Westbams Club-ABC

W wie Wabe

1990 war ein besonderes Jahr in der Berliner Clublandschaft. Die Mauer war gefallen, aber sonst sah es noch so aus wie vorher. Mit einer einfachen Taxifahrt über die Grenze konnte man in eine komplett fremde Welt gelangen, und ich nahm diese Möglichkeit relativ häufig wahr. In jenen Tagen besuchte ich immer wieder die Wabe, ein Kulturhaus im Oktagon-Format auf dem Gelände einer ehemaligen Gasanstalt. Dort war seinerzeit der Donnerstag der coole Tag, da trafen sich die Ostberliner Bohemiens.

Ich erinnere mich an eine einzigartige Stimmung, die man so nie mehr erleben sollte. Der Geist der Befreiung war überall spürbar, nichts war definiert. Im Wabe-Stammpublikum herrschte eine gewisse Verwirrung und Unklarheit über die Zukunft, die wurde in dem funktionalen Bau aber einfach weggefeiert. Immer und immer wieder lief „All Together Now“ von The Farm. Alle sangen mit und ich fragte mich damals, wie der Refrain wohl zu verstehen war: „All together now/ In no man’s land together“. Niemandsland, das war richtig: Es gab die DDR noch und es gab sie schon nicht mehr. Doch „alle zusammen“? War das nun ausgelassen-fröhlich? Sarkastisch-trotzig? Stramm sozialistisch? Oder doch eher ironisch? „Der Zukunft zugewandt“?
Es wird wohl ein Mix aus allem gewesen sein,  denn allen Anwesenden war klar, dass nichts mehr so sein würde wie vorher, und dass sich die Zukunft erst noch würde weisen müssen.

Vor ein paar Tagen war ich in der Gegend und entdeckte die Wabe wieder. Sie hat als buntes Kulturhaus überlebt.

 

Zeitpunkt des Besuchs: 1990
Adresse des Ladens: Danziger Str. 101, Prenzlauer Berg
Typischer Tracks: „All Together Now“ von The Farm

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