Berlin

Was essen wir morgen?

Es ist schon paradox. Während draußen im Grünen die Bauern und ihre Interessensverbände an  der Industrialisierung der Landwirtschaft arbeiten, wächst in der Stadt die Sehnsucht nach dem Mutterboden unter den Fingernägeln. Überall urbane Gärtner, kooperative Landwirte, Hunger auf Veränderung. Die Zukunft unserer Ernährung hat bereits begonnen. Wir haben uns auf den Weg zu ihr gemacht

Henne oder Ei? Die industrielle Tierhaltung…
Foto: PETA

Vor gut einer Woche ist Hendrik Haase, Wurstblogger, Food-Aktivist und einer der Gründer der Kreuzberger Metzgerei Kumpel & Keule, mit dem Taxi nach Hause gefahren. Ob er denn ein Hobby habe, hat ihn der Taxifahrer gefragt. Er, also der Taxifahrer, würde ja gerne gamen.

„Ah, was denn?“
„Landwirtschaftssimulator“
„Oh, so richtig mit Schweinen und Kühen und so?“
„Mit Schweinen, Kühen und Hühnern und mit Feldern und Äckern und vielen dicken Maschinen.“
„Leben denn die Schweine draußen auf der Weide?“
„Nee, die stehen im Stall.“
„Ah, im Stall also.“
„Und zu Weihnachten habe ich mir jetzt so ein Joy­stick-Lenkrad gekauft, da kann ich die ganzen Traktoren, den Mähdrescher und den Vollernter jetzt richtig echt steuern.“

Die Ironie dieser Geschichte: Haase kam gerade aus Halle zurück, wo er vor Studierenden der Agrarwissenschaften gesprochen hatte. Und auch die hatten, während der Mittagspause bei Aufbackpizza in der Cafeteria, nur dieses eine Thema: die dicken Maschinen und mit welcher Software sich die am besten steuern lassen.

Stadt-Land-Gefallen

„Und dann“, rekapituliert Haase seinen Ausflug an die Universität, „steht so ein Trachtenjankerl vom Bauernverband vor den Studierenden und erzählt, dass diese ein noch dickeres Fell und noch größere Boxhandschuhe bräuchten, um sich gegen die ganzen Gutmenschen und Veganer aus der Stadt zu wehren, die die Landwirtschaft nur noch als Feind sehen würden. Ich habe dann gesagt, dass wir in der Stadt die Bauern schon noch gerne als unsere Freunde hätten. Nur müssten uns die Bauern halt schon die Chance geben, sie wirklich als Bauern zu erleben, und die Tiere als Tiere und die Landschaft als eine vielfältige, kleinteilige Kulturlandschaft, nicht nur monochromes Energiemaisgelb.“

… wird vielleicht nicht gern gesehen, aber an der Supermarktkasse gleicht dann doch wieder ein Ei dem anderen
Foto: Reinhard Sandbothe/Flickr/CC BY-ND 2.0

Es ist aber auch paradox. Während draußen im Grünen die Landwirte und ihre Interessensverbände weiterhin an einer Industrialisierung der Landwirtschaft arbeiten – größer, weiter, digitaler, chemikalischer – wächst in der Stadt die Sehnsucht nach dem Mutterboden unter den Fingernägeln. Ehrliches Gemüse, ehrliche Arbeit. Überall urbane Gärtner, kooperative Landwirte, Marktschwärmer und Stadtimker. Hunger auf Veränderung.

Ein Dach über dem Feld

Eike Wenzel hat da ein anderes Bild von der Zukunft der Landwirtschaft. Er, der Trend- und Zukunftsforscher, der mit der Wortschöpfung der Lohas, des Lifestyle of Health- and Sustainability, einen Scoup gelandet hatte und seitdem als Fachmann für die Symbiose des Angenehmen mit dem Ökologisch-Revolutionären gilt. Auch Wenzel mag den Demeter-Bauernhof im Dorf vor der Stadt – „für die ethische und handwerkliche Aufrichtigkeit und sowieso für das leckere Gemüse“. Geht es aber ums Große und Ganze, schwärmt er etwa für das holländische Unternehmen Koppert Biological Systems, das Marienkäferlarven und Würmer erfolgreich als natürliche als Alternative zu Pestiziden vermarktet. Oder für das amerikanische Startup Plenty, das Vertikal Farming, diese urbane Indoor-Landwirtschaft, wörtlich nimmt.

Stadtacker: Die ECF-Farm in der Malzfabrik in Schöneberg ist Berlins prominentestes Indoor-Farming-Projekt
Foto: ECF Farmsystems Berlin

Kräuter oder Grünkohl wachsen nicht mehr gestapelt in Regalen, sondern tatsächlich die Wände hoch, was sich als deutlich effizienter zu erweisen scheint. In Berlin haben sich mit Infarm und ECF in der Malzfabrik in Schöneberg – im aquaponischen Nährstoffkreislauf wird dort etwa Basilikum angebaut und der Hauptstadtbarsch gezüchtet – zwei Indoor-Farming-Projekte etabliert.

„Eigentlich“, so Wenzel, „bräuchten wir zwei intakte Erden, um alle Menschen satt zu machen.“ In China habe Indoor-Farming neben Solarenergie und E-Mobilität deshalb bereits den Status einer Schlüsselindustrie. Denn durch die zunehmende Verstädterung hat China seit den 1990er-Jahren fast zehn Prozent seiner landwirtschaftlichen Nutzflächen verloren. Das große globale Dilemma: Die Stadt muss nicht nur satt werden, sie beraubt sich gleichzeitig der Räume dafür. 1955 haben weltweit erstmals mehr Menschen in Städten als auf dem Land gelebt. 2045 werden drei Viertel der Weltbevölkerung in urbanen Ballungsräumen zu Hause sein.

Schwärmen für die Bienen: Stadtimker über den Dächern Berlins
Foto: Oliver Wolff

Das deutsche Startup Neofarms will das Vertical Farming noch näher an die Konsumrealität heranrücken – und den Gemüseanbau in Kühlschrankgröße in der heimischen Küche installieren. Ob das der richtige Weg ist? Zumindest liegt es deutlich näher als jene 9.000 Kilometer, die eine Möhre aus Südafrika bis nach Europa braucht.

2015 hat Berlin, wie weltweit inzwischen 160 weitere Metropolen, den Milan Urban Food Policy Pact unterzeichnet. Und sich verpflichtet, sämtliche Fragen der Stadtentwicklung künftig auch dahingehend zu überprüfen: Wie wird die Stadt satt? Wie kann die gesamte Stadtgesellschaft an einer ausgewogenen und fair erwirtschafteten Ernährung partizipieren?

Großmarkt Neun

Eine Antwort auf diese Frage wird gerade in der Beusselstraße visioniert. Auf dem Gelände des Berliner Großmarktes planen die Betreiber der Kreuzberger Markthalle Neun den Großmarkt Neun: einen Innovationsort für eine neue lokale Lebensmittelkultur, Drehkreuz für kleine brandenburgische Erzeuger, Produktionsstätte für junge Berliner Unternehmen und Plattform für die Diskurse und den Wissenstransfer rund um die Fragen der Stadternährung. Florian Niedermeier von der Markthalle Neun verweist auf das ähnlich positionierte, global besprochene Madhus in Kopenhagen. Und darauf, dass Berlin nicht nur die Verpflichtung, sondern auch die Chance habe, sich als innovativer Lebensmittelort neu zu erfinden: „Es geht auch um Arbeitsplätze aus einer lokal verankerten Mittelstandswirtschaft und die Stärkung regionaler Wirtschaftskreisläufe.“

Die Ernährungswirtschaft ist noch immer einer der wichtigen Wirtschaftszweige Deutschlands: Zwölf Prozent aller Erwerbstätigen erwirtschaften gut sieben Prozent der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung. Dass diese oft prekären Beschäftigungsverhältnisse eine neue Wertschätzung erfahren, auch darum geht es dem gesamtgesellschaftlichen Projekt einer neuen Ernährungsrealität. Dass die Beschäftigung mit dem täglich Brot auch zum vernünftigen Broterwerb taugt. Und dass die Lebensmittelproduktion, auf den Bauernhöfen wie in den handwerklichen Manufakturen, eine unmittelbare Erfahrung bleibt. Deshalb machen sich am Samstag anlässlich der „Wir haben es satt“-Demo rund 20.000 Menschen auf den Weg zu einer neuen Lebensmittelkultur.


Wir haben es satt!

Am 20. Januar demon­strie­ren Bauern und bewusste Konsumenten gegen die Agrarindustrie. Die Termine rund um die Demo im Überblick

„Die Akte Glyphosat“ – Lesung und Gespräch

Was die Zulassungsverlängerung von Glyphosat bedeutet, wird bei dieser Buchvorstellung mit Diskussion erläutert.
Mi, 17.1., 17 Uhr, Heinrich-Böll-Stiftung, Schumannstr. 8, Mitte

Naturschutzjugend NAJU: AK Politik und Demo

Flyer und Plakate basteln + Diskussionsforum
(Anmeldung erforderlich).
Fr, 19.1., 17 Uhr, Karlplatz 7, Mitte

7. Schnippeldisko

1,5 Tonnen nicht mehr marktfähiges Gemüse wird unter musikalischer Begleitung zu einer Suppe verarbeitet, die am nächsten Tag den Aktivisten kredenzt wird.
Fr., 19.1. 18 Uhr, ZK/U, Siemensstr. 27, Moabit

Der Agrarindustrie die Stirn bieten!

Auftaktkundgebung der „Wir haben es satt!“- Demonstration. Nach Reden startet der Demozug um 11.30 Uhr zur internationalen Agrarministerkonfeenz.  Kochtopf nicht vergessen – um Lärm zu machen.
Sa., 20.1., 11 Uhr, Hauptbahnhof, Washingtonplatz, Mitte

Lärm gegen Massentierhaltung

Kochtopf-Konzert am Wirtschaftsministerium
(Kochtöpfe können im Vorfeld in der Markthalle 9 als Spende abgegeben werden).
Sa., 20.1., ab ca.12.30 Uhr , Bundesministerium für Wirtschaft, Invalidenstr. 9, Mitte

Supp’n Talk

Kurzpräsentationen, Workshops und die Suppe aus der Schnippeldisko.
Sa, 20.1., 15–19 Uhr, Heinrich-Böll-Stiftung, Schumannstr. 8, Mitte