Was mich beschäftigt

Was ist das Problem am Müll?

Müll ist in Berlin derzeit das größte Thema. In Neukölln und Mitte jagen Müllsheriffs die Nutzer illegaler Sperrmülldeponien. Der Senat will Ende Mai eine „Gesamtstrategie Saubere Stadt” vorlegen. Eine Studie zeigte kürzlich, dass sich fast jeder über Straßenmüll aufregen kann.

Ich finde es schade. Ich mag Müll. Er ist ein Schutzwall, vielleicht der letzte, der Berlin vor der totalen Gentrifizierung bewahrt. Er bremst Aufwertung und Verdrängung. Schicke Investoren kaufen lieber in sauberen Gegenden.

Früher haben die Autonomen vor Straßenschlachten oft dazu aufgerufen, Sperrmüll rauszustellen – um damit Barrikaden zu errichten. Müll ist ein urberliner Phänomen. Begleit­erscheinung des wilden, freien Lebens. In den Nullerjahren waren hier die Straßen voller Hundekot, Clubs, Bars und WG-Wohnzimmer mit Sperrmüll eingerichtet, um jedes heruntergekommene Stück Beton lag ein Kranz aus Spraydosen. Die räudigste Parkbank war ein romantisches Fleckchen, die vermüllteste Brache ein Abenteuerspielplatz. Heute sieht Berlin meist anders aus: Beton, Stahl, Glas, null Aufenthaltsqualität. Es ist viel Geld nach Berlin geflossen.

Der Ekel vor dem Müll ist eine typische Oberschichtsneurose. Ganz oben lebt man in steriler Umgebung. In Berlin gibt es inzwischen Essen und Partys, zu denen die Gäste ganz in weiß kommen. Es ist die Krönung der Sauberkeitsillusion. Als habe man mit den Ausscheidungen der Gesellschaft nichts zu tun. Müll zeugt von der Vergänglichkeit, vielleicht macht er deshalb so vielen Angst.

Apropos Vergänglichkeit: Es ist interessant, welches Problem gerade am intensivsten diskutiert wird – der Müll – und welches Problem das dringendste ist, das Berlin hat – die Verdrängung. Die beiden gehen nämlich Hand in Hand. Wo verdrängt wird, steht besonders viel Kram auf der Straße. Es ist oft das, was die Opfer zurücklassen mussten. Und wo die Verdrängung beendet ist, gibt es kaum Müll mehr zu sehen, der wirkt sich schließlich negativ auf die Immobilienpreise aus.

Dabei hat Müll einen wachsenden Wert. In ein paar hundert Jahren werden die Menschen alle Deponien durchwühlen, auf der Suche nach den Rohstoffen, weil die Erde endgültig ausgebeutet ist.

In dieser Rubrik stellen sich ZITTY-­Autoren große und kleine ­Gewissensfragen. Dieses Mal: ­ZITTY-Redakteur Martin Schwarzbeck
Foto: Patricia Schichl

Nur mal zur Sicherheit: Ich bin ein Umweltfreund. Ich habe kein Auto und in meinem Leben noch keinen Einweg-Kaffeebecher benutzt. Klamotten und Möbel finde ich oft auf der Straße. Und obwohl ich ihn mag, halte ich Müll für ein großes Problem. Wir müssen uns mit ihm auseinandersetzen. Bisher landet der allermeiste Müll auf Deponien oder wird verbrannt. Man könnte ihn nutzen. Aus Flaschen Häuser bauen, in Kaffeebechern Pflanzen ziehen und so weiter. So lange Müll auf der Straße liegt, wird es Menschen geben, die sich Gedanken darüber machen, wie man ihn verwerten oder gar nicht erst entstehen lassen kann. In einer sauberen Stadt hingegen fällt es leicht, das Müllproblem der Welt zu ignorieren.