Amüsiert euch

Vergessene Vergnügungsorte

Die Versteigerung des Spreeparks ist gescheitert, am Müggelturm brennt der Imbiss ab, und der Teufelsberg vergammelt sowieso. Was ist bloß aus Berlins Freizeitriesen geworden? Und was ließe sich nicht alles aus ihnen machen? Wir haben da ein paar Ideen.

Teufelsberg

Der Ort

Pflanzen wuchern über fensterlose Fassaden, die Fiberglasplane auf den weißen Kugeln, die diese Ruinenstadt krönen, flattert zerfetzt im Wind. Bis 1991 belauschten amerikanische und britische Abhörspezialisten von hier aus den Ostblock. 60 Meter darunter legte Hitler 1937 den Grundstein seiner geplanten Reichsuniversität. Nach dem Krieg wurden über dem Rohbau 26 Millionen Kubikmeter Trümmer zur heute mit 120,1 Metern höchsten Erhebung Berlins aufgeschüttet. Den Gipfel bezogen die Spione, darunter entstand ein Wintersportzentrum mit Rodelbahn, Skischanze und Slalompiste. 1996 wurde das Areal auf der Spitze für 5,2 Millionen Mark von einer Investorengemeinschaft gekauft. Bauprojekte wie ein Hotel oder Luxuslofts wurden nicht fertig oder nicht genehmigt, das ­Areal verfiel. Seit 2006 ist es im Flächennutzungsplan als Wald eingetragen, ein Denkmalschutzantrag soll die Existenz der Ruinen sichern, er ist noch in der Schwebe. Seit Mai 2012 wird das Gelände von zwei Pächtern bewirtschaftet, die an Führungen, Filmdrehs, Konzerten, Fotoshootings und privaten Veranstaltungen verdienen.

Die Pläne

Ob man das Areal für die Öffentlichkeit erschließen oder es vor ihr schützen muss, da gehen die Meinungen auseinander. Das am Fuß des Berges angesiedelte Ökowerk fordert einen Rückkauf durch den Senat, den Abriss der Bauten und eine Renaturierung des Gebiets. Die Mitglieder der Initiative Teufelsberg rund um die derzeitigen Pächter wollen den Charme der Zerstörung erhalten, aber Boden und Geländer ausbessern, damit Besucher auch wieder unbegleitet umherstreunen können. Auch die Bezirksverordnetenversammlung Charlottenburg-Wilmersdorf will das Ensemble als Zeugnis des Kalten Krieges schützen.
Die Mitglieder der c-base, einer dem ­Chaos Computer Club nahestehenden Einrichtung, wollen Informationsveranstaltungen zur Nachrichtentechnik abhalten. Der Verein Unterwelten würde gerne einen Tunnel bis zu den Überresten der Nazi-Universität graben. Der Senat will vor allem den Rückkauf des mit Hypotheken in Höhe von 33 Millionen Euro belasteten Grundstücks vermeiden. Im September startet ein run­der Tisch, den Stadtentwicklungsstaats­sekretär Ephraim Gothe leitet.

Unsere Vision 2020

Berlin liebt sein neues Wintersportgebiet. Dank der durch den Klimawandel zunehmend strengen Winter müssen die Schneekanonen nur selten einspringen, um rasante Abfahrten auf der wiedereröffneten Rodelbahn, der Slalompiste oder der Skischanze zu ermöglichen.
In den wärmeren Monaten fliegen Mountainbiker, Skateboarder, ja sogar Bier-Bikes über den Schanzentisch auf den luftgepols­terten Hang. Vom Dach der Abhöranlage aus starten Gleitschirmflieger mit Inlineskates zu einem Rundflug über den Grunewald. Im Wochentakt werden hier neue Trendsportarten entwickelt oder bestehende miteinander kombiniert.
Die Spitze des Berges wurde von den Inves­toren aufgegeben, der Wachschutz ist weg, Künstler haben die Gebäude bezogen. Überall wird gemalt, gesprüht, geschweißt. Stahlskulpturen säumen die Wege, Sportler nutzen sie als Hindernis und machen Tricks darauf. Gelegentlich gibt es Partys auf dem Gelände. „Tacheles 2.0“ ist fett über den Eingang gesprüht.

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Avus-Tribüne

Der Ort

Wo früher die Nordkurve der Avus in den Himmel ragte, befindet sich heute ein LKW-Rastplatz im Niemandsland zwischen A115 und Stadtring. 1921 wurde die Strecke eröffnet, Avus ist die ­Abkürzung für ­Automobil-Verkehrs- und Übungsstraße. Die ­legendäre Steil­kurve machte die Rennstrecke einst zur schnellsten und gefährlichsten der Welt und wurde auch deshalb 1967 wieder abgerissen. Der Rennbetrieb lief noch Jahrzehnte weiter und wurde erst am 1. Mai 1999 offiziell eingestellt.

Das Motorradfahrer-Denkmal an der Auffahrt Halenseestraße erinnert noch an die Ära der 20er- und 30er-Jahre, als auf der Avus Geschwindigkeitsrekorde gebrochen wurden und hunderttausende Menschen hierher pilgerten, um die ersten Rennwagen zu bestaunen. Die alte Avus-Tribüne steht nur wenige 100 Meter weiter, eingeklemmt zwischen Autobahn und Messedamm.

Das denkmalgeschützte Bauwerk aus dem Jahr 1936 hat zuletzt ­weniger glanzvolle Zeiten erlebt. Es gammelt seit nunmehr 14 Jahren ungenutzt vor sich hin. Zwischenzeitlich war es so ­marode, dass einige Teile der Außenfassade auf den anliegenden Gehweg stürzten. Diese Schäden wurden zwar umgehend beseitigt, der allgemeine Verfall der 240 Meter langen Tribüne allerdings nicht aufgehalten.

Die einstige Massenattraktion bietet somit einen immer trostloseren Anblick, wenn man auf der A115 daran vorbeifährt. Die Wände sind mit Graffiti beschmiert, die Stahlpfeiler rosten, die Fenster der früheren Loge sind eingeschmissen und zwischen den morschen Holzbänken, auf denen mal bis zu 4.000 Zuschauer Platz fanden, macht sich Moos breit.

Die Pläne

Das ehemalige Verwaltungsgebäude der Rennstrecke mit dem Zielrichterturm und dem Mercedesstern auf dem Dach wurde ­bereits 1977 zum Hotel und Rasthof Avus umgebaut. Eine ähnliche Sanierung ist auch für die Tribüne vorgesehen. 2006 verkaufte die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben das Gebäude für rund 500.000 Euro an die Avus-Tribüne GmbH. Deren ­Geschäftsführer Sven Dübbers kündigte 2008 einen umfassenden Umbau an. Geplant war eine Verglasung der Tribünenfront. Im Innenbereich sollten Ausstellungs- und Tagungsräume entstehen; auch ein Avus Museum mitsamt Restaurant und Lounge waren angedacht. Doch daraus wurde nichts. Offenbar sprangen dem Unternehmen im Zuge der Wirtschaftskrise Geldgeber ab.

Erst im Sommer 2010 wurde ein erneuter Anlauf gewagt. Ein Bauantrag wurde gestellt. Es gab mündliche Verhandlungen mit der Bezirksverwaltung, ohne dass letztlich eine Baugenehmigung erteilt wurde. Auch über alternative Finanzierungskonzepte sei gesprochen worden, sagt Bezirksstadtrat Marc Schulte. Der ­Bezirk erlaubte der Avus-Tribüne GmbH die Fassade am Messedamm für Werbezwecke zu nutzen. Die im Gegenzug zugesagte Instandsetzung des Denkmals ließ jedoch weiter auf sich warten, sodass der Bezirk sich gezwungen sah, den Aushang von Werbung am Gebäude wieder zu untersagen. Die Sache ging bis vor Gericht. Das Urteil fiel zugunsten des Bezirks aus und die Werbeplakate mussten wieder verschwinden. Seit Ende 2012 hat der Eigentümer nun nichts mehr von sich hören lassen. Ein wirklich handfester Bau- und Finanzierungsplan habe zu keinem Zeitpunkt vorgelegen, so Schulte.

Unsere Vision 2020

Autofahren ist so was von 2010! Die Welt hat gerade ihre dritte große Ölkrise hinter sich und Millionen von Karossen stehen nutzlos herum, weil sich niemand leisten kann, sie zu betanken. Der Senat hat ein striktes Autofahrverbot für den gesamten ­innerstädtischen Bereich erlassen, dementsprechend leergefegt sind auch die Straßen rund um das Messegelände. Es ist ungewohnt ruhig geworden am Funkturm. Nur vor und auf der Avus-Tribüne tobt wieder das Leben. Sie ist endlich saniert, vollständig verglast und erstrahlt in der Nachmittagssonne. Der unmittelbar vor der Tribüne gelegene Streckenabschnitt der A115 ist zur Paradestraße umfunktioniert worden. Hier darf man noch mit fetten Benzinschluckern aufwarten und auch sonst nach Herzenslust lärmen und stinken. Zahlreiche Veranstalter bieten Trabi- und Monstertruckfahren an. Wer es noch extravaganter mag und das nötige Kleingeld mitbringt, kann mit Dampfwalzen oder Panzern die nutzlos gewordenen PKW plattfahren. Selbst die Love-Parade hat hier wieder eine Berliner Heimat ­gefunden. Alle Festumzüge, für die man früher noch Teile der ­Innenstadt vollsperren musste, sind an die Avus ausgelagert worden. Auf der Tribüne herrscht eine Atmosphäre wie beim Pferderennen. Die Zuschauer können auf alles wetten. Die besondere Spezialität des Hauses sind auf Motorhauben gegrillte Steaks.

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Müggelturm

Der Ort

Jetzt ist auch noch der Kiosk neben dem Turm abgebrannt, zum zweiten Mal seit 2010. Pächter Andras Milak verkauft hier Bockwurst, Kaffee und Kuchen und verlangte bislang einen Euro Eintritt für den Turm. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts steht der Müggelturm auf dem kleinen Müggelberg, irgendwo in den Wäldern zwischen Dahme und Müggelsee. 88 Meter hoch ist der Berg, wer nicht außen herum laufen oder fahren will, kann die 374 Stufen nehmen. Der unvermeidliche Theodor Fontane schrieb damals: „Auf Quadratmeilen hin nur Wasser und Wald. Nichts, was an die Hand der Kultur erinnerte.“

Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzte das Militär den Turm als Aussichtspunkt. Gerade, als wieder ein Lokal einziehen sollte, brannte er 1958 während Renovierungsarbeiten ab. Im DDR-Chic wurde er wieder aufgebaut, diesmal 30 Meter hoch, er steht seitdem unter Denkmalschutz. Zwischen den 60er- und 80er-Jahren gab es eine Renaissance, rund 3.000 Besucher kamen an den ­Wochenenden. Mit dem Ende der DDR verfiel der Turm zusehends. 1995 wurde das Land Berlin Eigentümer.

Seitdem gibt es ein unwürdiges Hin und Her. 2007 kaufte der Krefelder Investor Marc Förste das Gelände für 25.000 Euro. Da der er bislang keinen tragfähigen Bebauungsplan vorlegte, ­erklärte ein Gericht den Vertrag für ungültig, doch Förste will bauen und hat Berufung eingelegt. ­Andras Milak, der pro Monat 500 Euro Pacht an Förste zahlt, will den Eintrittspreis auf 1,50 Euro erhöhen. Eine Versicherung habe er seit dem letzten Brand nicht mehr.

Die Pläne

Ideen gab es seit der Wende viele: Einer wollte ein Hotel mit ­Restaurant, Biergarten, Kegelbahnen und einem Sommertheater bauen, doch er sprang wieder ab. Ein anderer plante eine Burg, doch den wollte der Senat nicht.

Derzeit hängt das Verfahren in der Luft, bis das Gericht entscheidet, ob Marc Förste das ­Gelände abgeben muss. Förste will an seinen Plänen eines Ausflugslokals plus ganzjähriger Eventlocation festhalten. Er wirft dem Bezirk vor, sein Projekt zu blockieren und sich auf die Seite des Berliner Interessenten Matthias Große geschlagen zu haben. Seit zwei Jahren wartet Förste ­darauf, dass eine Baugenehmigung erfolgt.

Matthias Große, Lebensgefährte der früheren Eisschnellläuferin Claudia Pechstein, hat mit dem Land Berlin bereits einen Kaufvertrag abgeschlossen, der aber erst dann gültig wird, wenn das Objekt von Förste in den Besitz des Landes Berlin wechseln sollte. Im Oktober entscheidet das Oberlandesgericht Düsseldorf über die Berufung von Marc Förste.

Große denkt an eine Außenstelle des Standesamtes, an Abi­tur- und Betriebsfeiern. „Es soll ein grundsolides Ausflugsziel werden“, sagt Große, der mit dem Köpenicker Restaurant Isola di Capri bereits einen gastronomischen Betreiber an der Hand hat. Die Baupläne zeigen einen futuristischen Bau mit viel glänzendem Weiß, Glas und einem Pool. Große will neben solider Küche auch Extravaganzen bieten und die High Society ­erreichen. Die Investitionssumme soll laut Große im siebenstelligen Bereich liegen.

Unsere Vision 2020

Oben, wo die Luft angeblich dünner wird, ist Berlin auf einmal am schönsten. Der Müggelturm ist zu dem Ausflugsziel schlechthin geworden. Hier treffen sich junge Wilde und alte Helden. Den Turm hat ein anonymer Investor zu einem verglasten Party-Tower umgebaut und „Das Berggruen“ getauft. Auf jeder der neun Etagen gibt es Karaoke-Kabinen, dienstags und donnerstags finden Meisterschaften statt, bei denen die Gewinner pro Runde eine Etage nach oben rücken. Die launigen Sangesabende beginnen um 18 Uhr und arten in wilde Partys aus. Vom Berghain redet bald niemand mehr – es zieht enttäuscht weiter ins Tropical Islands.

Auf den Berg kommt man unter anderem mit der Gondel von Friedrichshagen oder mit dem Sessellift von der Dahme. Wer es tagsüber etwas ruhiger mag, findet neben dem Turm Platz im Ausflugslokal, das mit großer Terrasse und Dachgarten wiedereröffnet hat. Es heißt „Müggelglück“. An den ersten Wochenenden kommt halb Berlin, später halb Europa plus Japan. Es gibt riesige Schnitzel, große Bierkrüge, die Kellner sind schnell und glücklich, und ein Cabrio-Shuttlebus bringt die angetrunkenen Gäste hinab ins Tal. Wer noch nüchtern und mutiger ist, kann die Megarutsche runter zur Dahme nehmen. Im Winter gibt es Schlittenfahrten, eine Rodelbahn, Schneeballschlachten und Glühwein bis zum Abwinken.

Jetzt schon abrutschen: 83 Meter lange Rutsche im Sommerbad Neukölln, Columbiadamm 160, tgl. 8-20 Uhr. ST

 

 

Spreepark

Der Ort

Nachts klettern Abenteurer über den Zaun, gehen auf Fotosafari, posieren vor zugewucherten Erinnerungen, kriechen in das Katzenmaul, durch das einst die Achterbahn rauschte. Manche wollen ein Stück von der morbiden Magie dieses Ortes mit nach Hause nehmen, gehen auf Trophäenjagd und sägen den berühmten Dinosaurier-Plastiken Körperteile ab. Mal wird eins der Schwanenboote für eine Spreespritztour entführt, mal ein Zug der Bimmelbahn per Autobatterie zum Fahren gebracht. Der Park ist eine urbane Spielwiese, bestückt mit Geistern aus der Vergangenheit: Am Himmel dreht sich das alte Riesenrad gruselig quietschend im Wind, die Wildwasserbahn ist mit Laub und Dreck gefüllt, im Fluss liegen alte Glühbirnen.

An den Wochenenden bietet Spreepark-Fan Christopher Flade Führungen über das Gelände an. Manchmal springt auch Sabrina Witte ein, die auf dem Gelände das Café Mythos betreibt. Ihre Eltern Pia und Norbert Witte hatten 1991 den VEB Kulturpark, den einzigen ständigen Vergnügungspark der DDR, übernommen und zum Spreepark umgestaltet. Dabei geriet die Familie immer tiefer in eine Schuldenspirale, setzte sich 2002 mitsamt einiger Fahrgeschäfte nach Lima ab und scheiterte dort wieder beim Versuch, einen Vergnügungspark zu betreiben. Norbert Witte verschuldete sich weiter und landete schließlich im Gefängnis – gemeinsam mit seinem Sohn hatte er versucht, 167 Kilogramm Kokain in einem Hohlraum des Fahrgeschäfts Fliegender Teppich nach Deutschland zu schmuggeln. Heute ist seine Ex-Frau Pia Witte noch immer Inhaberin des Erbbaurechts, dessen Versteigerung in diesem Monat gescheitert ist.

Die Pläne

Verschiedene Investoren interessierten sich für das knapp 30 Hektar große Gelände im Plänterwald, auf dem sich auch das denkmalgeschützte Eierhäuschen, ein altes Ausflugslokal, befindet. Der französische Vergnügungsriese Grévin et Cie, die belgische Plopsa-Gruppe, der Betreiber des Kopenhagener Tivoli – alle zogen sich wieder zurück, abgeschreckt von der hohen Schuldenlast und den Vorgaben bezüglich der Nutzungsrechte auf dem Gelände mitten im Naturschutzgebiet. Seit 2001 ist der Park geschlossen, es gibt nur temporäre Projekte wie die regelmäßig stattfindende Theaterinszenierung des DDR-Klassikers „Spuk unterm Riesenrad“. 2011 veranstaltete das Hebbel am Ufer ein Theaterfestival im alten Spreepark, im Mai dieses Jahres lud die britische Band The xx zu einem Konzertfestival im Plänterwald.

Bei der Zwangsversteigerung am 3. Juli lieferte sich die Liegenschaftsfonds Projektgesellschaft einen Bieter-Wettlauf mit einer Investorengruppe – erst bei 2,481 Millionen Euro (der Verkehrswert liegt bei nur 1,62 Millionen Euro) war Schluss, die Liegenschaftsfonds Projektgesellschaft stieg aus. Das Gelände im Plänterwald wurde aber nicht dem Höchstbietenden zugesprochen, denn das Finanzamt – Inititator der Zwangsversteigerung und somit einspruchsberechtigt – beantragte eine Einstellung des Verfahrens. Der Liegenschaftsfonds möchte sich das Erbbaurecht wohl selbst sichern, um das Gelände neu ausschreiben zu können. Unter den Interessenten für eine Ausschreibung ist die Initiative Bürgerpark im Plänterwald, die per Crowdfunding einen nachhaltigen Freizeitpark gestalten will – mit Arthouse-Kino, Bienenzucht und Kunstmärkten. In circa sechs Monaten wird neu verhandelt.

Unsere Vision 2020

Eine grüne Oase mit unschlagbarem Spaßfaktor: Im Plänterwald gibt es jetzt das Komplettpaket: Botanischer Garten, Zoo, Volksfest, Spaßbad, Kino, Theater, Biergarten – alles in einem. In der Mitte dreht sich der ehemals quietschende Koloss von Riesenrad im Wind und produziert den Strom für eine Autoscooterbahn. Ist eine Bö zu stark, wird das Windrad abgebremst, schließlich sollen weiterhin Familien in seinen Gondeln sitzen können. Die Wasserbahn ist jetzt eine Wasserrutsche, auf der Kinder in ein riesiges, ökologisch unbedenkliches Sprudelbad sausen können.

Die verschlungenen Schienen der Achterbahn wurden begrünt und in einen Hochseilgarten verwandelt, auch zwischen den Freizeitangeboten gibt es exotische Pflanzen zu bestaunen. Im Streichelzoo füttern die Kinder Schafe und Ziegen und bauen Parcours für freilaufende Kaninchen. Eine Freilichtbühne am Waldesrand wird für Film- und Theateraufführungen und Konzerte genutzt.

Auf der neuen Terrasse vor dem Eierhäuschen lassen die Besucher den Tag ausklingen. Das Trendgetränk der frühen 10er-Jahre wurde gerade wieder entdeckt: Per Strohhalm trinken verliebte Paare frischen Bio-Hugo aus hölzernen Botti­chen und lassen die Beine vom Steg in die Spree baumeln. Das Windrad steht jetzt still, die Kinder schlummern in Hängematten zwischen den Bäumen. Und zum leisen Blöken der Schafe und Quaken der Frösche geht die Sonne unter.

Jetzt schon auf den Rummel: Noch bis zum 14. Juli findet in Tegel das Deutsch-Französische Volksfest statt, www.volksfest-berlin.de LB

 

 

Ballhaus Riviera

Der Tanzboden knarrt, modriger Geruch schwebt durch den Saal, Sonnenstrahlen blitzen durch zerschlagene Fenster. Es ist lange her, dass die Hautevolee ­Berlins durch den neun Meter hohen Ballsaal tanzte. 1749 vom Alten Fritz gegründet, entwickelte sich Grünau um 1800 zu einem Anlaufpunkt wohlhabender Berliner. Mit der Eröffnung der Regattastrecke 1880 wurde der Ort zum Zentrum des deutschen Binnenwassersports. Es entstanden zahlreiche Gaststätten sowie mondäne Jugendstil-Tanzpavillons. So entstanden 1898 das Gesellschaftshaus und 1890 das Riviera.

Bei den Nazis machte sich die Organi­sation „Kraft durch Freude“ breit, in der DDR ­erlebte das Ballhaus einen Höhepunkt, als dort Tausende tanzten. 2006 kaufte eine Investorin aus Ankara das Grundstück. Der Bezirk hat von ihr seitdem nichts ­gehört und würde die Eigentümerin gerne mit Hotelbesitzer Michael Grünewald ­zusammenbringen. Der hat fertige Pläne für ein gehobenes ­Hotel mit 108 Betten und freiem Zugang zum Wasser. Nur die beiden alten Säle müssten ­wegen Denkmalschutz bleiben. LM

 

 

SEZ

Einst größte Freizeiteinrichtung der DDR, heute nur noch Zankapfel. Nächste Etappe: Der Bund der Steuerzahler hat eine Strafanzeige gestellt, gegen Unbekannt, wegen Veruntreuung zulasten des Landes Berlins. Der Leipziger Eigentümer Rainer Löhnitz, der das Sport- und Erholungszentrum in Friedrichshain 2003 für einen Euro kaufte, streitet sich seit langem mit dem Bezirk, weil der ihm keine Baugenehmigung für ein Sport- und Familienhostel mit Wohnungen erteile. Zuletzt drohte er mit Abriss. Das SEZ wurde 1981 eröffnet und galt mit seinem Angebot als weltweit einzigartig. Es gab auch Kulturveranstaltungen, in den ersten fünf Jahren kamen 16 Millionen Besucher. Aktuell gibt es beispielsweise Bowlingbahnen, eine Badelandschaft und Badmintonplätze, große Teile des Areals sind aber ungenutzt. ST

 

 

Tacheles

Die Kunst hat das Tacheles endgültig verlassen. Die letzten Skulpturen und Bretterverschläge im Innenhof mussten jetzt weichen. Unklar bleibt, was mit der seit 1990 als Kunsthaus genutzten Kaufhausruine samt Brachfläche passieren wird. Der ­Eigentümer Anno August Jagdfeld wollte ursprünglich 400 Millionen Euro investieren und hatte Pläne für ein mondänes Stadtquartier. Doch dem Unternehmer ging das Geld aus.

Seit 2008 steht das Grundstück unter Zwangsverwaltung und soll versteigert werden. Kaufwillige Interessenten gäbe es, nur fehlt es an finanzierbaren Konzepten, die den Denkmalschutz und die kulturelle Nutzungsbeschränkung des Gebäudes achten. Von einer Berliner Kunsthalle, ein Pres­tigeprojekt von Klaus Wowereit, ist die Rede. Das Land Berlin kann sich ­allerdings diese neue Großbaustelle kaum leisten. FA