Berlin, Ecke Afrika

„We are Tomorrow“ im Ballhaus Naunynstraße

Vor 130 Jahren teilten die europäischen Mächte auf der Berliner Konferenz Afrika unter sich auf. Mit der Veranstaltungsreihe „We are Tomorrow“ blickt das Ballhaus Naunynstraße zurück auf die deutsche Kolonialgeschichte – und zugleich ins Heute und Morgen

Text: Georg Kasch

Die Herero-Schädel in den Archiven der Charité zeugen davon, das Afrikanische Viertel im Wedding und natürlich die Mohrenstraße: Deutschland hat eine koloniale Vergangenheit. Auslöser war die Berliner Konferenz von 1884. Damals trafen sich die europäischen Mächte in Berlin, um Afrika unter sich aufzuteilen – natürlich ohne die Afrikaner zu fragen, die als minderwertige Völker galten. Dabei entstanden willkürliche Grenzen, die bis heute zu Konflikten führen.

„Die Wahrnehmung der deutschen Kolonialgeschichte ist nicht in den Köpfen der Menschen“, sagt Wagner Carvalho, Leiter des Ballhauses Naunynstraße. „Wir haben hier zwar eine andere Situation als in England oder Frankreich, aber die Folgen sind immer noch da.“ Deshalb gibt es nun die Veranstaltungsreihe „We are Tomorrow“ zu „Visionen und Erinnerung anlässlich der Berliner Konferenz von 1884“. Vom 15. November bis zum 26. Februar, ebenso lang, wie das von Bismarck organisierte Kontinent-Geschachere damals gedauert hat, schaut das Ballhaus zurück – um nach vorne zu blicken: „Das, was damals passiert ist, hat mit uns heute zu tun“, sagt Carvalho. „Menschen mit anderer Hautfarbe werden nicht wahrgenommen.“

Noch immer spukt ein Bild vom deutschen Volk in den Köpfen (und durch manche Gesetze), das die Nation ethnisch definiert, übers gemeinsame Blut. „Menschen mit schwarzer Hautfarbe werden im Kontext dieser Ideologie als Menschen betrachtet, die offenbar für immer fremd bleiben und nicht ‚richtig deutsch‘ sein können“, heißt es im Festival-Programmheft.

Die Folgen sind zum Beispiel gedankenloser Alltagsrassismus. Die Frage „Woher kommst du (ursprünglich)?“ ist so ein Beispiel. „Du weißt nicht, wer ich bin, aber alles über mich“, fasst Carvalho die Situa­tion schwarzer Menschen in einer weißen Mehrheitsgesellschaft zusammen. Wie für die meisten Künstler mit (post)migrantischen Wurzeln existiert für viele Schwarze Kulturschaffende bis heute eine unsichtbare Schranke – zumal im Theaterbereich, wo man sich immer noch an den schwammigen Begriff einer „deutschen Leitkultur“ klammert.

Wie man dagegen anarbeitet, hat Carvalhos Vorgängerin Shermin Langhoff erfolgreich vorgemacht. Als sie das Ballhaus übernahm, gab es in Deutschland eine große türkische Community – aber kaum Künstler, die dieser Community entstammten und in der deutschsprachigen Theaterszene wahrgenommen wurden. Also baute sie Regisseure wie Hakan Savas¸ Mican und Nurkan Erpulat auf, Schauspieler wie Sesede Terziyan und Mehmet Yilmaz – Protagonisten, die heute auch jenseits von Ballhaus und Gorki-Theater die Theater- und Filmlandschaft prägen.

„In dem Moment, wenn die Theater merken, es ist möglich, ziehen sie nach“, sagt Carvalho. Deshalb soll die Reihe für Schwarze Künstler (Schwarz wird als politische Selbstermächtigung großgeschrieben) als Denklabor und Leistungsschau funktionieren, als notwendiger Rückblick, um die Zukunft klarer ins Auge fassen zu können. Dabei gehe es nicht um die Hautfarbe, sondern um Werte, sagt Carvalho. Und das ohne Gewissheiten: „Wir haben hier am Haus mehr Fragen als Antworten.“

Das Festival zeigt ein Panorama vieler Kunstformate: Konzerte (zum Beispiel zur Eröffnung am 15. November das Pan-African Groove Collective), Performances, Tanz, eine Film-Reihe im fsk-Kino, Lesungen, Vorträge, außerdem die Ausstellung „Yesternow“, die den Zustand afrikanischer Kunst präsentieren will.

Für den Rückblick ist zum Beispiel die Stadtrundfahrt „Dauerkolonie Berlin“ zuständig, bei der der Aktivist und Politologe Joshua Kwesi Aikins dem Publikum zwischen Afrikanischem Viertel und Treptower Park jene Berliner Orte zeigt, die eng mit der Kolonialgeschichte Deutschlands verknüpft sind. In der Reihe „Literarische Topografien des Kolonialismus“ geht es mit Vorträgen, Lesungen und Gesprächen ebenfalls zurück in die Kolonialgeschichte, um im Heute zu landen. Im Heute sucht auch Simone Dede Ayivis Solo-Show „Performing Back“ nach kolonialen Strukturen.

Ins Morgen weist die „Erste Indaba Schwarzer Kulturschaffender in Deutschland“. Ausschließlich Schwarze Kulturschaffende können sich für die Konferenz bewerben, um zwei Tage lang mitzudiskutieren „über den Ist- und Soll-Zustand, Zukunftsvisionen sowie Anregungen und Forderungen an die ,Gate-Keeper‘ der Kulturpolitik“, wie es im Programm heißt. „Wie können wir zusammenkommen, um weiterzukommen?“, formuliert Carvalho die Leitfrage. Er will „Wünsche für die nächsten drei Generationen formulieren“, schließlich werde einer Studie zufolge 2100 jeder dritte Mensch aus Afrika kommen.

Ein zweiter, fürs Publikum sichtbarerer Höhe­punkt ist im Februar die Uraufführung von Olivia Wenzels „Mais in Deutschland und anderen Galaxien“. Im Stück geht es unter anderem um die Selbstverständlichkeit, in Deutschland nicht zuallererst über die Hautfarbe wahrgenommen und eingeordnet zu werden. Wie kompliziert das noch ist, zeigt der eigene, weiße Blick auf das Team: Man sieht eine Schwarze Autorin, einen Schwarzen Regisseur, einen Schwarzen Hauptdarsteller. Wo sie herkommen? Wer die Biografien von Olivia Wenzel, Atif Hussein und Toks Körner kennt, weiß, dass sie in Weimar und Ost-Berlin geboren wurden. Waschechte Ossis also.

„We are Tomorrow – Visionen und Erinnerung anlässlich der Berliner Konferenz von 1884“, 15.11.-26.2., Ballhaus Naunynstraße.
www.ballhausnaunynstrasse.de