Kunstpreis

Vier gewinnt

Sehr international, sehr weiblich: die Nominierten für den Preis der National­galerie heißen Sol Calero, Iman Issa, Jumana Manna und Agnieszka Polska

Knapp einen Monat lang werden die Nominierten für den Preis der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof der Neuen Nationalgalerie ausstellen. Am 20. Oktober verkündet dann eine Jury die Gewinnerin. Der Preis, für den die Nominierten unter 40 Jahre alt und in Deutschland wohnhaft sein müssen, kann eine Künstlerkarriere maßgeblich beeinflussen: Er besteht in einer großen Einzelschau im folgenden Jahr in einem der Museen der Nationalgalerie sowie in einer Publikation. Die Trägerin des Preises 2015 ist heute in aller Munde: Vor zwei Jahren gewann Anne Imhof und begann mit ihrer opernähnlichen Ausstellungsaufführung „Angst“ einen Performance-Marathon, der mit dem Goldenen Löwen bei der Biennale in Venedig 2017 endete.

Dass es auch dieses Mal eine Gewinnerin geben wird, ist sicher. Erstmals sind alle Nominierten Frauen. Mit der Entscheidung einer ersten Jury, Sol Calero aus Venezuela, Iman Issa aus Ägypten, Jumana Manna, die in einer palästinensischen Nachbarschaft Ostjerusalems aufwuchs, und Agnieszka Polska aus Polen ins Rennen zu schicken, wird aber nicht nur ein Genderzeichen gesetzt. Die gemeinsame Ausstellung der Nominierten bildet auch die Internationalität der hiesigen Kunstszene ab.

Bilder

Alya Sebti gehörte der Jury an, die im Mai die vier Nominierten bestimmt hat. Die Leiterin der Berliner Galerie des Instituts für Auslandsbeziehungen setzt sich unter anderem für transkulturelle Dialoge ein. Das war ihr auch bei der Entscheidung im Frühling wichtig. „Natürlich war das erste Kriterium einer Nominierung die Qualität des Werkes“, erinnert sich Sebti. „Doch gleichauf war es mir wichtig, ob das künstlerische Schaffen ein politisches Anliegen beinhaltet, und durch welche unerwarteten Standpunkte damit der Status Quo unserer Gesellschaft in Frage gestellt wird.“ Ob dieses Anliegen laut, lustig, verhalten oder ernst behandelt werde, sei für sie nebensächlich gewesen. Solang das Werk vermochte, bei Betrachtenden etwas Persönliches auszulösen sowie Wahrnehmung und Auffassung von gesellschaftlichen Problemen zu verändern, habe sie es für eine Nominierung in Erwägung gezogen.

Gemeinsam ist den vier Ansätzen die Ausein­andersetzung mit Kultur und Gesellschaft. Jumana Manna etwa beschäftigt sich mit Machtgefügen und deren Wirkung auf menschliche Körper, die sie in Skulpturen und Filmen darstellt. Auch Agnieszka Polska arbeitet mit Filmen. Die ehemalige Studentin der Berliner Künstlerin Hito Steyerl, die an der Universität der Künste lehrt, zeigt in ihren oft meditativen Animationen unterbewusste Fragen über den Zustand der Erde. Polskas animierte und sich langsam bewegende Fotografien thematisieren dabei auch die Verantwortung gegenüber dem Planeten.

Am 12. Oktober sollen die Künstlerinnen über ihre Arbeiten sprechen: Alya Sebti wird in der Ausstellung ein Künstlerinnengespräch leiten. Darin möchte sie die Vier auf den aktuellen gesellschaftlichen Wandel und die Rolle von Frauen in der Kunst ansprechen. Dass es nun vier weibliche Nominierte für einen prominenten Preis gibt, ist noch lange nicht normal. Wie schnell sich die Gesellschaft in dieser Hinsicht ändert, liegt an uns.

29.9.–14.1.: Hamburger Bahnhof, Invalidenstr. 50–51, Tiergarten, Di/Mi, Fr 10–18, Do bis 20, Sa/So 11–18 Uhr, 14/erm. 7 €, bis 18 J. frei

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