ERINNERUNGSDRAMA

Von der langen ­Rei­se auf einer heute überhaupt nicht mehr weiten Strecke

Ein berührender Rückblick auf deutsch-deutsche Ausreisen

Vor der Ausreise: Mutter und ihre Töchter – Franziska Hoffmann, Meda Gheorghiu-Banciu, Anja Lechle, Nadine Nollau – Foto: Marcus Lieberenz/bildbuehne.de

Nicht jede Reise, nicht jede Ausreise und nicht jede Flucht in eine einstmals als gelobtes Land imaginierte Destination führt zwangsläufig zum Glück. Das zeichnet der poetische Text mit dem überlangen Titel von Henriette Dushe nach. Regisseur Stephan Thiel verhilft ihm durch seine chorische Inszenierungsweise zu viel Kraft und Dynamik. Eine Mutter rekonstruiert mit ihren vier Töchtern die letzten Wochen vor ihrer Ausreise aus der DDR und die ersten Eindrücke bei der Ankunft im neuen Land. Das klappt nicht immer. Denn die Eine hat schlicht vergessen, die Andere komplett verdrängt, was der Dritten noch ganz klar vor Augen steht.

Deutsch-deutsche Geschichte blitzt auf, wenn eine Tochter davon erzählt, wie sie in der Schule als Kind von Ausreisenden diskriminiert wurde. Der Westen erscheint in bunten Farben, darunter auch das Rot der RAF-Fahndungsplakate. Emotionales Zentrum des Stücks ist der Umgang mit einer Leerstelle: dem abwesenden Vater. Der war zwar die treibende Kraft bei der Ausreise. Vor allem er erhoffte sich ein neues Leben. Angekommen im neuen Leben erstarrte er jedoch. Vor Überforderung? Vor Enttäuschung? Weil alle Kraft schon mit der Ausreise erschöpft war? Das bleibt offen. Ein berührender Abend, für damals Reisende wie damals Zurückge­bliebene, und auch für die, bei denen die Neuen dann ankamen. TOM MUSTROPH

16.+17.6., 20 Uhr, Theater Unterm Dach, Danziger Str. 101, Prenzlauer Berg. Regie: Stephan Thiel, mit Meda Gheorghiu-Banciu, Franziska Hoffmann, Anja Lechle u.a., Eintritt 12, erm. 5–8 €