Drama

Vom Ende einer Geschichte

Ist die eigene Vergangenheit wirklich die, die wir in unserer Erinnerung festgezurrt haben? Oder vielleicht doch eher eine ­geschönte Version, die uns ­Unangenehmes ausblenden lässt, damit wir sie im milden Licht eines Wunschdenkens verklären ­können? „Am Ende ist das, was man in ­Erinnerung behält, nicht immer dasselbe wie das, was man beobachtet hat“, schreibt Julian Barnes in seinem Roman „Vom Ende einer Geschichte“, in dem er einen alten Mann in einem langen Monolog über seine Vergangenheit nachdenken lässt.

Foto: Wild Bunch Germany/Robert Viglasky

In dieser Adaption von Ritesh Batra („The Lunchbox“) lebt Tony Webster (Jim Broad­bent) das selbstgenügsame und wenig ­ereignisreiche Leben eines älteren ­Mannes, mit gelegentlichen Kontakten zu seiner ­Ex-Frau und der gemeinsamen Tochter, die gerade ihr erstes Kind erwartet.

Doch als dann ein Brief auftaucht, in dem Tony mitgeteilt wird, dass er ein Tagebuch geerbt hat, wird seine Jugend plötzlich ­wieder lebendig: seine erste große Liebe ­Veronica, die Freundschaft mit ­seinem neuen Kommilitonen Adrian, der dann seine Stelle bei Veronica einnahm und schließlich Selbstmord beging.

Jetzt hat ihm Veronicas soeben verstorbene Mutter Sarah das Tagebuch von ­Adrian hinterlassen – doch so schnell bekommt er es nicht in die Hände. Offenbar ist es Veronica selber, die nicht will, dass er es bekommt. Doch warum? Während Tony immer wieder die zuständige Anwältin aufsucht, bevor es schließlich zu einem ­Treffen mit Veronica selber kommt, ­weiten sich kurze Erinnerungsfetzen zu längeren Rückblenden aus.

Mit Jim Broadbent (Oscar-Preisträger für „Iris“, 2001) hat der Film einen einnehmenden Hauptdarsteller – so ­einnehmend, dass man über manche der charakter­lichen Defekte seiner Figur hinwegsehen kann. Genau daraus bezieht der Film ­seine Spannung: Hat sich Tony damals etwas zuschulden kommen lassen, das er seitdem verdrängt hat? Leider verrät der Trailer schon, was das war, der Film selber bewahrt das Geheimnis fast 80 Minuten lang und endet dann versöhnlicher als die Roman­vorlage – eine einfache Geste gegenüber ­einem ­Dritten gegen Ende verrät, dass Tony ­künftig selbstreflektierter durch das Leben gehen wird. 

„The Sense of an Ending”, GB 2017, 108 Min., R: Ritesh Batra, D: Jim Broadbent, Charlotte Rampling, Harriet Walter, Michelle Dockery, Matthew Goode, Start: 14.6.

Vom Ende einer Geschichte

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