxin-Skandal. Das bewirkt schon etwas. Der Fleischkonsum ist in den letzten Jahren zurückgegangen. Und ich habe den Eindruck, dass die Menschen wieder eher bereit sind, politische Verantwortung zu übernehmen. Weil auch immer deutlicher wird, dass man auf die Politiker nicht zählen kann. Im letzten Herbst erst hat die Regierung einen Antrag zur Verbesserung der Haltungsbedingungen von Mastkaninchen, die in absolut grausigen, engen Gitterkäfigen sitzen müssen, abgelehnt. Die wollen nicht oder die können nicht. Die denken auch bei der Klimakatastrophe nur von zwölf bis Mittag und suchen nach Lösungen, mit denen sie weder die Wirtschaftsmanager noch die Wähler vergrätzen. Also kommen wir nicht darum herum, selbst die Verantwortung zu übernehmen. Beim Fleisch ist das einfach. Man muss noch nicht mal etwas tun. Man muss nur etwas lassen.

Früher wurde der Vegetarier als ein sentimentaler Tierfreund belächelt. Rückt jetzt der Klimawandel den Vegetarier in die Mitte der Gesellschaft?  Ja, Vegetarier werden jetzt als verantwortungsbewusste Trendsetter angesehen. Auch die Ärzte behaupten nicht mehr, es wäre ungesund, kein Fleisch zu essen, wie sie es lange der Fleischindustrie nachgeplappert haben. Eben galt man noch als humorloser Sektierer, plötzlich ist man Teil einer Avantgarde. Sogar ein Nestlé-Manager hat unlängst gesagt, dass er nicht glaube, dass in 100 Jahren noch Fleisch gegessen werde.

Was hat Sie mehr schockiert: Die Zustände in den Legebatterien oder der Lobbyismus mit dem die Lebensmittelindustrie die Politik einwickelt? Das kann man nicht trennen. Natürlich hat mich schockiert, wie in einem zivilisierten Land, in einer Demokratie der Lobbyismus herrscht und die Politiker ohnmächtig auf die Industrie reagieren. Wie da der Kapitalismus seine böse Fratze zeigt. Ich war früher nie besonders links. Aber es macht mich wütend, wie alles bis aufs Letzte ausgepresst und ausbeutet wird, ganz egal, wer darunter leidet, Mensch, Tier oder Klima. Hauptsache ich und meine Aktionäre verdienen noch ein bisschen mehr – auch wenn dabei alles andere den Bach runtergeht. Ich bin  aber vor allem deswegen so wütend, weil ich diese Bilder von den geschundenen Kälbern, Schweinen und Hühnern vor Augen habe. Zum Knochenkotzen, wenn ein Herr Funke im Fernsehen unwidersprochen behaupten darf, in der Massentierhaltung würden Antibiotika nur im Krankheitsfall an Hühner ausgegeben. Der weiß ganz genau, dass in einer Halle mit mehreren tausend Hühnern, fast täglich ein totes Huhn auf dem Boden liegt und dann  Krankheitsverdacht besteht, woraufhin alle Hühner mit Antibiotika behandelt werden – man also praktisch immer Antibiotika geben darf. In Niedersachsen, wo die meisten Hühner gehalten werden, werden in den fünf Wochen, die es dauert, ein Hähnchen zu mästen, im Durschnitt 2,3 Mal Antibiotika gegeben. Die Tiere müssen vor Antibiotika nur so strotzen.

Sie haben ja einen großen Schritt getan. Empfinden Sie sich als moralischer als ihre Mitmenschen? Nein. Ich bin bloß bewusster. Die Entscheidung, ob ich Fleisch aus Massentierhaltung kaufe oder nicht, ist nicht nur eine Frage von Mitgefühl oder Intelligenz, sondern vor allem der Bereitschaft, etwas wissen zu wollen. Und weil einkaufen eine banale Angelegenheit ist, schalten die meisten Leute dabei einfach nicht ihr Hirn ein. Ich kenne das ja von mir selber. Ich glaube nicht, dass die meisten Leute, die dieses Drecksfleisch kaufen, wirklich wollen, dass Tiere auf solch barbarische Weise gehalten und geschlachtet werden. Sie denken bloß einfach nicht nach. Außerdem bin ich in den Augen eines Veganers noch lange nicht moralisch genug. Ich sitze jetzt zwischen allen Stühlen: die Fleischesser halten mich für einen anstrengenden Spinner und für die Veganer bin ich unzulänglich. Aber ich selber bin eigentlich ganz zufrieden mit mir: Schließlich benehme ich mich viel rücksichtsvoller als noch vor einem Jahr.

Im orthodoxen Veganer-Lager würde man Ihre Position als „Reformismus“ zeihen.  Die haben ja auch Recht. Ich kann mir nicht auf die Schulter klopfen. Wie ich immer noch einkaufe, ist ethisch äußerst fragwürdig. Aber ich bin da pragmatisch: Es ist gut, dass ich jetzt weniger Schaden anrichte.

Dabei gelten Veganer eher als prinzipientreu denn als pragmatisch.  Das schließt sich ja nicht aus: Die Veganer, die ich kennengelernt habe, waren klug, warmherzig, gebildet und eben integer. Das waren auch keine Asketen. Da wurde immer gern gegessen – vor der Tierbefreiung, nach der Tierbefreieung, ständig gab es da etwas. Das waren durchaus Genussmenschen. Aber nicht auf Kosten anderer.  Deswegen waren die mit sich im Reinen, ohne dass sie ihre Überzeugung vor sich her tragen mussten. Bei mir gibt es immer noch eine Diskrepanz zwischen dem, was ich tue und dem, was ich für moralisch richtig halte. So geht es wahrscheinlich den meisten. Vielleicht kommt daher dieses weit verbreitete Gefühl, Vegetarier und Veganer wären Prinzipienreiter, die sich bloß dünkelhaft über einen erheben wollen. In Wirklichkeit ist man selber derjenige, der dieses Gefühl erzeugt, weil man Schuldgefühle hat und sich moralisch unterlegen vorkommt. Man weiß ja, die haben eigentlich recht. Und das schafft ein Unbehagen.

Dabei macht uns das Christentum glauben, dass wir die Spitze der Schöpfung sind. Der Mensch hat sich immer eingebildet, er würde über dem Tierreich stehen. Weil wir uns so viel auf unserer Intelligenz zu Gute halten. Aber darin liegt doch eigentlich auch eine Verpflichtung, diese Intelligenz zu benutzen. Sich zum Beispiel zu fragen, ob man wirklich einer Tierindustrie sein Geld geben will, die sowieso schon in Millionenhöhe unsere Steuergelder bekommt, um Werbekampagnen zu starten, in denen uns vorgelogen wird, die Tiere, die wir essen, würden auf grünen Wiesen stehen und könnten sich nichts Schöneres vorstellen, als dem Menschen zu dienen? Dabei werden die Tiere in ihren schrecklichen Blechschuppen ja bloß noch deshalb auf dem Land gehalten, weil dort die Mieten billig sind und der Mist besser entsorgt werden kann. Ansonsten könnten diese Hallen genauso gut in einem Industriegebiet stehen.

Am Ende Ihres Buches schreiben Sie: „Jetzt ernähre ich mich so achtsam und rücksichtsvoll wie nie zuvor in meinem Leben und habe trotzdem eine schlechtere Meinung von mir als früher.“ Wie kommt das?  Weil ich sehr viel mehr weiß. Und meine Konsequenzen deswegen eigentlich viel weiter gehen müssten.

Dann kann man Ihr Buch nur sehr eingeschränkt empfehlen, wenn man gerne isst? Das ist dieselbe Frage wie in dem Film Matrix, ob man die rote oder die blaue Pille nimmt. Wenn man der Held in seinem Film sein will, dann nimmt man die Pille, die einem die Wahrheit verspricht, auch wenn sie einem nicht garantiert, dass es einem danach unbedingt besser gehen wird. Es ist eine grundsätzliche Entscheidung, die man sowieso für sein Leben treffen muss: Will ich das glauben, was sich gut anfühlt, oder das wissen, was wahr ist? Freiheit heißt ja nicht nur, zu tun, was einem gerade in den Kram passt, sondern auch zu wissen, was man tut. Und wer vernünftige Entscheidungen fällen will, kommt nicht darum herum, sich zu informieren.

 

Glossar: Wer isst was nicht?

Vegetarier gab es schon in der Antike. Der Philosoph Pythagoras galt als Begründer der klassischen fleischlosen Ernährung. Auch einige altasiatische Kulturen übten den Fleischverzicht. Der Begriff Vegetarismus bzw. Vegetarier wurde im Deutschen erst um 1880 gebräuchlich, als Reformbewegungen im Zuge der Industrialisierung eine bewusstere Lebensweise propagierten. Eigentlich ist das Wort ein Sammelbegriff für verschiendene Ernährungsweisen: Alle Vegetarier verzichten auf Fleisch, viele auch auf Fisch, Ovo-Vegetarier meiden außerdem Milch, essen aber Eier, Lakto-Vegetarier dagegen verzichten auf Eier, nicht aber auf Milchprodukte.

Veganer meiden alle Produkte tierischer Herkunft, einschließlich Honig. Neben einer pflanzlichen Ernährung achten sie auch bei Kleidung, Kosmetik und Medikamenten so weit wie praktisch möglich darauf, die Ausbeutung  von Tieren zu vermeiden.

Frutarier sind extrem selten, weil nur Pflanzenteile, die man abnehmen kann, ohne die Pflanze zu zerstören, gegessen werden dürfen. Also Obst, Nüsse oder Samen. Verboten sind also sogar Wurzel-, Knollen- und Stängelteile.