Berliner Museen

Jerusalem von allen Seiten

„In Jerusalem kann man verrückt werden“, sagt Cilly Kugelmann, Kuratorin der neuen Sonderausstellung im Jüdischen Museum, während der Pressekonferenz. Schließlich existiert sogar das „Jerusalem-Syndrom“, eine psychische Störung, die sich in religiösen Wahnvorstellungen äußert und jährlich bei etwa 100 Besuchern der Stadt ausbricht.

Nach Donald Trumps einsamer Entscheidung, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen, ging der Irrsinn weiter, weltweit brach eine hitzige Debatte um den Status der monotheistischen Schaltzentrale aus. „Wir wollen auf diese Frage keine Antworten geben“, sagt der Direktor des Jüdischen Museums Peter Schäfer vorbeugend, wenngleich die aktuelle Berichterstattung am Ende der Ausstellung „Welcome to Jeru­salem“ dokumentiert wird.

© Jüdisches Museum Berlin, Foto: Yves Sucksdorff
Blick in den Raum „Diesseits und jenseits der Stadtmauer“ zur Geopolitik seit dem 12. Jahrhundert © Jüdisches Museum Berlin, Foto: Yves Sucksdorff

„24h Jerusalem“ als Installation

Schäfer ist die Vermittlung der jüdischen Religion und der Folgen der Tempelzerstörung wichtig, allerdings immer, das betont er nachdrücklich, vor dem Hintergrund der beiden anderen Weltreligionen und der jeweiligen Konflikte. Zudem setzt er auf Alltags- und Gegenwartsbezug. So beginnt die Reise nach Jerusalem mit Normalität. Auf großen Videoleinwänden sieht man Bilder aus der Dokumentation „24h Jerusalem“ der Berliner Filmemacher Volker Heise und Thomas Kufus. Erst anschließend gelangen Besucher in Räume mit Karten und Reliquien, alten Gemälden, fein gearbeiteten Modellen der sakralen Bauten, Symbolen, Stichen und Büchern. Doch die ganze Wucht des Heiligen steht hier stets im Kontext des Profanen. Pilger, Propheten und heilige Orte erwartet man von Jerusalem, die Tatsache aber, dass diese Stadt seit Jahrhunderten auf den Tourismus angewiesen ist – auch so lassen sich Wallfahrten verstehen – ist ebenso ­logisch wie überraschend.

© Jüdisches Museum Berlin, Foto: Yves Sucksdorff
Blick auf die Film-Rotunde „Konflikt“: Für ihre Friedens­bemühungen im Oslo-­Abkommen erhielten Jassir Arafat und Schimon Peres 1994 neben Jitzchak Rabin den Friedensnobelpreis © Jüdisches Museum Berlin, Foto: Yves Sucksdorff

Für Juden, Christen und Moslems ist Jerusalem heilig. Von dieser auf sie projizierten Heiligkeit lebt die Stadt, sie ist aber auch eine Last. Trumps Vorstoß ist nur ein neuer Streitpunkt, religiöse Spannungen überschatteten schon immer das Leben der Bewohner. Zugleich wird Religion genau dort tatsächlich gelebt, das spürt auch jeder Atheist, wenn er zwischen Gebetskirche, Klagemauer und Felsendom spaziert.

„Man könnte 100.000 verschiedene Ausstellungen über Jerusalem machen“, sagt Kugelmann und verweist auf Themen, die die Ausstellung ausspart, etwa die Kreuzzüge. Doch klar macht sie mit ihrer Aussage, wie die politischen, sozialen und religiösen Kräfte ineinander greifen und sich Mythen und Alltag verschränken.

Glas und Götzen

Darauf reagieren zeitgenössische Künstler, etwa die in Berlin lebende palästinensisch-britische Künstlerin Mona Hatoum. Mit ­einer Installation aus Seife und Glas nimmt sie die Neuvermessungen Palästi­nas auf. Die US-Amerikanerin Andi LaVine Arnovitz hat eine Weste aus einem Gebetsbuch geknüpft, und in der Videoarbeit von Yael Bartana geht es um den umstrittenen Versuch radikaler Juden, den dritten Tempel wiederaufzubauen. In der Vermengung mit historischen und dokumentarischen Exponaten stellen diese Arbeiten Fragen und erzeugen ein Gefühl für diese einzigartige Stadt, ohne ihrerseits Antworten geben zu wollen. Ganz im Sinne vor Direktor Schäfer entsteht so ein Reflexionsraum. Nirgendwo in Berlin lässt sich derzeit wohl besser über Jerusalem nachdenken als hier. 

Bis 2019: Jüdisches Museum, Lindenstr. 9–14, Kreuzberg, Mo–So 10–22 Uhr, 8/ erm. 3 €, bis 18 J. frei

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