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Von der Last der Welt

Die Neuberlinerin Ilgen-Nur singt so lässig und zwingend über die Zumutungen des Erwachsenwerdens wie keine andere Songwriterin in diesen Tagen

Klingt manchmal müde, ist aber hellwach. Ilgen-Nur Borali
Foto: Constantin Timm

Man glaubt das ja alles zu kennen: den Central Park, die Feuerleitern. Und mittendrin eine junge Person auf der Suche – nach Liebe und dem guten Leben. Aber es ist kein Holden Caulfield, den wir im Video zum Song „In My Head“ durch New York City begleiten. Sondern Ilgen-Nur Borali, die Songwriterin, die gerade so meisterhaft über die Zumutungen des Erwachsenwerdens singt, als sei die Disziplin Coming-of-Age-Lyrik gerade erst erfunden worden. Eine Songwriterin, die der Welt lieber ein selbstbewusstes, ernstes Gesicht als ein gefallsüchtiges Lächeln zeigt. Und trotzdem von sich sagt: „Als Kind wollte ich Tänzerin werden, weil ich mich nicht in der ersten Reihe gesehen habe. Dabei kann ich gar nicht tanzen.“

„Power Nap“, also Nickerchen, heißt das im Sommer erschienene Debütalbum der Neuberlinerin. Aber dennoch sollte man Ilgen-Nur das Slacker-Etikett nicht allzu eilig anheften, wie es die Musikpresse nach ihrer lässig dahingeschrubbten ersten EP „No Emotions“ von 2017 tat. Sicher, auf dem Albumcover sitzt sie inmitten zerwühlter Laken. Und singt viele Songs mit so in sich ruhender Stimme, dass man sich fühlt, als lausche man einer intimen Ansprache. Wenn Ilgen-Nur aber müde klingt, dann so, wie nur sehr junge Menschen müde klingen können: geschafft von der Last der Welt auf ihren Schultern, aber im Grunde hellwach.

Die meisten ihrer Songs, erzählt Ilgen-Nur, entstehen in ihren eigenen vier Wänden. Ist Alltag etwas Lähmendes oder Beruhigendes für sie? „Beides“, sagt sie. Und das hört man: Die 23-Jährige versucht gar nicht erst, die Befindlichkeiten ihrer Generation auf allgemeingültige Formeln zu bringen, sondern erzählt, was ist: Frühstück oder Fernsehen gucken zum Beispiel. Ilgen-Nur beschreibt das Leben so lakonisch in seiner verflixten Mittelmäßigkeit, dass man ihre Lyrics manchmal fast beliebig finden könnte – würde nicht immer wieder ihr Talent augenfällig, Vertracktes in schlichte Worte zu fassen. „Your face looks so familiar / When you’re trying to look away“, singt Ilgen-Nur im Song „Soft Chair“. Volltreffer.

Aber ausgerechnet die Alltagschronistin Ilgen-Nur attestiert sich selbst, manchmal mit der Bodenhaftung zu hadern. „Ich habe Schwierigkeiten, im Moment zu leben, und denke immer an die Zukunft: Was ist in einem Monat, was in einem Jahr?”, sagt sie. „Gleichzeitig bin ich ziemlich gefangen in meiner Vergangenheit.” Ihre türkisch-schwäbische Kindheit in der Nähe von Stuttgart, ihr Studium im Schwarzwald, selbst ihr Leben in Hamburg scheinen heute, wo Ilgen-Nur der Darling der hiesigen Indieszene ist, sehr lange zurückzuliegen.

Jenseits des Männermainstreams

Gerade hat ihr Drangsal, derzeit einer der schillerndsten Popsänger Berlins, eine Sprachnachricht geschickt: Ein gemeinsames Mittagessen steht an. Beim Gespräch mit Ilgen-Nur ist noch Sommer in Berlin – und sie neu in der Stadt. Aber schon jetzt scheint sie angekommen in der lokalen Musikszene. Wobei man sie in dieser nur schwer verorten kann: Ihre Songs besitzen eine Internationalität, wie man sie im deutschen Indiebetrieb in den vergangenen Jahren nur vom Garagenrock-Duo Gurr kannte. Die Songs auf „Power Nap“ fransen mal weitschweifig und shoegazy aus, mal klingen sie nach US-Collegerock der 90er-Jahre. Und gleichzeitig ganz zeitverhaftet: Man muss ja nicht mehr nur Bands wie Pavement als Referenz für lässig in den Seilen hängenden Indierock bemühen, wenn es doch heute Künstlerinnen wie Courtney Barnett oder Snail Mail gibt, die dem guten, alten Gitarrengedöns eine Zukunft jenseits des Heteromännermainstreams versprechen.

Verantwortlich für den so zurückgelehnten wie detailvernarrten Sound der Platte ist Max Rieger, der nicht nur Sänger und Gitarrist von Die Nerven ist, sondern auch Lieblingsproduzent der jungen Indie-Generation. Rieger ins Boot zu holen und eine männlich besetzte Tourband zu haben, steht für Ilgen-Nur nicht im Widerspruch zu ihrer feministischen Haltung. „Die Typen in meinem Umfeld sind korrekt und unterstützend“, sagt Ilgen-Nur. „Sie fetischisieren mich nicht, weil ich eine Frau bin, Migrationshintergrund habe oder queer bin.“

Die junge Ilgen-Nur sei rebellisch drauf und viel allein gewesen; ihre Geschichte ist die klassische Erzählung von der Stubenhockerin, die ihre Teenagerzeit durch Rock’n’Roll übersteht – und sich schließlich selbst zum Rockstar emanzipiert. Wenn auch zum Rockstar neuer Bauart: Von Checkertum  grenzt sich Ilgen-Nur ab. „Musik war immer ein natürlicher Teil meines Lebens”, sagt sie. „Aber ich habe nie behauptet, Musik sei mein Leben.“

Ilgen-Nur schätzt Understatement. Ein Glück für alle Verlorenen und Suchenden, dass sie nicht tanzen kann.