Kommentar

Was mich beschäftigt: Gentrifizierung

Investoren tun, was sie wollen. Als gäbe es gegen steigende Mieten, Verdrängung und ­Wucher kein Mittel. Als wäre die Gentrifizierung eine Naturgewalt, die sich höchstens von Journalisten beschreiben und Wissenschaftlern erforschen lässt. Mehr nicht

Author: Christian Thiele (APPER)/ GFDL or CC-by-sa/2.0/de

Wenn man nach 25 Jahren wegen Eigenbedarf gekündigt wird, wenn alle drei Jahre die Mieterhöhung kommt oder der Eigentümer das Haus luxussaniert, dann zieht man als geschundener Mieter eben den Kürzeren. Beißt in den sauren Apfel oder zieht weg. Klar, man kann sich einen langwierigen Rechtsstreit mit dem Vermieter liefern und manchmal gewinnt man und bekommt eine Abfindung. Andere organisieren sich in aktivistischen Gruppierungen und malen Plakate oder gehen auf Demos. Warum nicht? Doch das sind Tropfen auf heißen Steinen und der Zustand ein Skandal!
Die Stadt als Beute ist nicht hinnehmbar. Investoren, die Gold aus Beton machen wollen, dürfen unser Leben nicht bestimmen. Sie tun es aber, das ist die Realität. Sie zerstören Kiez und Kiezkultur, nicht selten auch Existenzen. Dabei wäre die Lösung einfach: Die Politik muss einschreiten und ein strenges Gesetzespaket schnüren, das die Spekulation unterbindet und zwar ein für allemal. Ich spreche nicht von sozia­listischer Planwirtschaft, die den Immobilienmarkt kontrolliert, sondern von stringenten Regeln und einem Umdenken. Wohnraum ist ein lebensnotwendiges Grundbedürfnis und bedarf einer neuen Ethik. In Kopenhagen dürfen einzelne Wohnungen aus Miethäusern nicht herausverkauft werden. In New York gab es früher, vor der Entkoppelung und einem Schwenk zur totalen Liberalisierung, ein System, mit dem der Mietmarkt kontrolliert wurde. Googeln sie mal „rent control“. Das geht durchaus, auch in westlichen Gesellschaften kapitalistischer Prägung.
Es muss nur der Wille da sein. Da hilft kein Andrej Holm, der uns als moderner Robin Hood zu Glück und Gerechtigkeit führen wird. Der ist höchstens eine interessante Symbolfigur gewesen, die die richtigen Fragen aufgeworfen hat. Nun ist seine Rolle sowieso Geschichte. Was also tun? Die Rechte der Hausbesitzer einschränken, die Spekulation mit steigenden Immobilienpreisen unterbinden, den Bau von Luxusanlagen limitieren. Grundsätzlich das Geschäft mit Wohnraum unattraktiver gestalten. Denn von diesem Geschäft profitieren einige wenige. Das mag sich nach Sozialismus anhören, eigentlich ist es aber nur menschenfreundlich.
Halbgare Gesetze wie die Mietpreisbremse oder das Bestellerprinzip bei Maklerprovisionen funktionieren nicht. Zwar sind sie zur Verbesserung der Situation gedacht, aber am Ende hebeln Eigentümer alles aus, was der Profitmaximierung im Wege steht. Haben wir nicht einen rot-rot-grünen Senat in dieser Stadt? Sollen Investoren woanders spekulieren, aber nicht bei Wohnraum.
Das ist alles nicht so einfach, die Argumente utopisch-links und naiv. Ja, das stimmt. Es ist ein Kampf gegen Windräder, Berlin wird immer teurer, und wer nicht geerbt hat oder viel verdient, ist irgendwann eben kein Berliner mehr. Schade ist das schon.

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