Was mich beschäftigt:

Mein Abschied von Berlin

Wir verlassen die Stadt. Nein, nicht die übliche Brandenburg-Story, wir gehen ganz. Nach München. Nach elf Jahren in Berlin fühlt es sich immer noch komisch an, das zu sagen. Wir wollten ja immer bleiben. Als meine Frau und ich nach Berlin zogen, hatten wir keine Erwartungen. Sie kam aus Bayern, ich aus dem Rheinland. Wir wollten etwas Neues aufbauen, und wo ging das besser als in Berlin?

Wir lebten uns hinein in diese Stadt, die wir bald besser kannten als alle anderen Städte dieser Welt. Auch als ich für ein Jahr beruflich nach München ging, war immer klar, dass es danach nach Berlin zurückkehre, in meine neue Heimat. Irgendwann zogen auch wir nach Prenzlauer Berg, hatten auch wir geheiratet und bekamen auch wir Kinder.

Als wir dann umziehen wollten, kam eine andere Stadt erst nicht infrage. Wir tingelten durchs Berliner Umland, durch die Vororte, bis wir merkten, dass wir uns nirgends wirklich heimisch fühlten außer in diesem – zugegeben künstlichen – Soziotop Prenzlauer Berg. Aber wir fanden eine Baugruppe am Rande von Prenzlauer Berg und dachten, das sei die letzte Gelegenheit, etwas Günstiges zu finden.

Es ist ziemlich genau ein Jahr her, dass die Baugruppe platzte. Und ich mich gar nicht so sehr ärgerte. Da war dieses Unbehagen, das nie verschwunden war. Nicht in Berlin, und erst recht nicht, als ich mal in München zu Besuch war, einer Stadt, in der ich sehr gerne gelebt habe. Ich stellte mir die Frage, die sich jeder Zugezogener irgendwann stellt: Ist Berlin unsere Heimat? Wollen wir hier alt werden, hier begraben werden? Aber auch: In welchem Zustand ist diese Stadt in 20, 30 Jahren?

Unsere Kinder sind in Berlin geboren, es könnte ihre Heimat werden. Aber solange sie noch nicht eingeschult sind, haben wir eben auch die Wahl. Und mit zwei kleinen Kindern werden andere Dinge wichtiger. Und so lasen wir gerade davon, dass bald alleine in Pankow 4.000 Grundschulplätze fehlen werden, als sich die Gelegenheit ergab, nach München zu gehen. Auch Bayern ist nicht meine Heimat, aber zumindest die meiner Frau.

Stefan Tillmann war seit 2014 Chefredakteur der ZITTY. Mit der aktuellen Ausgabe hört er auf

Und so entschieden wir uns, die Gelegenheit wahrzunehmen. Als ich das anderen erzählte, erwartete ich Erstaunen und Entsetzen. München, Bayern, wie kann man nur? Und ist Berlin nicht immer noch der Ort schlechthin? Tatsächlich fand ich aber bei unglaublich vielen Verständnis und hörte, wie viele selbst hadern.

Berlin, hieß es da zum Beispiel, halte schon lange nicht mehr, was es immer noch verspreche. Zumindest in einer Lebensphase, in der Party- und Kulturhype weniger wichtig werden, sondern eine Stadt schlicht funktionieren muss: bei den Schulen, bei der Polizei, bei der spürbaren Zunahme der Armut, bei der Infrastruktur, bei der Schaffung von Wohnraum. Bei all den Witzen über den BER: Die verpassten Chancen bei der Nachnutzung der Flughäfen Tempelhof und Tegel fand ich immer ärgerlicher und für diese Stadt symptomatischer.

Als wir 2006 nach Berlin zogen, erlebte der Berlin-Hype mit der Weltmeisterschaft seinen Höhepunkt. Seitdem stiegen die Immobilienpreise, die Stadt ist nicht wirklich mitgezogen, den Berlinern geht es vielfach nicht besser. Berlin versprach immer, dass sich in dieser einstigen Industriestadt jeder austoben kann. Für viele Tagträumer ist die Stadt heute zu teuer. Für andere bietet sie zu wenig oder: zu vieles nicht. Berlin funktioniert als Träumerei wohl immer noch, aber die Träume sind andere geworden.

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