1968

Was, bitte, war 1968?

50 Jahre nach 1968 thematisiert kaum ein Berliner Haus die Studenten­bewegung. Zwei große Ausstellungen zeigen wenigstens Kunst der Zeit: Das Haus der Kulturen der Welt die Situationistische Internationale in Paris und der Neue Berliner Kunstverein den Antwerpener Projektraum A 37 90 89

Die Berliner Kunstszene ist derzeit nicht für politisches Engagement bekannt. Beispielsweise hat es bisher nur zwei ­nennenswerte Ausstellungen zum Thema Rechtspopulismus gegeben, ebenso zur Klimakatastrophe. Als positive Ausnahme können der Projektraum Savvy Contemporary, die Neue Gesellschaft Bildende Kunst, das Haus der Kulturen der Welt, das Bethanien und der DAAD genannt werden. Zwar gibt es alle zwei Jahre ein Festival für politische Kunst, den „Berliner Herbstsalon“, doch bezeichnenderweise wird es vom Gorki-Theater und nicht von einer Kunstinstitution veranstaltet.

© Jens Ziehe / nbk
Ansicht der Ausstellung „A 37 90 89“, wie der Titel gebende, 1968 gegründete Projektraum in Antwerpen hieß © Jens Ziehe / nbk

So verwundert es nicht, dass auch das 50-jährige „Jubiläum“ der Studentenrevolte kaum Anlass ist für größere Ausstellungen, die die „68er“ und ihren Einfluss auf das ­gesellschaftspolitische Leben reflektieren. Die Auseinandersetzung findet eher außerhalb des Betriebes für zeitgenössische Kunst statt, etwa im Bröhan Museum mit der Ausstellung „Das französische Graphikerkollektiv Grapus – 2 x 68“, in der das Werk des links orientierten Gestalterkollektivs ­vorgestellt wird. Grapus lehnte damals Werbeaufträge ab und arbeitete stattdessen im Sinn einer radikalen Kapitalismuskritik und ­engagierten Friedensbewegung.

Vietnam – Paris – Berlin

Kurzer Geschichtsunterricht: 1968 fanden die Proteste gegen den Vietnam-Krieg in den USA ihren Höhepunkt. In Frankreich besetzten Studierende die ­Sorbonne, was zu Straßenschlachten während des „Pariser Mai“ führte. In Deutschland wurde Rudi Dutschke, einer der Wortführer der Bewegung, bei einem Attentat in Berlin lebensgefährlich verletzt, 1979 starb er an den Spätfolgen. Der Kampf der linksgerichteten Bewegungen wirkt bis heute nach, hat vor allem das Verhältnis vieler Menschen zu Staat und Autorität emanzipativ verändert.

Im Jahr 1969 wurde der Neue Berliner Kunstverein gegründet. Doch auch dessen Team nimmt das 50. ­Jubiläum nicht zum Anlass, den „68ern“ eine Ausstellung zu widmen. Stattdessen feiert es mit der Ausstellung „Die Erfindung der Neo-Avantgarde“ den 49. Geburtstag des niederländischen Projektraums A 37 90 89, der als wegweisend für die Entwicklung der Off-Spaces in Europa gilt. Auch wenn die Arbeit von A 37 90 89 von institutionskritischen, wenn man so will antiautoritären Impulsen geprägt war, stellt die Ausstellung letztlich doch nur ein kunstinternes Phänomen vor, wie bereits ihr Titel verdeutlicht. Immerhin sind in ihrem Rahmen Filme zu sehen, die Aktionen von Mitwirkenden des A 37 90 89 zu Themen wie Vietnam-Krieg, Neokolonialismus in Südamerika und Rassismus dokumentieren.

Kunst und Porno

Im Haus der Kulturen der Welt zumindest gibt es eine intelligente und sehenswerte Auseinandersetzung mit dem Thema „1968“: die Ausstellung „The Most Dangerous Game“. Die fulminante Präsentation beleuchtet den Weg der Situationistischen Internationale (SI) hin zum „Pariser Mai“. Die Situationistische Internationale, eine sich als „revolutionäre Front in der Kultur“ verstehende Künstlergruppe unter der Führung von Guy Debord, formulierte ­entscheidende Anliegen der Studentenunruhen bereits Ende der 50er-Jahre, etwa die Kritik am Warencharakter der ­Gesellschaft, der alle Bereiche des Lebens im Kapi­talismus bis zu Liebesbeziehungen dominiere. Konsequenterweise ­versuchten die Situationisten sogar, die Kunst, deren Werke ebenfalls Waren sind, zugunsten der politischen Aktion abzuschaffen, trennten sich daher 1962 von allen Mitgliedern, die noch künstlerisch arbeiteten. Ende der 60er-Jahre aber musste die Gruppe erkennen, wie ihre revolutionären Anliegen affirmativ vom System geschluckt wurden, wie etwa die Pornoindustrie ihre Vorstellung von einer „tabufreien Sexualität“ gewinnbringend ausschlachtete.

Die Situationisten hatten ein aus heutiger Sicht problematisches Verhältnis zu Porno und Frauen: Panamarenko : „Molly Peter“s, 1966 / Assemblage (Polystyrol, Fell, Nadelarbeit) Courtesy Collection Agnes & Frits Becht; Foto: Laura Fiorio / HKW

Die Ausstellung gliedert sich in drei ­Teile, die in von Stellwänden getrennten Fluren ausgebreitet werden. Der erste Teil zeigt historische Dokumente zur Entwicklung der SI in Vitrinen und an einer Wandseite. Gleichsam als Barriere dient dieser Part, der eine bloß ästhetische Betrachtung der Arbeit des SI verhindern soll. Der zweite Teil stellt die kapitalistische Warenwelt, hier in Form eines tapezierten Versandhauskatalogs, einer Collage gegenüber aus revolutionären Graffiti, Filmplakaten, Zeitungsseiten und Fotos der Pariser Polizei von den ­Unruhen des ­„Pariser Mai“. Erst abschließend hängt dann Kunst der SI-Mitglieder: Gemälde von Asgar Jorn, Guy Debord und HP Zimmer etwa und kollektiv gemalte Bilder, die den Mythos des Geniekultes ­demontieren sollten.

Bis 10.12.: The Most Dangerous Game. Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, Tiergarten, Mi–Mo 11–19 Uhr,
Bis 27.1.: A 37 90 89. Neuer Berliner Kunstverein, Chausseestr. 128/129, Mitte, Di–So 12–18, Do 12–20 Uhr, Eintritt frei

Korrigierte Fassung vom 23. Oktober 2018

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