Volksbühne

Ende einer Utopie

Die besetzte Volksbühne war ein Forschungslabor für die Zukunft Berlins.  Ihre Räumung hat der Stadt eine Chance genommen. Aber auch so kann man viel lernen von der Ausnahmesituation

Als die Discokugel rausgetragen wird, fängt die Menge an zu johlen. Es ist das endgültige Zeichen: Die Party ist vorbei. Am Donnerstag um 14 Uhr, am Tag sieben der Besetzung, werden die letzten 21 Besetzer von der Polizei einzeln aus dem Haus geführt, fünf lassen sich tragen. Die Räumung ist das Debüt des neuen Intendanten Chris Dercon an der Volksbühne. Seiner Beliebtheit wird sie wohl kaum förderlich sein. Und Berlin hat damit eine Chance vertan, auf die Entwicklung von Kultur von unten. Was verloren ging, war ein großartiges Demokratieexperiment. Wie konnte es so weit kommen?

Tun aggressiv, sind aber in Wahrheit ganz brav: Plakat der Volksbühnen-Besetzer
Foto: picture alliance / Paul Zinken/ dpa

Dienstag, 18.50 Uhr, roter Flügel der Volksbühne. Viele der rund 200 Besetzer haben in den letzten fünf Tagen kaum geschlafen. Die Stimmung ist angespannt. Das Friedensangebot liegt auf dem Tisch.

Sie haben, was ganz Berlin will: Raum. Viel davon. Weit über tausend Quadratmeter umfasst der Bereich der Volksbühne, den sie besetzt halten. Der neue Intendant Chris Dercon hat ihnen bei einem kurzfristig anberaumten Treffen im Hinterhaus einen Deal angeboten: sie bekommen zwei Räume, Grünen Salon und Pavillon, und sie räumen den Rest. Bedingung: keine Technopartys mehr. Ein Geschenk, das viele stadtpolitische Initiativen dankbar annehmen würden. Für die Besetzer aber ist klar: Eigentlich wollen sie nicht nur dieses Theater, sie wollen die ganze Stadt. Gleichzeitig ist es ein Glücksspiel: Nehmen sie den Spatz in der Hand oder wollen sie alles – und riskieren damit, dass sie geräumt werden?

Der Kampf um die Volksbühne ist einer, der in die Geschichte Berlins eingehen wird. Noch nie gab es eine Besetzung, die so viel Rückenwind hatte – und auch noch nie eine, die derart brav war. Am Freitagabend vor der Bundestagswahl erklärten Aktivisten der Gruppe „Staub zu Glitzer“ die Volksbühne für besetzt, und öffneten das Haus für jeden, der will: Musiker, Theatergruppen, Filmemacher. Auch die Polizei schaut sich um. Zum Einstand wird am ersten Wochenende 60 Stunden lang gefeiert, zwischendrin immer wieder durchgefegt und das Altglas rausgeräumt. Die Besetzer achten auf ihre Eroberung. Wer die Wände beschmiert, sich aggressiv oder sexistisch verhält, fliegt raus.

Im Fall der Räumung: Friedlich bleiben

Die Party läuft bis Montag früh, am Dienstag liegt Dercons Angebot vor. Parallel zum Plenum, eine Etage höher, in schicken Sesseln unter hoher Decke, wird über Stadtentwicklung diskutiert. Schwer bepackte, meist junge Menschen tragen Lautsprecher, Wasserkanister oder Kisten voll Gemüse hin und her. Senioren durchstreifen das Gebäude. Auf der Bar dreht jemand einen Joint, dahinter gibt es den halben Liter Bier für zwei Euro, statt für 3,50, wie es noch auf der Tafel steht, Kaffee und Tee gegen Spende.

In Glitzsturmhaube wird die Besetzung verkündet
Foto: picture alliance / Paul Zinken/ dpa

Im linken Seiteneingang, davor ein neongrünes Pappschild „Willkommen“, wird über die Ziele der Besetzer aufgeklärt. Aushänge bedeuten, wie man sich verhalten soll, wenn die Räumung droht: friedlich vor allem. Im Hof überlagern sich die Gespräche. „It’s still 1968“, „Die Strukturen müssen sich ja erstmal bilden“, „Ich dachte, mit Berlin ist es vorbei, aber das gibt richtig Hoffnung“. Daneben wird zu Klarinettenklängen mit gespendeten Lebensmitteln für alle gekocht, drumherum toben Kinder. Im Foyer ruft einer: „Scheiß Sozialdemokraten“, weil er gebeten wurde, nicht im Haus zu rauchen. Neben ihm stehen Eimer und Wischmob bereit. Es ist ein emsiger Ameisenhaufen, ein führungsloses Experiment für Basisdemokratie und Selbstverwaltung, das aus dem Nichts entstand. Und als solches eine faszinierende Utopie für die Kulturpolitik dieser Stadt.

Ständig neue Kollektive

Besetzt, ja, aber mitmachen darf trotzdem jeder
Foto: Matin Schwarzbeck

Gastspiele, Diskussionen, Partys: Das Programm, das in der besetzten Volksbühne läuft, ist dem, das Dercon plant, ganz ähnlich. Mit dem Unterschied, dass es hier keinen Intendanten gibt, beziehungsweise: Alle sind der kollektive Intendant. Jeder, der etwas machen will, bekommt Raum und Zeit. Die ursprüngliche Besetzergruppe Staub zu Glitzer ist mit der Besetzung abgetreten und macht den Platz frei für ein neues Kollektiv, das sich Tag für Tag neu bildet aus den ursprünglichen Aktivisten und Menschen, die die Besetzung angelockt hat. In dem Vakuum, das Staub zu Glitzer mit der herrschaftsfreien Öffnung der Räume schuf, bildet sich langsam ein Programm heraus. „Ich dachte, am Montag verläuft sich das, aber ständig kommen neue Leute und es docken neue Kollektive an, die uns unterstützen oder Räume bespielen wollen“, sagt einer.

Die ersten Teile des Konzeptpapiers von Staub zu Glitzer sind da schon vergessen. Dercon, dem vorher maximal ein Arbeitsplatz auf dem Tempelhofer Feld zugestanden wurde, soll jetzt in der Volksbühne sein Ding machen können. Die Besetzer halten die dafür notwendigen Räumlichkeiten, den Hauptsaal und die Probebühnen, extra frei.

Die Besetzer sehen ihr Event als transmediale Thea­terinszenierung – und das ist sie auch, in dem Sinne, dass Politik immer Theater ist. Daneben ist ihre „soziale Skulptur“, wie sie die Besetzung öfter nennen, vor allem ein immenses Logistikprojekt. 40 Menschen übernachten hier, zu den Plena kommen mehr als 200. Es tun sich praktische Probleme auf: Wer holt wo Toilettenpapier, Matratzen, Essen und wie in jeder WG: Wer putzt? Die Antwort auf letzteres ist: alle. Alles weitere wird auch in einer Vielzahl von Gruppen eines verschlüsselten Messengers diskutiert: Koordination, Pressearbeit, Verhandlungen, Techniker, Security, Awareness-Team, Küche… Es gibt sogar ein Schiedsgericht, das bei Verletzung der Hausordnung über das weitere Vorgehen berät.

Ein Aufmerksamkeits-Wespennest

So lange die Verhandlungen laufen, will Kultursenator Lederer vor allem deeskalieren. Von der anderen Seite scheint auch keine Eskalation geplant. In anderen Besetzungen werden von Anfang an Barrikaden gebaut, hier will man sich erst dann auf einem Spontanplenum damit auseinandersetzen, was zu tun ist, wenn die Poli­zei vor der Tür steht. Diese Besetzung wird nicht mit Gewalt, sondern von ihrer Beliebtheit geschützt.

In der Vollversammlung wird alles bis zum Ende ausdiskutiert
Foto: Erik Heier

Die Aufmerksamkeit für die Aktion ist immens, alle Zeitungen und auch das ZDF waren schon da. Der Twitter-Hashtag war über Tage einer der 100 beliebtesten in Deutschland. Wer sich mit den Besetzern anlegt, sticht in ein Aufmerksamkeits-Wespennest. Entsprechend weigert sich der künftige Intendant Chris Dercon zunächst, als erste Amtshandlung Wasserwerfer vor dem Gebäude auffahren lassen. Er ist neu in der Stadt, und soll als Museumsmacher die Volksbühne radikal um­krempeln. Er wurde allein deshalb schon nicht allzu herzlich empfangen. Und der ihm übergeordnete Kultursenator Klaus Lederer, Linke, mag die Besetzer eigentlich sogar, seine Wähler dürften zum größten Teil mit deren Zielen sympathisieren. Die freundliche Übernahme packt die Linken bei ihrer Sozialisten-Ehre: Unterstützen sie diese Utopie, oder sind sie bereit, sie zu zerstören? Die Regierungspartner SPD und Linke werden den Job nicht übernehmen, keine der drei Parteien will dafür verantwortlich sein, wenn es bei der Räumung Verletzte gibt. Eine Pattsituation, die nur durch hohen politischen Druck aufgelöst werden kann. Von CDU, FDP und AfD kommt schon scharfe Kritik am Kultursenator. Er lasse rechtsfreie Räume zu. Auch Bürgermeister Michael Müller, SPD, scheint schon nicht mehr gut auf Lederer zu sprechen zu sein.

Die Besetzung war vorab per Facebook angekündigt worden. Laut Sarah Waterfeld, Sprecherin von Staub zu Glitzer, wusste auch Dercon von den Plänen. Vielleicht hat er die Besetzer nicht ernst genommen, immer noch nicht gelernt, dass er in Berlin scheinbar mit allen Stufen des Gegenwinds rechnen muss. Vielleicht fehlte ihm aber auch einfach die politische Rückendeckung für die Verhinderung der Aktion. Sowohl Lederer als auch Dercon waren für ZITTY nicht zu erreichen.

Zu dem Zeitpunkt, da sie schon so lang drin sind, ist es deutlich schwerer, die Besetzer wieder loszuwerden. Die Situation ist als Koalitionsbelastungsprobe noch explosiver als die Besetzung des Oranienplatzes 2012. Im politischen Sinne entfalten die Besetzer durchaus die Sprengkraft der B61-12, der modernsten Atomwaffe des Westens, nach der sie ihren Twitter-Hashtag (#vb6112) und ihren Webauftritt benannten (www.b6112.de).


„Man wird nur gehört, wenn man eine Atombombe hat“, sagt Lale, 34, bildende Künstlerin, die seit Freitag dabei ist. Ihre Atombombe ist dieses Haus, weshalb sich die Besetzer auch so schwertun mit Dercons realpolitischem Angebot. Lale las im Netz von der Besetzung und bekam Lust, die Atmosphäre vor Ort zu erleben.

Das Besetzerkollektiv ist ein amorphes Gebilde, was sie wollen, wird gerade täglich neu verhandelt. Diskutiert wird – in der Vollversammlung wie in den Arbeitsgruppen – gleichberechtigt. Es zählt nicht, wie lange jemand schon dabei ist, sondern nur, wie lange er sich meldet. Es wird immer abwechselnd gesprochen: Erst Frau, dann Mann. Beziehungsweise: Mensch, der sich als solches sieht. Man ist hier gründlich genderkorrekt.

Große Aufgabe – dann doch schwerer als gedacht
Foto: Martin Schwarzbeck

Für ein funktionierendes Miteinander braucht es offensichtlich keine Entscheider, aber eine gute Moderation. Die übernimmt an dem Tag Lale, in den Niederlanden trainierte Hausbesetzerin. Lale stellt Themen zur Diskussion, fasst Beiträge zusammen und lässt im Zweifelsfall abstimmen. Natürlich wird nicht abgestimmt, so lange es noch Gegenstimmen gegen die Abstimmung gibt. Bevor sich jemand ausgeschlossen fühlt, wird lieber ewig weiterdiskutiert. „Die Nazis sind in den Bundestag eingezogen und hier wird Demokratie gerade neu ausgehandelt, in einem rechtsfreien Raum“, freut sich einer der Diskutierenden.

Donnerstag früh sperrte die Polizei die Volksbühne mit Hamburger Gittern ab
Foto: Oliver Mezger

Jetzt geht es nicht mehr um die Frage Castorf oder Dercon, sondern um alles. Um die ganze Stadt. Die, die hier sind, sind zu einem guten Teil Verlierer des Wandels. Das alte Berlin, Kreative mit geringem Einkommen. „Make Berlin geil again!“, steht auf einem Transparent. Für die Menschen, die sich hier aufhalten, ist das Gebäude eine einmalige Chance, ihre Interessen zu vertreten. Zwei Jahre lang wollen sie das Haus übernehmen und von hier aus den gesamten städtischen Besitz neu verhandeln.

Die Volksbühne ist zum Experimentierfeld für die Stadt von unten geworden. Funktioniert das Prinzip Selbstorganisation? Derzeit sieht es so aus. Ein Mann Mitte 40, Dreadlocks unter der Halbglatze, steht am Pissoir und sagt: „Ich habe schon eine Menge solcher Sachen mitgemacht, aber dass dabei regelmäßig der Toilettenboden gewischt wird, das ist mir noch nie passiert.“

Die Entwicklung der Volksbühne vom Repertoire­theater zur Eventplattform, wie sie Dercon unterstellt wird, steht für die Besetzer symptomatisch für die Entwicklung der Stadt. Lederer ist ebenfalls kein Freund von Dercon. Er hatte sich für eine Überprüfung der Auswahl, die der Staatssekretär seines Vorgängers, Tim Renner, SPD, getroffen hatte, ausgesprochen. Die Aktivisten sind auch gegen die neue Intendanz, nicht gegen Chris Dercon als Person, der könne gerne mittun bei der Programmgestaltung und solle ansonsten in Tempelhof sein Ding machen. „Es ist veraltet, dass ein Mann an der Spitze steht und nach unten delegiert, wie es läuft“, sagt Lale.

Anmaßung und Größenwahn

Es ist anmaßend. Und ein bisschen größenwahnsinnig. Aber vielleicht auch das, was Berlin braucht. Ludmilla, 29, Pädagogin, seit Juni bei der Vorbereitung der Besetzung dabei, sagt: „Ich will zeigen: Es gibt noch Freiräume. Nehmt sie euch! Lotet die Grenzen aus!“ Es ist ein Versuch, Berlin vor der Gentrifizierung zu retten. Und vermutlich deshalb so populär. Aber warum dann gerade die Volksbühne und nicht das SoHo-House oder die Staatsoper, für Gentrifizierungskritiker eigentlich näherliegende Ziele? Vermutlich, weil die Volksbühne genau jetzt wie ein Loch in der Matrix war: Der Konflikt um die Neubesetzung des Intendanten schaffte Aufmerksamkeit, die während des Wechsels leeren Räume die Möglichkeit, die kurz nach der Besetzung folgende Bundestagswahl die politische Rückendeckung für die erste Zeit: Wenn eine Besetzung in der Mitte Berlins noch einmal erfolgreich sein konnte, dann genau diese.

Es dauert eine Dreiviertelstunde, bis ein Entschluss steht, was man Dercon auf sein Friedensangebot antworten solle, das vom Kultursenat unterstützt wird. Ergebnis: nichts. Es wird eine AG gegründet, die die Antwort in zehn Zeilen handschriftlich freundlich verpacken soll. Das Ergebnis soll tags darauf vom Plenum abgenickt werden, und dann per Twitter­foto zugestellt.

Mittwoch, 9.30 Uhr: Eine sechsköpfige Abordnung der Besetzer trifft 90 Mitarbeitende der Volksbühne, moderiert von Dercon, eine Stunde Zeit, nur Festangestellte dürfen sprechen. Dercon setzt den Rahmen. Er ist ein Zugeständnis an die Diskussionskultur der Besetzer – und doch so fern von ihr. Es wird eben nicht alles ausdiskutiert und es gibt keinen Konsens, ja nicht einmal eine Annäherung.
Die Festangestellten stellen sich mehrheitlich hinter das Angebot. Die Abordnung verspricht, die Gesprächsergebnisse ins Plenum zu tragen und lädt die Mitarbeitenden ein, ihre Befürchtungen dort noch einmal vorzustellen.

„Ihr habt ein Problem!“

Mittwoch 18.30 Uhr: Da sind sie. Die Volksbühnen-Angestellten sind wütend und laut, sie sind ein echtes Problem für die aufkeimende Demokratie-Vision. Sie wollen nicht warten, bis alle Arbeitsgruppen das Plenum auf den neuesten Stand gebracht haben, sie wollen auch nicht, dass am nächsten Tag in Ruhe weiterdiskutiert wird, sie wollen jetzt abstimmen lassen über Dercons Angebot.

Ihr Problem: Sie alle hätten Angst, das Haus zu betreten, und der Pächter der Kantine sei bald pleite, wenn sie weiter geschlossen bliebe. Es ist der Moment, in dem die Situation kippt. Für die Besetzer bricht mit dem Aufstand der Angestellten ein Stück weit ihre Erzählung zusammen. Sie hätten gerne, dass ein großer Teil der Beschäftigten hinter ihnen steht. Es ist schwer zu sagen, ob das so ist, denn selbst wenn es viele Unterstützer gäbe, würden sie sich aus arbeitsrechtlichen Bedenken wohl eher nicht dazu bekennen. Was zu sehen ist, das sind nur die Gegner. Die dafür sind aber umso lauter.

Die Schauspielerin Silvia Rieger, die seit 1988 mit Castorf gearbeitet hat, stellt sich mit dem Mikrofon in die Mitte und zeigt ihr Programm: einen Monolog. Sie intoniert intensiv, sie gestikuliert, sie macht Ausfallschritte Richtung Publikum. „Ihr habt ein Problem, denn euch verteidigen nur noch die Linken gegen alle anderen Parteien, nehmt das Angebot an!“ Plötzlich wird den Besetzern ihre Inszenierung entrissen. Die Mitarbeitenden übernehmen das Plenum, so wie die Besetzer ihr Haus übernommen haben. Wenn jetzt abgestimmt wird, und mehr als die Hälfte des Publikums, zu dem ja auch die Mitarbeitenden jetzt gehören, ist von der Schauspielerin mitgerissen für Dercons Vorschlag, ist es vorbei mit ihrer Utopie. Vorbei mit der Strahlkraft für die ganze Stadt.

Foto: Imago/Christian Mang

Der Besuch ist eine Herausforderung für die Diskussionskultur der Besetzer. Sie können den Betroffenen schlecht das Mikrofon mit Gewalt aus der Hand ringen. Ob man nicht gemeinsam gegen den stadtweit verhassten Intendanten Dercon kämpfen wolle, fragt ein Besetzer. „Ich möchte in nichts integriert werden, das ich mir nicht ausgesucht habe“, sagt eine Mitarbeiterin.

Es sind die Verwerfungen, die entstehen, wenn man inmitten real existierender Verhältnisse mit einer Utopie experimentiert. Wer eine Familie ernähren will, hat vermutlich wenig Verständnis für die Maximalforderungen der Menschen, die scheinbar extrem viel Freizeit haben. Der will vor allem in Ruhe seinen Job machen können, und ihn auch behalten. Die Mitarbeitenden der Volksbühne haben keinen Bock auf Experimente zur Utopie. Die Besetzer gucken etwas verstört. Einer sagt: „Wir haben gehofft, ihr würdet auch aufbegehren.“ Lale sagt: „Wir wollen niemandem den Raum nehmen. Kantine, Proben, Ticketverkauf, wenn wir irgendwo im Weg sind, können wir das aushandeln, dafür ist dieser Ort doch da.“ Ein weiterer Besetzer ergreift das Wort. Es ginge doch auch um Gleichverteilung der Ressourcen, dann entstehe Konsens von allein. Er fragt, ob die Gewerke der Angestellten nicht Workshops für die Theaterneulinge unter ihnen geben wollen. Aus den Reihen der Mitarbeitenden kommt die hämische Frage: „Habt ihr Geld?“

Da prallt die Utopie mal kurz schutzlos auf die Zwänge des Kapitalismus. Die Besetzer scheuen. Sie wollen nicht abstimmen, sie wollen Zeit, um ihre Utopie zu erproben. Das ginge vermutlich auch auf dem kleineren, angebotenen Raum, aber wenn sie das Angebot annähmen, würden sie einen Großteil der internationalen, multimedialen Aufmerksamkeit verlieren. Die Entscheidung wird vertagt.

Sechs Tage zermürbender Diskussionen und jetzt hat man auch noch die Arbeiterklasse des Hauses gegen sich. Die Besetzer, die seit dem Freitag vor der Wahl hier sind, haben schwere Tränensäcke unter den Augen. Eine der Besetzerinnen sagt: „Hoffentlich werden wir geräumt, bevor uns die Luft ausgeht.“

Auszug im Glitzerkleid

Die Überraschung kommt am nächsten Morgen. Die Polizei streift mit einem massiven Aufgebot durchs Haus, filmt und fotografiert die Anwesenden. Um 10.30 Uhr wird Intendant Dercon mit Polizeischutz in die Volksbühne gebracht, um zu verhandeln. Der Hausherr hat genug, er will nicht auf das nächste Plenum warten und dann auf das nächste, bis die Besetzer sich endlich entschieden haben. Um 11 Uhr stellt Dercon den Besetzern ein Ultimatum: Eine halbe Stunde, dann müssen sie raus. Um 12 Uhr sagt ein Polizeisprecher: „Die packen jetzt zusammen.“ Doch anstatt zu packen, machen sie Musik.

Die Besetzer ziehen aus
Foto: Martin Schwarzbeck

Gegen 13 Uhr beginnen die Besetzer, darunter ein Mann im Glitzerabendkleid und mit einem Helm aus Luftpolsterfolie, Dinge aus dem Haus zu tragen: Drucker, Akten, Lautsprecher, Lampen, Kabel, Werkzeug, Schlagzeug und eine Discokugel. 13.30 Uhr: Die Polizei richtet extra einen Arbeitsplatz ein, um die Identitäten der verbliebenen Besetzer aufzunehmen. Um 13.45 Uhr stellt Dercon Anzeige wegen Hausfriedensbruchs, um 14 Uhr werden die letzten 21 Besetzer aus dem Haus geführt und getragen. Der Vorhang fällt, ihre Inszenierung in der Volksbühne ist beendet. Und die Chance, Berlins Zukunft ganz neu zu denken, vertan.

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