VOLKSBÜHNE

Vorhang zu

Chris Dercons plötzlicher Volksbühnen-Abgang und die Lüge der Berliner Kulturpolitik

Weg isser: Chris Dercon – Foto: F. Anthea Schaap

Text: Friedhelm Teicke

Mit „Tschüss Chris“ sind rings um den Rosa-Luxem­burg-Platz Plakate der Volksbühne überklebt. Es wirkt wie ein gehässiges Nachtreten, nachdem der umstrittene Intendant Chris Dercon überraschend mitten in seiner ersten Spielzeit zurückgetreten ist. Die gelben Guerilla-Überkleber sind in der altbekannten Volksbühnen-Frakturschrift der Castorf-Ära gehalten, der jene nachtrauern, für die der belgische Museumsmann seit seiner Ernennung vor drei Jahren eine Reizfigur war, eine Verkörperung der Gentrifizierung Berlins. Tatsächlich gab es die Aufkleber schon vor dem Abgang, angebracht von einer Initiative um die ehemalige Volksbühnen-Schauspielerin Carolin Mylord, Mutter zweier Kinder von Frank Castorf.

Viel Ablehnung, Protest und Widerstand gab es aus den Reihen der alten Volksbühne gegen die vom damaligen Kulturstaatssekretär Tim Renner geborene Idee, Dercon als Nachfolger des überaus erfolgreichen Intendanten Castorf einzusetzen. Aber nicht nur von dort, über 40.000 Menschen forderten in einer Petition dazu auf „Die Zukunft der Volksbühne neu (zu) überdenken“. Doch auch nach Dercons plötzlichem Abgang ist ein Zurück in die alte Castorf-Zeit unmöglich. „Don’t look back“ stand damals schon auf Volksbühnen-T-Shirts, ein Zitat aus einem Pollesch-Stück.

Fest steht, Dercon ist grandios gescheitert, die Volksbühne kurz vor der Pleite. Sein Konzept, von dem sich Renner und Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD), damals auch Kultursenator, eine Art Neuerfindung der Volksbühne durch die Vermischung mit anderen Medien und Künsten versprachen, ging nicht auf. Alte Meister wie Beckett abzustauben und alternde Filmregisseure statische Theaterabende inszenieren zu lassen, war nicht überzeugend, um die große Skepsis in der Stadt aufzulösen. Keine der wenigen Premieren konnte wirklich begeistern. So versiegte stetig das Interesse und die Neugierde, die es für Dercons Neuanfang in der Stadt durchaus auch gab.

Wieso steckte Dercon geduldig Prügel ein?

Doch gescheitert ist Dercon nicht an dem mitunter unfairen und auch würdelosen Protest – der vor Fäkal- und Spuckattacken gegen ihn und sein Team nicht Halt machte –, auch nicht unbedingt an seinem allzu dünnen Spielplan mit nur wenigen echten Premieren. Gescheitert ist Chris Dercon an einer Lüge der Berliner Kulturpolitik.

Was Renner und Müller tatsächlich mit Dercon für die Volksbühne einläuten wollten, war – wie durch eine Recherche von RBB, NDR und „SZ“ nun ganz offenbar wurde – ein Systemwechsel: weg von einem Stadttheater mit ­Repertoire- und Ensemblebetrieb, hin zu einem Produktions- und Gastspielhaus, das alle Künste zusammenführt.

Gleichwohl trauten sich beide nicht, das offen zu benennen, besorgten aber auch nicht die für den unmöglichen Spagat nötigen Gelder – in der Hoffnung, der gut vernetzte Dercon werde schon irgendwie Sponsoren finden. Und dieser trug die Lüge mit. Wieso eigentlich? Wieso deckte er die Politik und steckte geduldig die Prügel ein?

Für sein Konzept brauchte es schließlich kein Ensemble, keine teuren Gewerke und Werkstätten, die einen Großteil des Etats verschlingen. Dazu nun teure Gastspiele und Gastschauspieler – Dercon, der große Häuser wie die Tate London geleitet hat, musste doch klar sein, dass ihm die Riesenbude finanziell irgendwann um die Ohren fliegen würde.

Es haben viele Verantwortliche weggeschaut. Die Schief­lage hätte längst bemerkt werden können, routinemäßig wird alle drei Monate die Bilanz der Berliner Theaterbetriebe überprüft. Die Volksbühne hat auch einen Geschäftsführer, der die Finanzen im Blick haben sollte. Thomas Walter, geschäftsführender Direktor schon bei Castorf, hört zum Ende der Spielzeit planmäßig auf, sein designierter Nachfolger Klaus Dörr muss sich bereits jetzt als kommissarischer Intendant in Schadensbegrenzung versuchen.

Nun hat Berlin eine Problem-Baustelle mehr. Kultur­senator Klaus Lederer (Linke) wird Geld nachschießen müssen, damit neue Produktionen überhaupt gestemmt werden können. Geld aus Drittmitteltöpfen, auf die andere Theater wie das Gorki für Sonderprojekte angewiesen sind und die diesen fehlen werden, wenn nun alles in die Rettung der Volksbühne fließt. Ein Skandal, für das wie beim BER wieder kein Politiker die Verantwortung übernehmen will.

„Diverser, weiblicher, jünger“

Und jetzt? Lederer will sich für die Intendantenfindung Zeit nehmen und sich von vielen Seiten beraten lassen. Gut so. Längst kursieren spekulierend mögliche Namen wie ­Armin Petras oder René Pollesch. Wenn die kurze Dercon-Intendanz aber in etwas vorbildlich war, dann war es die fast vollständig weiblich besetzte Führungsriege neben ihm. Und auch Lederer soll am Rande eines Parteitags der Linken in Adlershof gesagt haben, „dass die Volksbühne diverser, weiblicher, jünger werden soll“.

Berlins wenige von Theaterleiterinnen geführte Häuser sind allesamt durchaus erfolgreich: Shermin Langhoff am Gorki, Annemie Vanackere am HAU und Franziska Werner an den Sophiensaelen. Den Theaterpreis Berlin bekommt im Mai die Regisseurin Karin Henkel. Vielleicht sollte Lederer ihren Namen auf seinen Zettel schreiben.

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