Berlin

Was rollt da auf uns zu?

Die neue Nahverkehrs-Revolution: Jetzt kann man in Berlin E-Scooter mieten. Wir haben den Test gemacht

Für E-Scooter gelten bei Alkohol und Handybenutzung die gleichen Strafen gelten wie für Autofahrer. Foto: F. Anthea Schaap

Ich hatte Vorbehalte. Als erwachsener Mensch auf einem Tretroller durch die Gegend zu fahren, fand ich albern. Genauer: die Vorstellung von mir auf einem Tretroller. Daran würde, so dachte ich, auch die Tatsache nichts ändern, dass diese Teile jetzt mit Elektromotor ausgestattet sind, ganz selbstverständlich neben den Mietfahrrädern und Mietrollern in der Stadt herumste- hen und somit den Eindruck eines ernstzu- nehmenden Fahrzeugs vortäuschen.

Außerdem müsste ich lebensmüde sein, mich mit so einem E-Scooter in den Berliner Verkehr zu stürzen. Schließlich darf man mit denen nur auf dem Fahrradweg oder auf der Straße fahren. Die Fahrradfahrer werden mich verachten, die Autofahrer im schlimmsten Fall nicht mal wahrnehmen.

Aber diese motorisierten Tretroller sollen laut Politikern und Startup-Menschen eine Verkehrsrevolution einläuten und diese Revolution will ich nicht verschlafen.

Die Vorhut bildeten der amerikanische Anbieter Lime und das Berliner Start-Up Circ. Sie haben es als erste geschafft, sich eine Genehmigung von der Stadt zu besorgen – und haben am 17. Juni zunächst einige wenige Fahrzeuge in der Innenstadt platziert. Insgesamt wollen bis zu acht Anbieter im Berliner E-Scooter-Geschäft mitmischen. Die restlichen warten noch auf die allgemeinen Betriebserlaubnis des Kraftfahrtbundesamtes. Anfang Juli werden dann mehrere Tausend Leih-Tretroller die Straßen fluten.

Also auf zum Test: Mit der zuvor heruntergeladenen Circ-App lasse ich mich hinter das Brandenburger Tor zu einem Dreiergrüppchen von Scootern lotsen. Für die Anmeldung habe ich meine Telefonnum- mer und E-Mail-Adresse angegeben. Bezahlt wird per Kreditkarte. Der Entsperrvorgang des E-Scooters kostet jedes Mal einen Euro und jede darauf folgende Minute 15 Cent. Die Tarife sind bei allen Anbietern gleich. Die App weist mich darauf hin, dass ich rücksichtsvoll parken soll, den Gehwegnicht befahren darf und empfiehlt mir, einen Helm zu tragen. Den ich natürlich nie einfach so mit dabei habe.

Zudem zeigt die App den Batterieladestand an und wie viele Kilometer damit gefahren werden können. Ein vollgeladener Scooter hält über 30 Kilometer durch.

Die schwarz-orangenen Circ-Scooter sind 15 Kilo schwer, erstaunlich groß und machen einen soliden Eindruck. Zwei Bremshebel, eine kleine Klingel, in der Mitte eine Lichttaste für den Scheinwerfer sowie das Rücklicht und rechts ein kleiner Gashebel. Außerdem gibt es eine Handyhalterung, einen Flaschenhalter und sogar eine USB-Ladebuchse. Nicht schlecht! Über die App scanne ich den kleinen QR- Code auf dem Lenker, wische mit dem Fin- ger zum Entsperren über das Handydisplay, stoße mich mit einem Fuß ab und drücke den Gashebel runter. Ich bin überrascht, wie schnell der Elektromotor beinahe geräuschlos mit mir davonfegt.

Sich stehend fortzubewegen, ohne Beineinsatz, ist ein ungewohntes Gefühl und sorgt auch bei anderen Verkehrsteilnehmern noch für leichte Irritationen. Fahrradfahrer, die mich aus dem Augen- winkel wahrnehmen, blicken kurz zu mirzurück, als wäre etwas Undefinierbares hin- ter ihnen her. Als ich mich an der Ampel an einem älteren Radfahrer-Pärchen vor- beischleiche, um in die erste Reihe zu ge- langen, sagt sie: „Dieter, Vorsicht. Neben dir.“ Geschmeidig düse ich den beiden bei Grün davon.

Mit hoher Geschwindigkeit schwebe ich über den Asphalt – uneinholbar. Eine Illusion, die mit dem Erreichen der Höchstgeschwindigkeit von 20 Stundenkilometern platzt. Nachdem der Beschleunigungsvorgang abrupt endet, komme ich mir auf ein- mal sehr langsam vor, und die Fahrradfahrer ziehen wieder an mir vorbei.

Auf der Strecke zum Alexanderplatz, mit all den Fahrrädern, Autos und Bussen, fühle ich mich nicht bedrängt oder unsicher, aber als schwächste Verkehrsteilnehmerin auf einem ungewohnten Gefährt achte ich stärker auf die anderen und gehe keine Risiken ein. Die Bremsen reagieren gut, ich kann mich der aktuellen Situation schnell anpassen. Beim Abbiegen wird es dagegen schon heikler, denn mit einer Hand ist die Balance auf dem Roller zwar nicht unmöglich, aber schwer zu halten. Blinker wären hier sinnvoll.

„Da muss man schon mutig sein, so hier bei dem Verkehr, ne?“, frag mich ein Fahrradfahrer neben mir und löchert mich drei Ampeln lang mit Fragen: Taugt das Ding was? Macht’s Spaß? Wie schnell fährt’s? Was kostet’s? Noch habe ich Exotenstatus auf der Straße. Zu meiner Überraschung ernte ich keinen einzigen dummen Spruch oder hämischen Kommentar, sondern nur neugierige Blicke und nette Ampel-Small-talks. Ich komme mir auch tatsächlich gar nicht bescheuert vor, sondern habe so viel Spaß, dass ich nicht mehr absteigen will.

Am Alexanderplatz kommen mir andere Scooter-Fahrer entgegen, sie nicken mir zu und lächeln, ich nicke und lächle zurück.

»Da muss man schon mutig sein, so hier bei dem Verkehr, ne?«

Fahrradfahrer an einer roten Ampel

Wir gehören zum Kreis der Verkehrsrevolutionäre. Hier beende ich meine Fahrt. Die App zeigt mir an, dass ich mich im erlaubten Abstellgebiet befinde. Einige Bezirke derStadt sind nämlich noch nicht erschlossen und Parks sind sowieso Sperrbereich. Die App zeigt mir auch an, dass meine 26-mi- nütige Fahrt 5,05 Euro gekostet hat. Nicht gerade günstig. Für ein E-Bike von Jump hätte ich etwas weniger gezahlt und wäre deutlich flotter vorangekommen.

Mit dem wenige Meter entfernten Scooter des Anbieters Lime will ich vom Alex nach Kreuzberg fahren. Die Anmeldung ist ebenfalls schnell und unkompliziert, hier kann man auch über Paypal bezahlen. Auf einige Features muss man bei dem grün-weißen Gerät verzichten: keine Halterung für Handy und Flasche, kein USB. Ein kleines Display zeigt die Geschwindigkeit und den Ladezustand der Batterie an. Gebremst wird mit einem Bremshebel am Lenker – und mit einem Fußtritt auf das Schutzblech des Hinterrads. Beim Fahren habe ich den Eindruck, dass der E-Scooter scheppert und langsamer fährt als das zuvor getestete Modell. Wahrscheinlich, weil die Beschleunigung weniger flott einsetzt. Da ich auf dem Fahrradweg eigentlich nur geradeaus fahren muss, spüre ich die Langsamkeit und etwas aufkommende Langeweile. Nichts im Vergleich zum vorherigen Erlebnisparcour!

Am Moritzplatz gerate ich gleich in die Fänge einer Verkehrskontrolle, weil ich zum Parken kurz in die der Fahrtrichtung entgegengesetzte Richtung gefahren bin. Eine Polizistin klärt mich über mein Vergehen auf. Auf Nachfrage erklärt sie auch, dass für E-Scooter zum Beispiel bei Alkohol und Handybenutzung die gleichen Strafen gelten wie für Autofahrer. Bei roten Ampeln dagegen die gleichen wie für Fahrradfahrer: 60 Euro und ein Punkt in Flensburg. Diese unterschiedliche Bewertung hänge mit dem Gefahrenpotenzial zusammen, sagte die Polizistin. Bei Missachtung der Straßenverkehrsordnung drohen also auch mit den unscheinbaren Rollern hohe Geldbußen und Punkte im Verkehrsregister.

Zwei Tage später haben sich die neu- en Verkehrszwerge rasant vermehrt. Als ich morgens aus der Haustür trete, entdecke ich gleich einen des Anbieters Tier und beschließe, damit den Kieztest zu machen. Auch bei diesem schwarz-türkisen Modell gibt es keine Extra-Features, dafür immerhin auch kein Scheppern. Während der Fahrt zum Maybachufer fühle ich mich eins mit der Straße – auf unangenehme Weise. Der in Neukölln weitverbreitete Pflastersteinbelagist schon mit dem Fahrrad eine Herausforderung, mit dem E-Scooter wird er zur Qual.

Als würden die kleinen harten Rollen die Vibrationen durch den Roller bis in mein Gehirn weiterleiten, werde ich ordentlich durchgeschüttelt. Der Fahrkomfort sinkt rapide mit der Zunahme an Gullideckeln und Straßenschäden. Spaß und Sinn machen die E-Scooter dann doch eher auf kurzen Strecken und mit guten Straßenbedingungen. Ob die Menschen deswegen das Auto öfter stehen lassen werden? Fraglich.

Nach meiner zwischenzeitlichen Euphorie bin ich auf dem unebenen Boden der Tatsachen angekommen. Eine Revolution ist nicht gemütlich – aber diese hier ist dazu noch etwas zu teuer und zu langsam.

Text: Ina Hildebrandt

Die drei getesteten Anbieter:
circ.com
li.me
tier.app