Sommer im Museum

Als die Damen die Wanderlust entdeckten

Trotz konventioneller Hängung: „Wanderlust“ in der Alten National­galerie bietet unkonventionelle Einsichten in ein großes Thema der Malerei

Lässig auf einen Wanderstock gestützt, mit weißem Hut und in bequemer Kleidung, wenn auch noch im obligatorisch langen Rock, steht die „Bergsteigerin“ (1912) vor einer in expressiven Farben leuchtenden Landschaft. Ihr Körper ist dem Betrachter zugewandt, während ihr Blick in die Landschaft geht und ihr kühnes Profil betont. Ihre hagere Figur strahlt Kraft aus, die fließende Pose Dynamik.

Jens Ferdinand Willumsen Bergsteigerin, 1912 Öl auf Leinwand, 210 x 170,5 cm Statens Museum for Kunst, Kopenhagen © Statens Museum for Kunst, Kopenhagen

Frauen zu Berge

Anfang des 20. Jahrhunderts gehörte die Gattin des dänischen Landschaftsmalers Jens Ferdinand Willumsen noch zu den wenigen Frauen, die wanderten. Dem weiblichen Geschlecht war das schicklichere Spazieren vorbehalten. Ihr Porträt ist das Auftakt- und Schlusswerk der neuen Ausstellung „Wanderlust“ in der Alten Nationalgalerie. In der rund 120 Exponate umfassenden Schau zeigt Kuratorin Birgit Verwiebe, wie sich das Freizeitvergnügen etablierte.

Von den Anfängen im späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart führt sie Gemälde, Skulpturen und Zeichnungen zumeist männlicher Künstler, darunter Gustave Courbet, Otto Dix und Ferdinand Hodler, zusammen. Die einzigen vertretenen Künstlerinnen sind die Malerin Sella Hasse und die Sängerin Björk. Ausschlaggebend für die Konzeption war die Zusage der Kunsthalle Hamburg 2016, Caspar David Friedrichs berühmtes Bild „Wanderer über dem Nebelmeer“ (1817) erstmals in Berlin zeigen zu dürfen. Danach wurden europaweit Exponate bis in die staatliche russische Tretjakow-Galerie angefragt. Leitmotiv in den Werken sind Stock und Hut, die treuen ­Begleiter des einsamen Wanderers.

 

Bilder

Da Verwiebe die Werke nicht chronologisch, sondern thematisch ordnete, gelingt es ihr, zeitüberdauernde Phänomene zu zeigen. So hängen im Kapitel „Entdeckung der Natur“ Karl Friedrich Schinkels „Felsentor“ (1818) und Ernst Ludwig Kirchners „Sertigtal“ (1926) in Farbgebung und Stimmung spannungsvoll nebeneinander.
Einen intimen Einblick in die Schaffensprozesse geben drei Räume, die den „Arbeiten auf Papier“ gewidmet sind. Dort hängen Skizzen der Künstler und liegen in Vitri­nen Reiseberichte, Lieder sowie Gedichte zum Thema. Die Beschriftungen weisen auf die wechselseitige Inspiration hin. So regten die bildhaften Reiseberichte Alexander von Humboldts den englischen Poeten William Wordsworth an, der stets im Gehen dichtete.

 

© Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Jörg P. Anders
Anselm Feuerbach Zwei Damen in der Landschaft, 1867 Öl auf Leinwand © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Jörg P. Anders

Internationalisierung der „Wanderlust“

Wie sich das Wandern etablierte, erläutern die Begleittexte und der reich bebilderte Katalog. Schlüssig werden Parallelen zwischen der Französischen Revolution und der fortschreitenden Industrialisierung gezogen, die eine Hinwendung zur Natur bewirkten, auch bei Philosophen wie Jean-­Jacques Rousseau und Schriftstellern wie Theodor Fontane. Der deutsche Begriff „Wanderlust“ hat sich nach 1902 in den englischen Wörterbüchern verewigt: Die Sehnsucht nach Natur internationalisierte sich.

Heute versuchen erneut viele Menschen, sich angesichts von Nachrichten über Kriege und Krisen, der Digitalisierung und Verstädterung auf einem geruhsamen Waldspaziergang zu entschleunigen. Und so macht diese Ausstellung Lust auf einen Ausflug. Doch vielleicht tut man es auch dem Wanderer in der „Taunuslandschaft“ (1890) von Hans Thoma gleich – legt sich auf eine Anhöhe und schaut den Wolken beim Wandern zu. 

Bis 16.9.: Alte Nationalgalerie, Bodestraße, Mitte, So–Di 10–18, Do 10–20 Uhr, Eintritt 8/erm. 4 €, bis 18 J. frei