Digitale Volksbühne

Stätte des Autsch

„Volksbühne Fullscreen“ ist der digitale Restbestand der Dercon-Ära – das Zeugnis eines so gut gemeinten wie schlecht gedachten Versuchs, Theater und digitale Welten zusammenzubringen. Woran liegt es, dass da so viel falsch lief?

Alexandra Bachzetsis‘ „Massacre: Variation on a theme“ – Foto: Alexandra Bachzetsis

Text: Tom Mustroph

Ein Klavier, das sich selbst spielt. Eine Frau, die in einem mit Pappkartons ausgestatteten Raum lebt, sich dort zuweilen Flügel aus schmalen Spiegeln anlegt und immer wieder das schwarze Haar auf den Boden wirft. Das ist intensiv, oszilliert von existentiell bis artifiziell. Weil die Frau fleischfarbene Leggings trägt, auf die Kleidungselemente aufgemalt sind, vermischen sich auch Nacktheit und Bekleidetsein, Natur und Kultur.

Mit Alexandra Bachzetsis’ „Massacre: Variation on a Theme“, einer gekonnten Zerlegung der Opferungsszene aus Waclaw Nijinskis Jahrhundertwerk „Le Sacre du Printemps“, nahm die fünfte Spielstätte der neuen Volksbühne unter Chris Dercon im November 2017 den Sendebetrieb auf. Volksbühne Fullscreen wird auf der Website des Hauses noch immer als Spiel­ort neben Großem Haus, 3. Stock, Pavillon und Rotem Salon geführt. Es ist die einzige Spielstätte hier, die keinen Theatersommer hat – und die einzige, die noch voll im Dercon-Modus ist.

Ersatzkunstort mit Erklär-Bär
Man findet sogar ein Video, in dem der geschasste Intendant als Erklär-Bär erzählt, was Volksbühne Fullscreen denn so sein soll. Ein grauhaariger Mann mit grauem Bart und grauem Schal ist da zu sehen, der schräg vor einer Holzfurnierwand sitzt, mit der Hand immer mal wieder auf den Tisch haut und sagt: „Fullscreen ist die digitale Spielstatte der Volksbühne“ – er sagt tatsächlich „statte“, mit A statt Ä, und deutet damit womöglich ganz charmant an, dass es ihm um keine Stätte geht, also um einen Ort, an dem etwas stattfindet. Ihn interessiert vielmehr die Lokalisierung des „anstatt“, einen Ort, in dem es bestenfalls Ersatz, Abbild und Nachbildung gibt. Einen Ersatzkunstort also. Das zumindest ist ehrlich.

Selbst sagt er zu Volksbühne Fullscreen noch, tatsächlich im Uralt-Modus: „Digitale Spielstätte – was könnte das bedeuten? Die Volksbühne ist bekannt für diese Vermischung von unterschiedlichen Kunstformen, und dazu gehört auch die digitale Architektur oder Website oder das Internet.“ Da palavert einer von digitaler Architektur – und meint bloß deren konventionellste Schrumpfform, die Website. Autsch! Der Kunstonkel will glauben machen, dass digital sei, was online ist. Digitale Offline-Architekturen, seien es Games, sei es Robotik, sei es Verkehrs- oder Klimasteuerung, kommen schlicht nicht vor.

Schlagzeilen im Sparbetrieb
Volksbühne Fullscreen versteht unter „digital werden“ nur die Erzeugung bunter flacher Fensterchen, in denen mal bessere und mal schlechtere Produktionen zu sehen sind. „Massacre“ gehört zu den besseren, die Webserie „Rheingold“ etwa zu den eher schlechteren. Im Leseprobenmodus, mit Blättern also, von denen Dialoge abgelesen wesen, wird da die Biografie des mit Kunst handelnden Aufsteigers Helge Achenbach verhandelt. Vernissagen-Klischees wechseln sich mit Kunst-&-Macht-Versatzstückchen. Im Hintergrund zerfallen goldene Euro-Sterne. Das ist Schlagzeilen-Bebilderung im Theatersparbetrieb, schon wieder Autsch.

Hören wir noch mal beim Erklär-Bären rein: „Die Welt zerfällt in Stücken, und die Aufgabe der Künstler ist es, die Welt zusammenzuhalten.“ Finales Autsch. Hier war niemand mehr auf der Suche, hier wurde schon gewusst, was richtig ist. Das wurde zusammengefügt, verpackt und aufgeblasen. Fullscreen eben. So lange die Website noch gehostet ist, kann man sich das angucken. Die eine oder andere Perle gibt es. Das Gesamtprogramm ist aber doch verteufelt nah dran am Rampenspiel, das jetzt Sommerpause hat.

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