Berlin

Was wird aus Rocket Internet?

Vor zehn Jahren wurde Rocket Internet in Berlin gegründet. Lange galt die Firma als der Hoffnungsträger für das Startup-Berlin. Zuletzt gab es immer mehr Krisenberichte. Eine Zwischenbilanz

Wie reich sind die Samwer-Brüder wirklich?

Marc, Oliver und Alexander Samwer, gebürtige Rheinländer, wurden Ende der 90er-Jahre reich, als sie das Internetauktionshaus Alando gründeten und für 43 Millionen Dollar an Ebay verkauften.

Jamba-Website 2001Foto: waybackmachine.org
Jamba-Website 2001
Foto: waybackmachine.org

Danach bauten sie den Klingeltöne-Händler Jamba auf, ehe sie auch ihn verkauften.  2007, vor zehn Jahren gründeten sie schließlich in Berlin Rocket Internet. Ein so genannter Inkubator, der sich bei Startups beteiligt, sie groß macht und darauf setzt, sie später zu verkaufen. Dass Rocket Internet dabei vor allem funktionierende Geschäftsmodelle aus dem Ausland kopiert, hat ihnen immer Kritik als „copycat“ eingebracht. Oliver Samwer kümmert das nicht, Ideen hätten viele. Es gehe darum, den Fleiß und das Knowhow zu haben, diese auch groß zu machen. So oder so: Mit einem Vermögen von ca. 1,7 Milliarden US-Dollar belegen die Brüder auf der Forbes-Liste von 2015 Platz 1.118.

Wie geht es Rocket Internet nach zehn Jahren?

Rocket Internet hat einen vielversprechenden Start hingelegt, und beim Börsengang 2014 gab es große Aufregung. Viele wollten in Berlin schon das nächste Silicon Valley sehen! Doch mittlerweile macht sich Ernüchterung breit. Auch im Jahr 2016 hat Rocket wieder Verlust gemacht, zwar weniger als in den Vorjahren, aber immerhin noch 642 Millionen Euro. Unter den Online-Startups, in die Rocket Internet investiert, glänzen zwar viele, aber nicht alles ist Gold. Bis sich Jahre später herausstellt, ob so eine Idee auch wirklich finanziell lukrativ ist, wird viel Geld verbrannt. Die Hoffnung ist, dass ein paar wenige erfolgreiche Beteiligungen auf lange Sicht die Verluste ausgleichen können.

Hat sich die Investition bei irgendeinem Unternehmen für Rocket bereits gelohnt?

Musterschüler im Portfolio ist Zalando: Am Anfang wollte niemand an den Erfolg von Online-Schuhverkäufen glauben. Mittlerweile ist das Unternehmen selbst an der Börse gelistet und 9 Milliarden Euro wert. Innerhalb von Rocket müssen natürlich solche Gewinne mit den Verlusten der Neuinvestitionen verrechnet werden, und unterm Strich bleibt eben immer noch kein Gewinn übrig. Außerdem war Zalando zugegebenermaßen auch kein Geniestreich: Die Idee dahinter ist größtenteils vom US-amerikanischen Vorbild Zappos abgekupfert.

Und was sind das für Unternehmen, die Rocket jetzt gerade im Portfolio hat?

Es geht fast immer um Handel, also E-Commerce. Mode macht immer noch einen großen Teil der Beteiligungen aus, aber auch Essen auf Rädern ist ein großes Thema, ebenso Möbel. Außerdem sind da immer ein paar ausgefallenere Raritäten dabei: Über Campsy können Reisende online unkompliziert Campingplätze buchen, und über Instafreight kann Frachtraum in LKWs reserviert werden.

Oliver Samwer
Oliver Samwer
Foto: Oliver Samwer – NOAH Conference – London 2013 – Dan Taylor – Heisenberg Media-14

Apropos Essen auf Rädern: Hat nicht neulich ein Rocket-Startup ein anderes einfach geschluckt?

Delivery Hero und Food Panda liefern beide Essen aus, und Rocket ist an beiden Startups beteiligt gewesen. Vor Kurzem hat Rocket seine Aktien von FoodPanda gegen mehr Beteiligung bei Delivery Hero eingetauscht und auf diese Weise faktisch eine Übernahme ermöglicht. Allerdings gab es anscheinend kaum Überschneidungen im Kundensegment. Das war mehr so, als ob eine Fleischerei und ein Bäcker sich zusammentun – damit sie in Zukunft gemeinsam Bulettenbrötchen verkaufen können.

Die Brötchen die Rocket gerade backt, scheinen jedenfalls kleiner zu werden. Wie sieht es denn mit der Aktie aus?

Auch bei den Anlegern verliert Rocket Internet an Vertrauen: Während 2014 eine Aktie mit über 50 Euro gehandelt wurde, ist sie jetzt nur noch 19 Euro wert. Das sorgt bei den Gläubigern für Misstrauen. Niemand kann sicher sagen, ob Rocket Internet seinen Anfangs-Kurs je wieder erreichen wird. Selbst Oliver Samwer scheint dem Markt nicht ganz zu vertrauen: Der CEO von Rocket und seine Brüder setzen neuerdings auf Immobilien.

Beton statt Bytes? Was gehört den Samwer-Brüdern alles?

GSW-Hochhaus am Checkpoint Charlie
Das alte GSW-Hochhaus in Mitte soll zum Rocket Tower werden
Foto: Blunt./Wikipedia

Laut einem Bericht des „Manager-Magazins“ ist belegt, dass die Samwer-Brüder vergangenen Oktober das Ullstein-Haus in Tempelhof gekauft haben. Über ein Portfolio an Gewerbe-Immobilien sollen die Brüder außerdem in Kreuzkölln eifrig an der Gentrifizierung schrauben. Und das neue Hauptquartier am Checkpoint Charlie hat Rocket kurzerhand ersteinmal monatelang gewinnbringend einem Untermieter überlassen. Demnächst darf die eigene Belegschaft aber selber einziehen. Wie viele noch für die Kernfirma Rocket Internet arbeiten, war zuletzt umstritten. Das „Manager Magazin“ hatte berichtet, die Zahl sei von über 400 auf unter 200 gesunken. „unter der Hand“ sei das Ziel ausgegeben worden, den Personalstand auf 100 Mitarbeiter zu senken. Rocket Internet dementierte prompt, es würden nach wie vor 300 Mitarbeiter für das Unternehmen arbeiten.

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