Love and Hate

War die Wegbassen-Demo politisch?

Jede Party ist politisch

Ich liebe Technodemos. Wenn eine bunte Meute feiernd an Menschen vorbeizieht, die maschinenmäßig ihren Alltag abarbeiten. Es ist ein absurder Kontrast, der zeigt: Es geht auch anders. Bei der AfD-Demonstration Ende Mai tanzten 25- bis 72.000 Menschen für die Freiheit. Die Rechten tanzten nicht.

Und die Aussage? Na, die steht vorne auf dem Musiktruck. Und allein die Zurschaustellung von Lebensfreude ist doch schon eine politische Demonstration. Ist es nicht ziemlich offensichtlich, wofür das steht? Liebe, Freiheit – und Kommunismus natürlich, wenn man es mal fertig denkt. Denn wenn wir tanzend durch die Straßen Berlins ziehen, sind wir ein Kollektiv, ein Wesen mit tausenden Beinen und einem Willen: Bass. Tanzen ist ein Angriff auf die eingeschriebenen Bewegungsstrukturen. In der Öffentlichkeit tanzen zu dürfen, ist keine Selbstverständlichkeit, für Frauen erst recht. Es ist ein Gradmesser für das Maß an individueller Freiheit, das eine Gesellschaft erlaubt. Wir sollten dieses Recht sichern, indem wir es nutzen.

­Redakteur Martin Schwarzbeck will die Revolution. Und zwar eine, zu der man tanzen kann

Ich mag auch technofreie Demos. Aber Sprechchöre gruseln mich. Es klingt irgendwie immer, als wolle da jemand den totalen Krieg absegnen. Wir, die da tanzen, wir wollen unseren Spaß. Wir tanzen gegen die AfD, Mietenwahnsinn, Atomkraft – und für das schöne Leben. Es ist traurig, dass viele junge Menschen so unpolitisch geworden sind. Das Tanzen kann ein Einstieg sein, der Demorave ein erster Schritt zum tieferen Engagement. Und wer jetzt an die armen Anwohner solcher Demonstrationen denkt: Um gehört zu werden, müssen wir laut sein. Tut uns nicht leid.


Wegbassen ist zu wenig

Die erste Demo meines Lebens habe ich verschlafen. Das war am 26. Juni 1963 und es ging um nichts Geringeres als die Freiheit. Der amerikanische Präsident John F. Kennedy war zum ersten Mal seit dem Bau der Mauer nach Berlin gekommen und hatte in seiner Rede den Eingeschlossenen seine Solidarität vermittelt. Und ich schlummerte gegenüber vom Rathaus Schöneberg Ecke Belziger Straße im Kinderwagen.

Später wurde ich als Sohn eines sozial­demokratischen Arbeiters mit zu den 1.Mai-Demos genommen, auf denen es um Lohngerechtigkeit und bessere Arbeitszeiten ging. Als ich selbst politisiert wurde, drehte sich alles um Umweltschutz, Verkehrsplanung und Baupolitik. Es ging ­darum, wie man das Leben in dieser Stadt organisierte. Es ging um politische Ziele, um die Zukunft.

Lutz Göllner, TV-Redakteur, war am 9. Oktober 1992 auf seiner letzten Demo. Techno erzeugt bei ihm Anfälle

In der Abendshow vor zwei Wochen waren zwei junge Frauen zu Gast, die Pfingsten kurz ein paar Häuser besetzt hatten. Auf die Frage nach ihren politischen Zielen erntete der Interviewer nur Schulterzucken. Und bei der großen Anti-AfD-Demo am vorletzten Wochenende ging es nur noch darum, die unbeliebte Partei „wegzubassen“, der Demonstrationszug auf dem 17. Juni ähnelte eher der Loveparade als einer politischen Demonstration. Kann man so machen. Dann ist es aber keine politische Auseinandersetzung mehr, sondern nur noch eine Meinung. Diese hedonistischen Tänzer wollen nichts mehr verändern, es geht ihnen nur ums persönliche Wohlfühlen. Dass sie andere damit nerven, wird billigend in Kauf genommen. Nicht etwa, dass ich verwundert wäre: Die Politik in dieser Stadt ist ja ähnlich entpolitisiert worden.

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