Was mich beschäftigt:

Warum ich manchmal petze

Angefangen hatte es vor etwa vier Jahren. Ich stand an einer Haltestelle und wartete auf den Bus. Da fuhr ein rotes Auto vorbei, hielt etwa 50 Meter weiter an einem Straßenbaum. Zwei Männer stiegen aus, öffneten den Kofferraum, nahmen einen alten Röhrenfernseher heraus, stellten ihn auf die Baumscheibe – und düsten davon.

Zum ersten Mal hatte ich zwei der gefühlt vielen tausend Leute gesehen, die ihren Müll einfach so in die Stadtlandschaft von Berlin abladen. Dabei hätten die Typen mit ihrem Auto ganz locker einen der vielen Recyclinghöfe der BSR ansteuern können. Dort wird Sperrmüll kostenlos entgegen genommen.

Bevor die beiden Männer ganz verschwunden waren, hatte ich mir das Autokennzeichen notiert. Und rief das zuständige Ordnungsamt an, um den Vorfall zu melden. Alles andere wäre mir wie klammheimliche Kumpanei mit diesen Müll-Deppen vorgekommen. Ich habe die beiden Männer also verraten. Petzen nannte man das früher in der Schule. Und das war in etwa so beliebt wie Fußpilz.

Doch warum gilt Petzen als so unsympathisch? Warum toleriert man, bloß um nicht als Petze zu gelten, Leute, die zwar einerseits einigen Aufwand betreiben, um sich mit Konsumgütern auszustaffieren? Denen aber jede Mühe zuviel ist, ihr später ausrangiertes Zeug so loszuwerden, dass es andere nicht stört oder es gar schadet? Warum flucht man nur vor sich hin, wenn etwa die neu geschaffenen Fahrradrouten in der Stadt von ignoranten Autofahrern als willkommene Parkzonen wahrgenommen – und andere Verkehrsteilnehmer gefährdet werden? Warum schämen sich eher Leute, die die Einhaltung von Regeln wünschen? Und nicht diejenigen, die auf Kosten aller ihre Ego-Stiefel durchziehen?

Vielleicht, weil petzen, also etwas einer übergeordneten Stelle zu melden, bis heute untrennbar mit Kindheit und Schule verbunden ist: Gegen die Allmacht von einst strengen Eltern und Lehrern mussten Kinder zusammenhalten. Wie man übrigens auch bei Unrecht–Regimes, die ihre „Ordnung“ nach Gutdünken  und oft mit unmenschlichen Folgen aufrecht erhalten, lieber still schweigt, als andere in ein schlechtes Licht zu rücken. Eine Demokratie dagegen lebt davon, dass man Anteil nimmt. Nicht wegguckt, wenn Schwache von Stärkeren getriezt werden. Oder, wenn gemeinsam geschaffene Regeln des guten Zusammenlebens notorisch missachtet werden.

Eva Apraku
In dieser Rubrik stellen sich ZITTY-­Autoren große und kleine ­Gewissensfragen. Dieses Mal: Redakteurin Eva Apraku
Foto: Harry Schnitger

Natürlich spreche ich andere lieber persönlich an, bevor ich – was übrigens recht mühsam ist – die Melde-Keule zücke. Wie wirkungsvoll Ansprache und Kritik auf Dauer sind, zeigt die wachsende Zahl an Hundehaltern, die inzwischen ganz selbstverständlich den Kot ihrer Tiere wegschaffen. Oft aber sind die Verursacher des Ärgers – etwa die Halter von Autos, die Radstreifen blockieren – gar nicht anwesend. Da kann das „Feedback“ über eine Meldung beim Ordnungsamt helfen: Der Verursacher bekommt mittels des – oft überraschend niedrigen – Bußgeldes mit, dass sein Verhalten eben nicht total egal ist. Und die Behörde erfährt – wie zuletzt in einer Statistik, nach der wild abgeladener Müll in Berlin am häufigsten gemeldet wird – welche Probleme angegangen werden müssen. „Pfand auf alles“ könnte ein Weg sein. Stets „Laisser-faire“ ist keiner. Denn viel schlimmer als mögliche Bußgelder sind dubiose Parteien, die genervten Bürgern versprechen, im großen Stil „endlich mal Ordnung“ zu schaffen.