Zoff am Oranienplatz

Viel Lärm um nichts?

Am 21. August eröffnete das Hotel Orania.Berlin am Oranienplatz in Kreuzberg. Im Vorfeld protestierten Anwohner. Die Resonanz ist verhalten. Hat sich der Kiez an Gentrifizierung gewöhnt? Am vergangenen Dienstag erhielt das Orania.Berlin, wie das neue Hotel am Oranienplatz in Kreuzberg heißt, so etwas wie seine amtliche Taufe. Ein vermummter Radler schmiss im Vorbeifahren eine Farbbombe auf die Fassade des Hauses, das am 21. August eröffnen wird und gerade in den letzten Zügen der Renovierung steckt. Das Team von Hotelbetreiber Dietmar Müller-Elmau reagierte jedoch keinesfalls geschockt. Im Gegenteil. „Bevor wir die Farbe entfernen ließen, haben wir für ein Gruppenbild posiert“, berichtet die Pressesprecherin des Hauses, Nora Durstewitz. „‚Jetzt habt ihr es hinter euch‘, haben Anwohner dabei zu uns gesagt.“ So ist’s halt in Kreuzberg 36.

Foto: Max Müller

Tatsächlich waren die Mitarbeiter eher vom plötzlichen Protest, der sich nach der Ankündigung eines Nachbarschaftstreffens bildete, überrascht. „Bis Dienstag gab es überhaupt keine kritischen Stimmen“, sagt Durstewitz. Dann lud das Hotel Anwohner und Anrainer zu einem geschlossenen Get-together ein.

Eine kleine Gruppe Demonstranten versammelte sich daraufhin bepackt mit einem riesigen Transparent auf der Wiese vor dem Haus. Sie fühlten sich ausgeschlossen. Und stellten die These auf, dass das neue Haus die Gentrifizierung des Kiezes vorantreiben würde. Das darauffolgende Medienecho war gigantisch. Keine der großen Zeitungen verzichtete auf einen ausführlichen Bericht über das vermeintliche Luxusressort, das den letzten Rest Kreuzberger Flair verzichten will. Zum Teil wurden völlig willkürliche Zahlen genannt. Allein, das Haus ist nicht die Ursache der Verdrängung, sondern wirkt wie ein Ventil durch das die angestaute Wut sich nun entlädt. Wut über Investoren, die heuschreckenartig seit Jahren die Stadt ausverkaufen. Wut über die Ohnmacht, weil die Politik nichts unternimmt. Wut, weil Kreuzberg eben nicht mehr Kreuzberg ist, aber auch keinen Masterplan für die Zukunft hat.

Der Investor ist ein Schlossbesitzer aus Bayern – das ideale Feindbild

Foto: Johannes Linster

41 Zimmer und Suiten besitzt das neue Hotel, alle hochwertig ausgestattet. Das Kleinste misst 17 Quadratmeter, das Loft in der obersten Etage satte 354. Dennoch ist das Haus kein Luxushotel, zumindest nicht in den Augen des Betreibers. „Die meiste Zeit im Jahr kosten die Zimmer weniger als 100 Euro inklusive Frühstück“, sagt Dietmar Müller-Elmau. In seiner bayerischen Heimat ist der Millionär mondäner Schlossbesitzer. Bei ihm tagten schon die G7, die Vertreter der reichsten Industrienationen. Dort kosten selbst die günstigsten Zimmer mehrere hundert Euro pro Nacht. All diese Fakten wirken auf Berliner, vor allem auf Kreuzberger, mehr als abschreckend. In ihren Augen steht Dietmar Müller-Elmau für all das, was sie verachten.

„Es geht ja nicht um dieses Hotel an sich“, sagen Monika und Coni von der Initiative Gloreiche Nachbarschaft – Filou bleibt. Der lose Zusammenschluss von Kreuzbergern machte sich zunächst für die Rettung der alteingesessenen französischen Bäckerei stark. Nach diesem Erfolg entschieden einige Mitglieder, sich weiterhin im Kiez zu engagieren. Vertreter unterstützen auch den Protest gegen das Hotel. „Natürlich wirkt sich dieses Haus, mit dem wir jetzt leben müssen, auf die Nachbarschaft aus. Die Verdrängung geht wie ein Tsunami durch den Kiez. Traditionsläden wird gekündigt, anderen die Miete so weit erhöht, dass sie ausziehen müssen. Rendite kann doch nicht über allem stehen!“

Heißt das, die Auseinandersetzung um das Orania.Berlin war viel Lärm um nichts? Jein. Vor allem in den Augen von Coni ist das Hotel der Anfang vom Ende, dem entschlossen entgegengetreten werden muss. Pressesprecherin Nora Durstewitz wiederum versteht nicht, warum dem Haus nun der schwarze Peter zugeschoben wird. Schließlich würde noch im Eröffnungsmonat ein kulturelles Programm starten, dass seinen Schwerpunkt auf Jazz-Konzerte setzt, wenig bis gar keinen Eintritt kostet und Anwohnern und Hotelgästen gleichermaßen offen steht.

Damit setzt das Hotel übrigens eine Haustradition fort.Neben Vereinen, Verbänden und Modeunternehmen (darunter Brenninkmeyers, die holländischen Brüder gründeten das Warenhaus C&A) existierte hier in den Anfangsjahren auch das Café Oranienpalast, als dessen Nachfolger sich das Orania.Berlin versteht. Zudem soll das zweite Standbein, das Restaurant, dem Kiez munden. Das günstigste Gericht zum Abendessen wird etwa sieben Euro kosten.