Feminismus

Von Linz bis heute: Valie Export

Der Neue Berliner Kunstverein nähert sich dem Werk von Valie Export , der wichtigen feministischen Künstlerin aus Österreich

Heftiger Atem, kaum erträglich, so nah ist man der Künstlerin, wenn man sich die Videoperformance „Hauchtext: Liebesgedicht“ von Valie Export ansieht oder ­besser: anhört. Auf dem grobkörnigen Schwarz-Weiß-Video von 1973, auf dem nur sie selbst zu sehen ist, tut sie nichts als das: zu atmen.

Valie Export: Metallene Gesten, 1973, Fotografie, 17,7 x 24 cm © VALIE EXPORT

Die unmittelbare Nähe und Körperlichkeit führt gut ein in das Werk von ­Valie Export, Video- und Performancekünstlerin, Filmemacherin, Vertreterin des Expanded Cinemas und ehemalige Professorin der Hochschule der Künste Berlin. Seit den 1960er-Jahren spiegelt, seziert und kritisiert sie konsequent den voyeuristischen Blick auf den weiblichen Körper. Legen­där geworden sind ihre Aktionen und Performances mit klingenden Namen wie „Tapp- und Tast­kino“ und „Aktions­hose Genitalpanik“. Für ersteres schnallte sie sich ­einen kleinen Kasten vor den Körper, durch den das Publi­kum 30 Sekunden lang ihre Brüste betasten durfte. Und 1968 führte sie ihren damaligen Partner, den Künstler Peter Weibel, an einer Hundeleine durch Wien.

Wien, damals

Vielleicht muss man sich das kleinbürgerliche und kleinstädtische Umfeld der Nachkriegszeit vorstellen, in dem Valie Export aufwuchs, bürgerlich Waltraud Stockinger, geboren 1940 in Linz, Österreich, um zu verstehen, wie revolutionär und modern ihr Blick – auch in ihrem Medium, dem ­Video – auf den weiblichen Körper war. Ihre Heimatstadt Linz erwarb ­ihren Vorlass und würdigt sie seit einem Jahr mit dem Valie-Export-Center in der ehemaligen Tabak­fabrik Linz.

Gegen diese poppigen, eingangs genannten Aktionen, die meist mit dem Namen der Künstlerin verbunden werden, wirkt die Ausstellung im Neuen Berliner Kunstverein (NBK) recht nüchtern. Das deutet sich schon im Titel „Valie Export – Forschung, Archiv, Werk“ an. Für die erste Ausstellung seit 15 Jahren in einer deutschen Kunst­institution ­stellte Kuratorin Sabine Folie, Leiterin des Linzer Export-Centers, Werke aus fünf Jahrzehnten zusammen. Die Schau soll ein künstlerisches Archiv sichtbar machen. In Schaukästen dokumentieren Skizzen, Briefe, Fotos, Notizen, Fragmente von Drehbüchern und Zeitungsartikel das Schaffen der Künstlerin. Das Zentrum bilden eine große Tafel, die das Konzept des Archivs erklärt, und das Video „Syntagma“. Auch in diesem untersuchte Export das Verhältnis des weiblichen Körpers zum Stadtraum: Es führt direkt in ein graues Wien der 1980er-Jahre.

Mit dem Blick von heute mag das manchmal etwas braver wirken, als es damals war – der Blick auf einen weiblichen, doch recht „normschönen Körper“ –, aber auch heute, wo konservative Kräfte wieder Deutungshoheit über den weiblichen Körper erringen wollen, erinnert die Ausstellung eindrücklich daran, dass dieser Kampf noch lange nicht vorbei ist. Auch nicht in der Kunst. Ein Zeitungsartikel, eine Kritik zu einer Ausstellung von 1975, in ­einem der Schaukästen: „Das Thema Frau in der Kunst wird im heurigen Jahr noch weiter strapaziert werden“, schreibt die Rezensentin. Ihr ahnt ja gar nicht, wie lange noch. 

Bis 12.8.: NBK, Chausseestr. 128/129, Mitte, Di–So 12–18 Uhr, Do bis 20 Uhr, Eintritt frei