Berliner Kunsthäuser

Zeit zum Träumen

Viron Erol Vert zeigt in der Galerie Wedding, wie man das Unbewusste trotz Überwachung und angesagten Hyperfleißes pflegen kann – und das fast ohne Surrealismus

Viron Erol Vert. Foto: Johannes Berger
Viron Erol Vert. Foto: Johannes Berger

Vor einem Besuch in der Galerie Wedding muss man dieser Tage erst einmal die Schuhe ausziehen. Die Zuschauer erwartet keine Ausstellung im gewöhnlichen Sinn, sondern ein „Dreamatory“, eine Art Traum­institut. Zwölf weiße Betten stehen in der kommunalen Galerie bereit. Die Besucher können sich hineinlegen, tagräumen oder schlafen, so lange sie wollen, und ihre Träume aufschreiben oder -zeichnen. In der Zeit des Informationsüberflusses und politischer Repression gebe es wenig Raum, um sich Gedanken darüber zu machen, was man will oder nicht, sagt der türkisch-deutsche Künstler Viron Erol Vert. „Deswegen habe ich keine Kunst produziert, ich wollte Gastgeber sein, einen Raum öffnen.“

Foto: Johannes Berger
Detail aus „The Name of Shades of Paranoia, Called Different Forms of Silence“ von Viron Erol Vert. Foto: Johannes Berger

Die Kunst des Schlafens

„The Name of Shades of Paranoia, Called Different Forms of Silence“, heißt seine Ausstellung. Der Titel klingt nicht nur poetisch, er bezieht sich tatsächlich auf ein Gedicht von Vert. „Wenn man versucht, das Mittelmeer zu überqueren, ist Schlafen ein Luxus, erst recht Träumen”, sagt Kurator Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, der gemeinsam mit Solvej Helweg Ovesen für das Jahresprogramm der Galerie Wedding verantwortlich ist. Auch „In der neuliberalen Gesellschaft ist Schlafen eine Seltenheit. Wir müssen Leistung bringen, schaffen“, sagt er.

Unter dem Motto „Unsustainable Privileges“ widmen sich die beiden Kuratoren bis 2018 Möglichkeiten, Privilegien neu zu verteilen. Drei weitere Ausstellungen mit Künstlern wie Mario Rizzi, Surya Gied und Mariana Castillo Deball werden der Frage nachgehen, wie die Privilegien einheimischer Nordeuropäer von Zuwanderern  herausgefordert werden. Das aktuelle Programm setzt die vorherige Ausstellungsreihe „Post-Otherness-Wedding“ fort, die Anerkennung, Überwindung und den Umgang mit dem „Anderssein“ thematisierte. Mit der Serie „Unsustainable Priviliges“ und der ersten Ausstellung von Vert weitet sich der Blickwinkel für eine mögliche neue Anschauung der Welt.

Foto: Johannes Berger
Detail aus „The Name of Shades of Paranoia, Called Different Forms of Silence“ von Viron Erol Vert. Foto: Johannes Berger

Das in der Ausstellung gesammelte Traummaterial wird online gestellt und zudem als „Traum des Tages“ täglich auf den Fernsehmonitoren in  U-Bahnen zu sehen sein. „In einer Gesellschaft, wo man seinen Nachbarn nicht kennt oder nicht kennen will, ist es manchmal ein Privileg, überhaupt einen Zuhörer zu haben“, sagt Ndikung.

Traumforschung heute

„Dreamatory“ ist mehr als eine Institution oder ein Labor. Die Abendveranstaltungen mit Traumdeutern und ein blau gestrichenes, kleines Lesezimmer bieten auch Raum für das Mystische, Psychoanalytische und Poetische. Am 3. März werden Vert und Ndikung über Träume und Traumforschung sprechen, im Rahmen eines Symposiums mit der AoN_Platform for Art and Neuroscience und mit Jörg Fingerhut  von der Berlin School of Mind and Brain an der Humboldt-Universität. Das Duo Driftmachine, das die stimmungsvollen Klänge der Ausstellung komponiert hat, wird am selben Abend auftreten. Am 23. März wird seine „Oneiro“-Trilogie, die Schlafgöttern gewidmet ist, mit „Phantasos“ zu Ende gehen. Vert wird die Band mit Live-Zeichnungen begleiten.

Abends in der Ausstellung von Vert, Foto: Johannes Berger

Der Schweizer Psychiater C.G. Jung meinte über Träume, dass das Bewusstsein von Natur aus allem Unbewussten und Unbekannten widerstrebe. Die Galerie Wedding leistet einen besonderen Beitrag gegen die private und politische Verdrängung von Wünschen und des Andersseins.

Bis 8.4.: Galerie Wedding, Müllerstr. 146–147, Di–Sa 12–19 Uhr, Eintritt frei