Zwangsheirat

Verreist, verschleppt, verheiratet

In den Sommerferien fliegen viele Berliner Schülerinnen mit ihrer Familie zum Urlaub in das Herkunftsland ihrer Eltern. Einige kehren nicht zurück. Weil sie in eine Ehe gezwungen werden. Aber manche Mädchen wehren sich

Sarah war 18 und hatte gerade ihr Abitur gemacht, als die Eltern, wie schon viele Male zuvor, mit ihr in den Iran fliegen wollten. „Meine alte Tante war angeblich schwer erkrankt, also konnte ich zu der Reise nicht Nein sagen“, erzählt die mittlerweile 20-Jährige. „Aber schon vor der Abreise hatte ich ein komisches ­Gefühl.“ Kurz zuvor hatte die zierliche junge Frau ­ihren Eltern „dummerweise“, wie sie es formuliert, ihren ersten Freund vorgestellt. Und erklärt, dass er und sie als Paar zusammen sein, aber nicht heiraten wollten.

Die junge Frau heißt in Wirklichkeit anders und möchte weder ihren Herkunfts- noch ihren jetzigen Wohnort, nennen. Aus guten Gründen.

Zwangsheirat
Protestaktion der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes gegen die Zwangsverheiratung von jungen Mädchen, vor knapp drei Jahren in Berlin
Foto: imago/Christian Ditsch

Bei der Einreise in den Iran zeigte der Vater die Pässe der Familie vor. Doch Sarah erhielt weder ihren deutschen noch den iranischen Pass zurück. Auch das ­Handy wurde ihr abgenommen. Hätte sie sich gewehrt und protestiert, so hätte die Polizei nur den Vater ­gefragt, was mit ihr zu machen sei, dessen ist sie sich ­sicher. Denn unverheiratete Frauen haben im Iran kaum ­Rechte. Ein männlicher Vormund kann über sie bestimmen: Vater, Bruder, Onkel.

„Kurz vor dem Ende der Reise eröffneten mir meine Eltern, dass ich nun bei Verwandten zu bleiben hätte, bis ich mich wie ein ‚gutes muslimisches Mädchen‘ ­benehmen würde und dass ich meinen deutschen Freund zu vergessen hätte“, erzählt Sarah. „Dann wollten sie mir im Iran einen Ehemann suchen.“ Eine ­Horrorvorstellung.

Sarahs Glück war, dass sie aufgrund ihrer Vorahnung vor der Abreise ihren deutschen Personalausweis im Gepäck hatte verstecken können. Nur so konnte sie sich später – nach über einem halben Jahr, in dem sie bei verschiedenen Verwandten quasi in Gefangenschaft ­leben musste – als Deutsche legitimieren und schluss­endlich die Ausreise erkämpfen. „Wenn man im Iran ­einen Pass als verloren meldet, dann bekommt man erst nach frühestens sechs Monaten einen neuen, da ­viele Menschen ihre Pässe verkaufen und die Behörden warten, bis er wieder auftaucht“, erzählt sie. „Zudem brauchte ich drei Unterschriften, die bezeugten, dass ich ihn verloren habe.“ Drei Vertrauenspersonen hatte Sarah nicht zur Hand, sie schaffte es aber, mit einer Person aus der Nachbarschaft offen zu sprechen und sie in ihr Passbeschaffungsprojekt einzuweihen.

Mehrfach fuhr sie zu den Ämtern, immer in der Angst, dass ihr Alibi – „Fotos machen, Kaffee ­trinken, spazieren“– von der Familie nicht mehr geglaubt ­werden würde. Und mehrfach kam sie von den Ämtern unverrichteter Dinge zurück, da sie zwar Farsi sprechen, aber kaum schreiben und lesen konnte. Auch im Iran sind korrekt ausgefüllte Formulare überaus wichtig. „Ohne die Hilfe von Papatya hätte ich das nicht geschafft,“ erklärt sie heute, wieder in Deutschland und angekommen in ihrem eigenen Leben.

Der Verein Papatya (türkisch: „Kamille“) engagiert sich seit 1986 als anonyme Kriseneinrichtung für Mädchen und junge Frauen mit Migrationshintergrund, die aufgrund kultureller und familiärer Konflikte von zu Hause geflohen sind und nun von ihren Familien bedroht werden.

Die böse Vorahnung

Zunächst hatte Sarah Amnesty International angeschrieben, doch die konnten ihr nicht helfen. Papatya vermittelte Sarah, nachdem sie sich Zugang zum Internet verschaffen konnte, die Adressen von iranischen Anwältinnen, die sich für Frauenrechte einsetzen. Dazu machte der Verein Druck bei der Ausländerbehörde, Sarahs Anliegen nachzugehen. Und Sarah drückte strategisch auf die Tränendrüse: Sie ­begann auf den iranischen Ämtern dramatisch nach einem Pass zu betteln, da sie angeblich sonst ihren Studien­platz im Ausland nicht würde antreten können. „Und Bildung ist im Iran überaus hoch angesehen“, sagt Sarah. „Zum Schluss war es ein alter Herr, der neben meinem Sachbearbeiter stand und sagte: Das Mädchen will sich bilden, nun geben Sie ihr schon, was sie braucht.“

Mit ihrem Schicksal ist Sarah nicht allein. Bei einer ­Erhebung des Berliner „Arbeitskreises gegen Zwangsverheiratung“ wurde 2013 festgestellt, dass allein in Berlin rund 460 meist Minderjährige aufgrund von Zwangsverheiratungen nicht mehr aus den Sommerferien zurückkamen. Trotz Schulpflicht und zum Teil trotz deutscher Staatsbürgerschaft. Derzeit führt Papatya eine Umfrage an Schulen in Neukölln und Friedrichshain-Kreuzberg durch, um die die Größe des Problems klarer zu benennen.

In der Erhebung von 2013 waren die meisten Betroffenen türkischer und arabischer Abstammung. Und zu 98 Prozent weiblich. Aber auch Familien, die aus dem Kosovo, aus Kurdistan, dem Libanon, aus Afghanistan und Tsche­tschenien stammen, planen oft hinter dem Rücken der Teenager, sie in den Heimatländer zu verheiraten.

Das Bezirksamt Neukölln schickte kürzlich, wie schon im vergangenen Jahr, einen Brief an die Berliner Schulen, in dem es vor Zwangsverheiratungen in den Sommerferien warnt. Darin werden Lehrerinnen und Lehrer gebeten, das Thema im Unterricht aufzugreifen, Mädchen und junge Frauen mit Migrationshintergrund auf Vorsorgemaßnahmen hinzuweisen und gegebenenfalls, bei einer Vermutung oder einem Verdacht, schon im Vorfeld das Jugendamt oder Beratungsstellen zu informieren.

„Rund 50 Prozent der Mädchen und Frauen, die sich an uns wenden, haben eine Vorahnung oder das Gefühl, dass Verwandte planen, sie zu verheiraten“, berichtet eine Expertin von Papatya, die hier aus Sicherheitsgründen „Eva Kaiser“ heißen möchte. „Wir bekommen immer wieder Mails aus dem Ausland, in denen Betroffene uns schreiben, dass sie festgehalten werden. Wenn sie schon zum Beispiel im Libanon sind, dazu vielleicht nicht die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen, dann wird es schwierig bis unmöglich für uns, etwas zu tun.“ Trotzdem hat Papatya in den letzten Jahren ­Dutzende erfolgreiche Rückführungen durchgesetzt – oft aber erst nach monatelangem Martyrium der Verschleppten und nur unter großen bürokratischen und oft auch ­sicherheitstechnischen Anstrengungen.

Damit es gar nicht erst so weit kommt oder die Hilfsorganisation im Falle einer Verschleppung und (drohenden) Zwangsheirat zumindest größere Chancen auf eine Rückholung des Opfers hat, empfiehlt Papatya: Prävention. „Es ist wichtig, dass die Lehrer auch konkrete Maßnahmen aufzeigen.“ Dies könne zunächst ein Gespräch mit einem Vertrauenslehrer sein, das jedes Mädchen, das ein „Anzeichen ­bemerkt oder ein mulmiges Gefühl vor den Ferien“ spürt, führen sollte.

Hilfreich sei auch, so empfiehlt die ­Expertin, die Vermutung aufzuschreiben und das Schriftstück bei Lehrern oder anderen Vertrauenspersonen zu hinterlegen. Dazu eine eidesstattliche Erklärung, nicht heiraten, sondern nach Deutschland zurückkehren zu wollen. Und eine Vollmacht für einen Rechtsanwalt, der sie im Verschleppungsfall vertreten kann.

Allerdings sind dies keine Maßnahmen, auf die man sich juristisch verlassen darf, da in Deutschland kein Minderjähriger einen Anwalt bevollmächtigen kann. Doch schaden kann es auch nicht. Diese Vorsichtsmaßnahmen würden es deutschen Helfern und Behörden erleichtern, Druck auf die Familie oder die Behörden des jeweiligen Landes aufzubauen.

Daher sollte die Betroffene die Kontaktdaten der Vertrauensperson, Pass­kopien, Kopien der Flugtickets, Bargeld, ein Extra-Handy mit Prepaid-Guthaben, das auch im Ausland funktioniert, und auch die Adresse der nächsten deutschen Botschaft gut im Gepäck verstecken, um gegebenenfalls direkt die Vertrauensperson und die Botschaft zu kontaktieren. ­Diese könne dann mit dem Jugendamt oder auch der Polizei weitere Schritte einleiten.

„Doch es kann mitunter trotzdem schwer bis unmöglich sein, die Mädchen und jungen Frauen zurück nach Deutschland zu holen“, sagt Eva Kaiser von Papat­ya. Denn häufig – vor allem, wenn die junge Frau keine deutsche Staatsbürgerin ist – zeigten sich die Behörden des anderen Landes alles andere als kooperativ. „Auch können die Eltern in manchen Ländern wie zum Beispiel dem Libanon oder dem Iran Ausreisesperren verhängen lassen.“

Sylvia Edler, Gleichstellungsbeauftragte des Bezirks Neukölln, sagt: „In so einem Falle sind Netzwerke zu Facheinrichtungen, Projekten und Institution von enormer Bedeutung, um bestmögliche Hilfestellungen, Schutz oder sichere Unterkünfte bundesweit, aber auch im Ausland zu organisieren.“ Ebenso wichtig sei aber auch die Arbeit mit der Familie, die meist ohne das Mädchen weiter in Deutschland lebe. „Hier gilt es, geltende Gesetze aufzuzeigen und anzuwenden“, betont Edler.

Werde festgestellt, dass eine minderjährige, schulpflichtige Schülerin nach den Ferien einfach fehle, würden die Behör­den „nadelstichartige“ Maßnahmen einleiten, wie sie sagt: „Das führt zum Beispiel vom Stellen eines Schulversäumnis­antrages über eine Vorladung der Eltern beim Jugendamt bis zu Auflagen für jüngere Geschwister oder gar die Überprüfung von Transferleistungen.“ Da könne auch von Amts wegen ein Vormund bestellt werden, der dann über das Aufenthaltsbestimmungsrecht verfügen könne. Umso wichtiger sei Prävention. „Die Mädchen müssen wissen, was bei einer Vorahnung zu tun ist, damit Schutz und unsere Maßnahmen dann auch greifen können“, sagt die Gleichstellungsbeauftragte.„Im Zweifelsfalle können wir sogar das Sorgerecht entziehen, aber da kann man sich auch fragen: Wen interessiert’s, wenn das Mädchen erst einmal außerhalb Deutschlands lebt?“ Konkrete Zahlen, wie häufig diese Maßnahmen durchgeführt werden, gäbe es allerdings nicht.

Eva Kaiser von Papatya sagt, es sei aber trotzdem fast normal, dass die ­Online-Beratung erst nach der Verschleppung angeschrieben werde: „Jedes Jahr bekommen wir Dutzende Anfragen, in denen es heißt: Ich wollte nur mit ­meiner Familie in die Ferien fahren, aber jetzt ­sitze ich hier fest.“

Von zehn Neuköllner Sekundarschulen mit hohem Migrantenanteil, die ZITTY mit der Frage, ob das Thema Zwangsverheiratung behandelt werden würde, anschrieb, meldeten sich jedoch nur zwei zurück. Eine Schule antwortete, dass sie „ohnehin schon zu viele Projekte“ auf dem Tisch hätte. Für eine andere Schule fragte eine Lehrerin, „was denn genau mit Prävention gegen ‚Zwangsehen‘ gemeint“ sei.

Auf erneute Nachfrage von ZITTY – mit Hinweis auf die Schulbriefe des Bezirks­amtes – kam keine weitere Rückmeldung. Bleibt zu hoffen, dass das Rundschreiben des Bezirksamtes kurz vor dem Beginn der Berliner Sommerferien überhaupt Beachtung in den Zimmern der oft unterbesetzten und nicht selten überforderten Lehrer­schaft findet.
Falls das Mädchen keine Möglichkeit sieht, organisatorisch für sich vorzubeugen, so stehen Kinderschutzexperten ­unter der bundesweiten „Nummer ­gegen Kummer“ 116111 zur Verfügung. Die ­können im Zweifelsfall auch Hilfestellung beim Weglaufen in die nächste Schutzeinrichtung an einem versteckten Ort geben.

Einen letzten Ausweg empfiehlt die schwedische Stadt Göteborg, in der sich im letzten Jahr 139 Mädchen bei der Notfallnummer gegen Zwangsverheiratungen im Ausland meldeten. Die Betrof­fene ­solle sich kurz vor der ­Personenkontrolle am Flughafen einen Metalllöffel in die ­Unterhose stecken. Werde dieser im ­Metalldetektor entdeckt, müsse die Person in einem gesonderten Raum allein untersucht werden. Dort könne das Mädchen die ­Sicherheitsbeamten um Hilfe und Schutz bitten. Die Anregung dafür stammt von der Londoner Nichtregierungsorganisation „Karma Nirvana“, die durch diesen Trick nach eigenen Angaben schon viele Mädchen nicht nur vor Zwangsverheiratung, sondern auch vor anstehender ­Genitalverstümmelung im Herkunftsland der Familie bewahrt hat.

Sarah, das Mädchen mit deutschem und iranischen Pass, zahlte für ihre Freiheit einen hohen Preis. Sie musste in eine andere Stadt ziehen. Ihre neue Adresse kennt ihre Familie nicht. Sarahs Kontakt zu ihr beschränkt sich auf ein Minimum.


Info & Notfallhilfe:

www.papatya.org
www.nummergegenkummer.de
www.big-berlin.info
www.zwangsheirat.de