Geschichtsfestival

Ein Jahrhundert voller Konfliktzonen

Das Festival „War or Peace. Crossroads of History 1918/2018“ am Gorki Theater nimmt die 100 Jahre seit dem Ende des Ersten Weltkriegs in den Blick

Der Prolog zum Festival am Tag der Deutschen Einheit war ein kraftvolles Statement: Marta Górnickas Chorstück unterzog am Brandenburger Tor mit einem sehr heterogenen Ensemble unser Grundgesetz einem „Stresstest“ – Foto: Friedhelm Teicke

Text: Tom Mustroph

Das Gorki ist immer wieder für Überraschungen gut. Für sein neues Festival wirbt das politisch links verortete Theater ausgerechnet mit einem Zitat des Faschisten Benito Mussolini. „Die ganze Welt bebt. Alle Kontinente sind durch dieselbe Krise gezeichnet. Es gibt keinen Teil des Planeten,… der nicht durch einen Orkan erschüttert wird. Im alten Europa verschwinden Menschen, Systeme brechen zusammen, Institutionen kollabieren“, schrieb 1918 der Mann, der später als erster Faschistenführer in Europa an die Macht kam.

„Wir fanden es spannend, wie ausgerechnet dieser Prototyp eines Faschisten die globale Dimension des Ersten Weltkriegs erfasst hat, wie global und gleichzeitig nationalistisch er gedacht hat“, begründet Gorki-Dramaturg Mazlum Nergiz die verblüffende Wahl des Motto-Gebers. Das Krisenbewusstsein des italienischen Chef-Faschisten ist zugleich ein Hinweis, wie nah 1918 und 2018 beieinanderliegen. Europa zerbröckelt auch jetzt, Nationalismus und Rassismus erobern Straßen und Parlamente, Köpfe und Internet-Foren. Nur Letzteres, die Internet-Foren, sind eine neue Plattform.

Ein kritischer Rückblick auf die vergangenen 100 Jahre ist also hochspannend. Die Gorki-Truppe sieht diese Zeit vor allem als eine Abfolge von Kriegen und schwelenden Konflikten. „War mit der Unterzeichnung des Versailler Vertrags 1919 tatsächlich Frieden hergestellt oder war das nicht der Beginn weiterer Konflikte, in Osteuropa mit den ethnischen Säuberungen, im Nahen Osten mit dem Sykes-Picot-Abkommen?“, fragt Jens Hillje, Co-Intendant des Gorki, und beantwortet die selbstgestellte Frage mit Ja.

„War or Peace“ legt deshalb auch die lieb gewonnene Erzählung vom „langen Frieden“ seit 1945 beiseite und stochert in zahlreichen Konfliktherden herum. Natürlich künstlerisch. Eine Art Prolog machte bereits der vielstimmige Chor von Marta Górnicka, der am 3. Oktober vor dem Brandenburger Tor die ersten Artikel des Grundgesetzes vortrug. Ab dem 16. Oktober geht es im Theater selbst weiter.

Zentrales Thema ist dabei das frühere Jugoslawien. Die im letzten Jahr beim Festival in Avignon gefeierte Produktion „Memories of Sarajevo“ weist in einem parallel geschalteten Reenactment auf die Gleichzeitigkeit der Gründung der Europäischen Union und der Belagerung Sarajevos hin (16.10.). Die einen vereinigten sich 1993 unter goldenen Sternen auf blauem Grund, während auf dem selben Kontinent andere einander nach dem Leben trachteten. „Memories of Sarajevo“ holt den verdrängten und dunklen Teil der EU-Gründung wieder hervor – und erinnert zugleich daran, dass der Erste Weltkrieg im Attentat von Sarajevo seinen Auslöser hatte.

Mit dabei: Oliver Frljićs „Damned be the Traitor of his Homeland!“, ein humanistisches Plädoyer, rund um Liebe und Hass – Foto: Nada Žgank / exodos

Alles miteinander verbunden also. Auf die Balkankriege blickt während des Festivals auch der für seine drastische Herangehensweise bekannte slowenische Regisseur Oliver Frljic zurück („Damned be the Traitor of his Homeland!“, 25. + 26.10.). Multiperspektivisch ist der Versuch türkischer, bulgarischer und griechischer Theatermacher, gemeinsam auf die Vertreibungswellen in ihren Ländern zwischen 1913 und 1923 zu schauen („Haunted Houses“,19. + 20.10.).

Weitere Konfliktzonen sind Georgien („After Party / After Life“ von Data Tavadze) und Tansania: In „What happened here“ (beide 16. + 18.10.) sucht Kathleen ­Bomani Schauplätze des Stellvertreterkriegs deutscher und britischer Kolonialherren während des Ersten Weltkriegs in Tansania auf.

Eine Reflektion über Möglichkeiten und Grenzen des politischen Engagements von Künstlern stellt Hans-Werner Kroesinger mit seinem Reenactment des Internationalen Schriftstellerkongresses zur Verteidigung der Kultur aus dem Jahre 1935 an in „Kultur verteidigen“, 16., 18., 19. + 21.10.). Großschriftsteller vieler Länder warnten damals in Paris vor dem Faschismus. Manch ein Teilnehmer mag wenige Jahre später beim Versuch, vor der einrückenden Wehrmacht zu fliehen, in den Pyrenäen ums Leben gekommen sein, andere wie Isaak Babel starben im sowjetischen Gulag – Ohnmachtserfahrungen, die zum Lernen verpflichten.

„War or Peace“ wird keine neuen perfekten Lösungsversuche anbieten. Aber das Festival entzieht sich der tagespolitischen Aufgeregtheit und schält historische Bruchlinien heraus. Kernanliegen der theatralen Aufarbeitung bleibt dabei immer, wie Zusammenleben gerade im Begreifen gegensätzlicher Positionen gelingen kann. Da hilft vielleicht sogar das Krisengespür eines gewissen Benito M. 

16.–27.10., Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, Mitte. Eintritt je nach Veranstaltung 0–38, erm. 0–8 €
www.gorki.de/de/war-or-peace-crossroads-of-history