Keine Wurst für niemand

Veganismus ist mehr als nur ein Lifestyle-Trend

Die Zeit ist reif, faule Kompromisse über Bord zu werfen. Nie war es einfacher und notwendiger, ohne tierische Produkte zu leben, als heute
Er greift immer wieder zu. Und immer wieder. Nach jedem weiteren Stromschlag. In einer Folge der amerikanischen Zeichentrickserie „Die Simpsons“ führt Lisa Simp­son mit ihrem Bruder Bart eine Art Pawlow’sches Experiment durch: Sie setzt zwei saftige Cupcakes unter Strom und positioniert sie neben einem Warnschild: „Nicht berühren!“ Der gierige Bart greift zu, der Stromschlag lässt ihn zusammen­zucken. Bart guckt erstaunt, denkt fünf Sekunden nach und – greift wieder zu.

Ein ewiger Kreislauf aus Genuss und Verdrängung und Genuss und Verdrängung – das ist die Beziehung des Menschen zu seiner Ernährung. Wir kennen all die Bilder aus den Katakomben der pervertierten Nahrungsmittelindustrie. Aber wir verdrängen sie, wenn der Magen knurrt. Ab und zu geis­tert ein Lebensmittelskandal durch die ­Medien, einer jener kleinen Stromschläge, die uns kurz wachrütteln. BSE im Steak Tatar, Pferde in der Lasagne, Hühnergrippe in Asien – und die Debatte kocht hoch. Alle sind sich einig: So kann es nicht weiter­gehen. Aber eine Woche später passiert etwas anderes – Warnfall im Atomkraftwerk oder Liebeskrise bei Helene Fischer und Florian Silbereisen – und alles ist vergessen. Es ist, als würden wir in einer Matrix ­leben, die insgeheim auf einer riesigen ­Maschinerie des Grauens fußt.

Doch immer mehr Menschen erwachen aus dem moralischen Tiefschlaf. Sie verweigern sich der Produktpalette der Nutztier­indus­trie. Und zwar komplett. Vor einigen Jahren galt es noch als progressiv, sich vegetarisch zu ernähren, heute ist auf dem Vormarsch, was einst Nische war: die vegane Lebensweise. Veganer verzichten auf tierische Produkte in der Nahrung – vom Honig bis zum Hühner­ei – und meiden auch Produkte wie Leder, Wolle oder Seide. Nach Schätzungen des Vegetarierbundes Deutschland ernähren sich inzwischen zehn Prozent der Deutschen vegetarisch. 900.000 leben vegan. Deutschland hat es satt.

Ich bin Vegetarierin, seit ich 15 Jahre alt bin. Auch damals lief gerade eine dieser medialen Stromschlagphasen ab, inklusive zahlreicher Dokumentationen über Massentierhaltung. Ans Gitter gepresste Nasen, klaffende Wunden, Zuckungen im Todeskampf. In einem dieser Filme wurde gezeigt, wie eine Kuh mittels eines Krans auf ein Schiff voller Kühe gehievt werden soll. Sie wird an einem Bein hochgezogen, auf halber Strecke aber bleibt der Kran stehen und das Tier schwebt in der Luft. ­Etliche überzüchtete Kilos an einem Bein. Ich weiß nicht mehr, warum der Kran stehen blieb. Ich weiß nicht mal mehr, ob tatsächlich gezeigt oder nur noch beschrieben wurde, wie das Bein des Tieres schließlich abreißt. Aber das Bild dieser Kuh, da oben an dem Kran, das Grauen in ihren Augen hat sich für immer in mein Gedächtnis eingebrannt und es mir unmöglich gemacht, weiter Fleisch zu essen. Der Kreislauf aus Genuss und Verdrängung war unwiderruflich durchbrochen.

Das alles ist Folter

Die amerikanische Sozialpsychologin und Veganerin ­Melanie Joy, Autorin des Buches „Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen“, bezeichnet dieses System der Verdrängung als Karnismus. Während Veganern oft vorgeworfen wird, einer Art Ersatzreligion oder Ideologie verfallen zu sein, dreht Melanie Joy den Spieß um. Sie formuliert die These, der Karnismus sei eine erlernte Ideologie. Die Kategorisierung der Tiere – vom geliebten Familienmitglied bis zur vermeintlich wesensfreien Ware – führe in ihrer Willkür zu einem Gewissenskonflikt. Der Karnismus aber, schreibt sie, lehrt uns, Verstand und Gefühle auszuschalten, wenn es um Tiere geht, die wir essen. In ihrem Buch fasst Melanie Joy das Konzept des Karnismus in den drei N’s zusammen: Fleisch­essen wird als „normal, natürlich und notwendig“ dargestellt. Der Karnismus nutzt diese drei N’s als Argumentation gegen den Verzicht.

Kurzer Faktencheck. Normal? Wir füttern Hunde mit Delikatessen, kleiden sie in Mäntelchen und tragen sie am Ende tränenreich zu Grabe. Schweine aber, die erwiesenermaßen ebenso intelligent, sozial, verspielt und sensibel sind, werden gequält, getötet und gegessen. Natürlich? Die Nutztierhaltung und der damit verbundene Konsum sind weiter davon entfernt denn je. Notwendig? Dass man sich auch mit pflanzlicher Kost absolut ausgewogen, wenn nicht sogar besser ernähren kann, bestreitet heute kaum noch ein Ernährungs­wissenschaftler. Der Karnismus dominiert noch immer, doch die Ideologie bröckelt.

Mehr als 830 Millionen Tiere sterben jährlich in Deutschlands Massentierhaltung. Und schlimmer als ihr oft qualvoller Tod ist wohl das Leben davor. Manche Milchkuh hat sich bis zur Schlachtung nie um die eigene Achse gedreht. Hühner brechen unterm eigenen Gewicht zusammen. Schweine werden unzulänglich betäubt und lebend ins 60 Grad heiße Brühbad ­geworfen. Das alles ist Folter. Und hinlänglich bekannt.

Was wird sich ändern, wenn wir nicht umdenken? Nichts. Was hilft es, dass womöglich ein paar Leute zu Silvester beschlossen haben, in diesem Jahr mehr Bio-Fleisch zu kaufen oder nur noch dreimal statt viermal die Woche Fleisch zu essen? Fast nichts. Köchin Sarah Wiener kann noch so oft fordern, ein Huhn müsse endlich mehr kosten als eine Stunde Parkhaus – die Nachfrage steuert das Angebot. Es wäre in diesem Fall schön, wenn es andersrum liefe. Wenn ein Stück Fleisch wieder zum Luxusprodukt erklärt würde, das es eigentlich ist und das man sich eben nicht jeden Tag leisten kann. Aber das wird nicht passieren, solange es einen Wettbewerb gibt.

Also hören wir auf mit den faulen Kompromissen. Wer nicht in der Lage wäre, selbst ein Tier zu töten, sollte auch keins essen. Wer die Perversitäten der Fleisch­industrie verurteilt, darf sie nicht mitfinanzieren. Wer sich wirklich frei machen will von jeglicher Mitverantwortung am Leid der Tiere, der hat nur eine Option: den Veganismus.

Und da stehe ich nun. Nach 20 Jahren ­Vegetarismus dämmert mir, dass ich noch immer Teil dieses Schweine­systems bin. Dass der Goudakäse nur der böse Zwilling des Hüftsteaks ist.

Vegetarismus war gestern

Die Qualen der überzüchteten Milchkühe – immer wieder künstlich befruchtet, immer wieder ihrer Kälber beraubt, nach denen sie oft tagelang rufen – sind vielleicht größer als die der Mast­rinder. Der Preis für unsere Frühstückseier sind Abermillionen geschredderte Hähnchenküken, die nicht für die Legehennenproduktion geeignet sind. Die Massentierhaltung, und das beinhaltet eben auch die Milch- und Eier­produktion, ist für rund 18 Prozent der Treibhausgase verantwortlich, mehr als der gesamte Transportsektor. Einem System, das so dermaßen aus der Art geschlagen ist wie die Nutztierhaltung der Industrie­nationen, kann man nicht mit Kompromissen begegnen. Man muss sich ihm rigoros entziehen. Mit meinem vermeintlich korrekten Lebensstil hinke ich der Zeit hinterher. Vegetarismus war gestern.

Seit Anfang des Jahres lebe ich nun also vegan und bin dankbarer denn je, in dieser Stadt zu wohnen. Was in der eigenen Küche ohnehin unproblematisch ist, stellt mich auch in der Mittags­pause mit den Kollegen selten vor Herausforderungen. Natürlich bedeutet es Verzicht. Aber Verzicht kurbelt auch die Kreativität an. Das Internet ist voll von veganen Koch-Blogs, die sozialen Netzwerke wimmeln vor Tipps und Tricks. Der Umsatz mit als vegan deklarierten Produkten steigt seit 2010 jährlich um im Schnitt 17 Prozent, gibt der Datenanbieter Statista an. Wer heute eine Buchhandlung besucht, findet ganze Abteilungen veganer Kochbücher vor. Berliner wie Sophia Hoffmann (siehe Interview Seite 20), Nicole „La Veganista“ Just oder Attila Hildmann sind mit ihren Rezepten zu Stars der Szene geworden.

Es ist so einfach wie nie zuvor, ohne tierische Produkte zu leben. Vegane Supermärkte, Restaurants, Schuh­läden, ja selbst ein veganer Sexshop mit lederfreiem Spielzeug stehen in Berlin zur Verfügung (siehe Seite 18). Sogar die ­Grüne Woche sprang in diesem Jahr auf den Zug auf. Erstmals war die Messe V Delicious zu sehen, die etwas unbeholfen vegetarisch-vegane Ernährung mit Aller­giker-Produkten und Gesundheitsschuhen vereinte. Und auch Großkonzerne haben den Trend bemerkt: Laut der Tierrechtsorganisation Peta soll es ab April in allen Ikea-Filialen weltweit vegane Köttbullar geben.

Wie bei allen Trends gibt es eine dazu­gehörige Gegenbewegung. In Magazinen wie „Beef“ wird das T-Bone-Steak zur letzten Bastion der Männlichkeit. Die authentische chinesische Küche samt Hühnerfüßen und Quallensalat ist beliebter denn je. Und nachdem in den Restaurants der Stadt schon die Blutwurst ein Comeback feierte, kommen nun zunehmend Organe in die Pfanne. Beide Trends aber haben denselben Ursprung: ein neues Bewusstsein, den Wunsch nach einem Ende der Entfremdung durch Gesichtswurst und Fischstäbchen.

Deutlicher als in der Neuköllner Fichtestraße könnten die Bewegungen nicht konkurrieren: Auf der einen Straßenseite werden im Café No Milk Today ­vegane Torten zu Hafermilch-Kaffee serviert. Direkt gegenüber bietet das Restaurant Herz und Niere selbige und andere Organe auf dem Teller an. Die Stadt bedient beide Trends gleichermaßen.

Spott für den Spielverderber

Ich habe mich für eine Straßenseite entschieden. Ob ich das wirklich durchziehe? Möglich. Ob ich dann ein besserer Mensch bin? Sicher nicht. Ich habe schon ­Billigairline-Kurztrips gemacht, die güns­tiger waren als eine Taxifahrt. Ich kaufe oft Klamotten in den falschen Läden. Ich habe zwei Katzen, die ich als Karnivoren nicht zu Veganern umpolen möchte.

Man kann nie alles richtig machen. Und überhaupt sollte endlich Schluss sein mit der „Sind Veganer die besseren Menschen“-Debatte. Es geht nicht um Ideologien oder Glaubenskonstrukte. Veganismus ist kein pseudoreligiöses Hobby. Die Gegebenheiten nicht verdrängen, sondern in den Alltag integrieren und danach leben – das ist das Gegenteil von verschwurbelter Ideo­logie. Es ist konsequentes Verhalten.

Dennoch wird Vegetariern und Veganern häufig mit Spott und Hass begegnet. Woran liegt das? Ist es der Stromstoß, den der Veganer am Tisch versetzt, indem er stilles Zeugnis ablegt über das, was da außerhalb der Matrix passiert? Penetrantes Mis­sionars­tum vonseiten der Veganer, das oft als Argument für die Antipathie vorgebracht wird, ist im Alltag selten zu bemerken. Da dominieren eher schlechte Fleisch­esser-Witze („Dein Essen wird welk!“) und nervige Ratschläge („Du bist erkältet? Iss doch mal ein ordentliches Steak!“). Oder Häme. Als ich einst in einer Bäckerei fragte, in welchen der Torten Gelatine enthalten sei, erwiderte die Dame hinterm Tresen: „Na, wenn Sie das so sehen, dürfen Sie unsere Schrippen auch nicht essen. Da ist Schweineschmalz drin.“ Die heimliche Freude über meinen Schrecken konnte sie nicht verbergen. Das war ihre Rache. Der Ausgleich für den Knacks, den ich ihrem Karnismus zugefügt hatte, indem ich den Stabilisator Gelatine – Schlacht­abfälle wie Knochen, Schwarte und Haut – thematisierte. Einfach essen. Nicht fragen.

Ein ähnliches Phänomen ist die Kritik an veganen Ersatzprodukten wie Tofu-Würst­chen. Wer kein Fleisch esse, heißt es oft, solle doch bitte schön auch darauf verzichten. Die wenigsten Veganer aber streichen aus Gesundheitsgründen Tierisches vom Speiseplan. Warum sollte es ihnen versagt sein, einen veganen Hotdog oder Burger zu essen? Würstchen wachsen nicht am Schwein, Burger-Patties nicht an der Kuh. Es ist in allen Fällen geformte Masse, die sich einfach praktisch in Brötchen stecken lässt. Nicht mehr und nicht weniger.

Kritik und Häme sind die Quittung für die zerstörte Verdrängung. Der Veganer ist der präsente Spielverderber. Das Tier aber ist tot und unsichtbar.

Ein Stück vom Braten

Der Philosoph Richard David Precht brachte das in einem Gleichnis auf den Punkt. In seiner Fernsehsendung „Precht“ diskutierte er mit dem Philosophen Robert Spaemann die Frage „Dürfen wir Tiere essen?“ und stellte seinem Gegenüber folgende Frage: Wenn man ein Reh betäuben, ihm ein Bein abschneiden, die Stelle vernähen und es wieder wecken würde – könnte Spaemann die Rehkeule essen? Spaemann verneint. Und Precht sagt: „Wenn Sie das dreibeinige Reh sehen würden, täte es ­ihnen unendlich leid. Wenn Sie es aber getötet hätten, hätten Sie es wieder vergessen. Ist das nicht eigenartig?“ Millionenfaches Tierleid, irgendwo im Dunkeln, sagt Precht, das entspräche nicht der heutigen Kultur, das sei barbarisches Verhalten.

Barbarisches Verhalten, das in manchen Ländern erst richtig Fahrt aufnimmt. Der Veganismus mag sich hierzulande und in den USA wie der Vegetarismus entwickeln, zur Normalität werden, in den Restaurants ankommen. Doch gleichzeitig entdecken Nationen wie China erst jetzt ihre Fleischeslust, wollen endlich ein Stück vom Braten. Im Fleischatlas 2014, herausgegeben von BUND, Heinrich-Böll-Stiftung und Le Monde Diplomatique, wird prophezeit, dass bei einer Fortsetzung des gegenwärtigen Trends die Fleisch­erzeugung bis Mitte des Jahrhunderts von derzeit 300 Millionen Tonnen auf fast eine halbe Milliarde Tonnen ansteigt. Diesen Bedarf mit vermeintlich artgerechter Bio-Haltung zu decken, dürfte schwierig werden. 70 Prozent aller Agrar­flächen werden schon heute nur zum Anbau von Tierfutter genutzt.

Lisa Simpson, die in besagter „Simpsons“-Folge ihrem Bruder Bart die Stromschläge verpasste, führte übrigens eine weitere Versuchsreihe durch. Dasselbe Pawlow’sche Cupcake-Experiment testete sie an einem Hamster. Der Hamster hat gewonnen.