PREMIERE

Verrohte ­Gesellschaft

Nurkan Erpulat und Tina Müller transportieren für das Maxim Gorki Theater Ödön Horváths ­Roman „Jugend ohne Gott“ in die Gegenwart

Junge Laiendarsteller spielen die Jugend von heute – Foto: Esra Rotthoff

Text: Regine Bruckmann

Nurkan Erpulat interessiert sich für die geistige und emotionale Verfassung der Jugend. Schon in der Erfolgsproduktion „Verrücktes Blut“, entstanden 2010 in Zusammenarbeit mit Jens ­Hillje am Ballhaus Naunynstraße, heute im Repertoire des Maxim Gorki Thea­ters, ging der türkischstämmige Regisseur mit viel Witz und Empathie gegen die angebliche Unerziehbarkeit und Bildungsferne der heutigen Schülerinnen und Schüler an. Damals war ein französischer Film die Vorlage, nun hat er sich Ödön von Horváths 1937 erschienenen Roman „Jugend ohne Gott“ vorgenommen.

Darin beschreibt der früh verstorbene Horváth die damalige soziale Situation als kalt und seelenlos: „Eine verrohte Gesellschaft, diese Kinder!“ In einem Ferienlager wird ein Junge umgebracht. Eifersucht, ein aufgebrochenes Kästchen und ein heimlich gelesenes Tagebuch spielen eine Rolle in dem anschließenden Gerichtsprozess.

Der 45-jährige Theatermacher Nurkan Erpulat schlägt sich in seiner Produktion auf der Seite der jungen Menschen und versucht, gemeinsam mit der Autorin Tina Müller („Türkisch Gold“), die Geschichte ins Heute zu transportieren: „Ich glaube, dass der Lehrer seine Verantwortung auf die Jugendlichen schiebt. Wir erwarten von der nächsten Generation, dass sie liest, politisch aktiv ist und unsere Probleme lösen kann. Und beklagen, dass sie nur an sich und ihre Handys denkt!“ Die Vorwürfe der älteren Generation an die jeweils neue sind stereotyp. Aber sind es auch ­heute nicht wieder die Erwachsenen, die Eltern, Lehrer und Politiker, die die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme geschaffen und gleichzeitig eine moralische Lücke hinterlassen haben? Und es sind Jugendliche einer neuen Protestgeneration wie die Fridays for Future-Bewegung, die genau das ihrer Elterngeneration vorwerfen.

Auf der Bühne stehen sieben junge Darsteller ab 19 Jahren. Teilweise sind sie Laien, teilweise befinden sie sich im Schauspielstudium oder stehen kurz vor der Prüfung. In Horváths Figuren haben sie Bekanntes entdeckt: ein rechtsextremes Elternhaus oder wohlhabende Eltern gekoppelt mit sozialer Verwahrlosung, Außenseitertum oder intellektuellen Ehrgeiz. „Die jungen Darsteller haben die Figuren mit ihren eigenen Erfahrungen lebendig gemacht,“ erzählt Tina Müller, die gemeinsam mit ihnen Horváths Text überschreibt. „Alles ist trotzdem Fiktion. Sie spielen ihre Version der Horváthschen Jugendlichen“.

In der neuen Fassung wird etwa aus der radikal denkenden Figur N. – bei Horváth hat sie eine große Nähe zum nationalsozialistischen System – ein modernes Mädchen im rechts-konservativen Milieu. Horváth entwarf die Charaktere nur skizzenhaft und gab ihnen Buchstaben, keine Namen. Am Gorki bekommen sie nun Gesicht und Tiefe.

Aber auch wenn hier ­junge Menschen ihre Situation thematisieren, sind – wie schon bei „Verrücktes Blut“ – eher Erwachsene die Zielgruppe. „Die Erwachsenen sind ohne Gott, nicht die Jugendlichen“, glaubt Nurkan Erpulat. „Und Gott steht für vieles: Für den abendländisch-christlichen Gedanken, für das Gewissen und irgendwann für den Lehrer selbst.“ Der ist nämlich überwiegend abwesend und tritt erst zum Ende der Gerichtsverhandlung in Gestalt von ­Gorki-Schauspieler Denis Geyersbach auf.

„Jugend ohne Gott“ ist die letzte Premiere im Maxim Gorki Theater vor der Schließung der großen Bühne. Sie wird von Mai bis September wegen Erneuerung der Bühnentechnik nicht bespielbar sein. So gibt es nur kurz die Chance, ein Stück zu sehen, das genau in unsere Zeit zu passen scheint, in der viele Jugendliche – siehe Fridays for Future – politisch aktiv werden. 

12.+ 13.4., 26.4., 19.30 Uhr, Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, Mitte. Regie: Nurkan Erpulat; mit Yusuf Çelik, Lara Feith, Denis Geyersbach u.a., Eintritt 10–38, erm. 10 €