Was mich beschäftigt

Darf ich Religion trivialisieren?

In dieser Rubrik stellen sich ZITTY-­Autoren große und kleine ­Gewissensfragen. Dieses Mal: ZITTY-Redakteur Philipp Wurm

Der Raum, in dem ich Entspannung finden will, ist gewöhnungsbedürftig. Zumindest für jemanden wie mich, dessen Spiritualität sich sonst auf Besuche in Fußballstadien beschränkt. An der Wand hängt ein Bild des Dalai Lama, in der Luft der Geruch von Räucherstäbchen. Hin und wieder ertönt ein Gong; anschließend wird die kosmische Harmonie beschworen.

Philipp Wurm Foto: Lena Ganssmann
Philipp Wurm Foto: Lena Ganssmann

Seit ein paar Wochen besuche ich das buddhis­tische Zentrum in einem Neuköllner Altbau. Mit anderen Berlinern übe ich hier das Meditieren, angeleitet von Buddhisten. Den religiösen Rahmen betrachte ich eher als Beiwerk. Was mich interessiert, ist die Technik der Meditation. Es geht mir um physische Prozesse: Atmen, Schweigen, Verharren. An nichts mehr denken. Abschalten. Wellness im Lotus-Sitz.

Aber darf man das überhaupt: eine Weltreligion aus Asien, die im 5. Jahrhundert vor Christus wurzelt, fürs Wohlbefinden instrumentalisieren? Deren Praktiken anwenden, ohne sie zu durchdenken und ohne einen Funken Glauben zu spüren? Eine Übernahme, bei  der ich nicht allein bin: Google-Mitarbeiter im Silicon Valley schwören auf Gehmeditationen, deutsche Manager belegen Achtsamkeitsseminare. Die „FAS“ schreibt vom „erleuchteten Angestellten“.

Das mühsam herbeimeditierte Ruhegefühl nach meinen Sitzungen weicht Fragen: Vielleicht stimmt es ja wirklich, dass ich mit meiner Schmalspur-Meditation einen Glauben trivialisiere, der in fernöstlichen Klostern einmal mit großer Hingabe entwickelt worden ist.

Der Philosoph Slavoj Žižek, ein Vermesser unseres Daseins im Spätkapitalismus, meint zu wissen, warum wir Buddha die Bude einrennen, obwohl wir von Erleuchtung weit entfernt sind. Die Menschen in den Industriestaaten wollen sich für die Leistungsgesellschaft fit machen. Das Ziel ist, „voll an der kapitalistischen Dynamik teilzuhaben und zugleich den Anschein geistiger Gesundheit zu behalten“.

Mit Blick auf den Kult ums Meditieren in westlichen Konzernen will man Žižek zustimmen. Der gepimpte Mitarbeiter bringt mehr Leistung. Das Dumme: Eine Religion wird so zum Steigbügelhalter des Kapitalismus – eines Systems, dessen Expansionsdrang der selbst auferlegten Friedfertigkeit des buddhistischen Glaubens widerspricht.

Auch für mich ist die Meditation ein Boxenstopp in einer beschleunigten Gegenwart, die zwischen Multitasking-Job, sozialen Verpflichtungen und Dauerbeziehung zum Smartphone kaum Pausen kennt. Die Frage ist, was man aus der Regeneration macht: Die Energie nutzen, um noch mehr Runden im Hamsterrad zu drehen – und damit die fernöstliche Mystik in den Dienst der Wachstumslogik stellen, so wie Žižek es beschreibt? Also etwa: Überstunden machen und nebenher einen Bestseller schreiben? Oder aber die Einkehr ins meditative Refugium zum Anlass nehmen, das Hochgeschwindigkeitsleben zu hinterfragen? Man selbst könnte ja kürzertreten – öfter mal den Laptop ausschalten, auf eine Teilzeitstelle runtergehen, eine Weltreise machen. Man könnte die Meditation sogar als Anleitung zum Widerstand begreifen.

Dieser kritische Ansatz kommt mir schlüssiger vor – in einer Zeit, in der wir ständig mit den Folgeschäden der Kapitalismus-Maschinerie konfrontiert werden, mit Burnouts und anderen Zusammenbrüchen. Wenn das Meditieren aber Wege in eine neue Lebensphilosophie weisen soll, muss es mehr sein als ein Wellness-Termin im Kalender zwischen Fitness-Studio und Kinoabend. Wenn es etwas verändern soll, muss es Tiefenwirkung erzielen.

Womöglich müsste ich mich dazu wirklich mehr mit der buddhistischen Weltanschauung beschäftigen, die Maß und Zurückhaltung predigt. Ob ich sie allerdings verinnerlichen kann, als gott- und glaubensloser Geselle? Keine Ahnung. Ich werde erst mal weiter meditieren.Vielleicht erlebe ich ja eine Erleuchtung.