Berlin

Wegwerfen ist für die Tonne

Gerade lief die Fashion Revolution Week, in der Aktivisten weltweit auf unfaire Verhältnisse in der Modeindustrie aufmerksam machen. Unsere Autorin hat sich mit den Gründerinnen des Slow-Fashion-Labels Myrka Studios in einer Filiale einer großen Billigkleiderkette getroffen, um mit ihnen darüber zu sprechen, was der Fast-Fashion-Industrie fehlt – und was man als Kunde bewirken kann

Da stehen sie, zwei, die sich täglich mit Mode beschäftigen, aber zwischen all den Stoffen doch so ratlos wirken. Lia Bernard und Lydia Hersberger gründeten vor zwei Jahren ihr nachhaltiges Modelabel Myrka Studios. Sie verkaufen derzeit 20 verschiedene Teile. So viele, wie auf circa zehn Quadratmetern der Modekette stehen, in deren Filiale die beiden an einem Apriltag zum ersten Mal sind.

„Das würde bei uns noch nicht mal die Produktionskosten abdecken“, sagt Lia Bernard. Ihre Augen wandern über eine Bluse, die hier schon zur oberen Preisstufe gehört: 13 Euro. Ihre Hand fährt über die gestreifte Bluse mit Kakteen. Immer wieder beobachten die beiden sehr bedacht, ihr Gang ist langsam. Sie nehmen sich Zeit, um zu verstehen – dort, wo dem Denken eigentlich kein Raum gegeben wird. Wo das Licht grell leuchtet, die Musik laut lärmt, die Klamottenstangen bunte Stoffe tragen, Preisschilder sich gegenseitig unterbieten. Es ist ein bisschen so, als hätte sich Angela Merkel auf ein Bushido-Konzert verirrt.

Myrka Studios
Für Lia Bernard (l.) und Lydia Hersberger ist jede Woche Fashion Revolution Week: Die beiden gründeten das nachhaltiges Modelabel „Myrka Studios“
Foto: Lydia Hersberger/MYRKA studios

„Es werden nicht einzelne Kleidungsstücke, sondern Outfits angeboten. Bei jeder Bluse hängt eine Hose und sogar Schuhe, die dazu passen“, stellt Lia Bernard fest. Wer nur eine Bluse sucht, muss also durch den gesamten Laden. „Das Konzept ist: Nicht nachdenken beim Kaufen. Je günstiger der Preis, desto eher greift man zu, auch wenn man es gar nicht braucht“, erklärt Lydia Hersberger.

Das Resultat: Jedes fünfte Kleidungsstück wird in Deutschland laut einer Greenpeace-Studie von 2015 nicht getragen. Das macht eine Milliarde Kleidungsstücke, vor allem Oberteile, die ungetragen bleiben. Geht man davon aus, dass jedes Outfit aus zwei Teilen besteht, könnte man davon jeden 14. Mensch der Erde einkleiden. Eine weitere Milliarde Teile wird in Deutschland „selten“ angezogen.

Die Zahl der Kritiker wächst

Aber nicht nur der Konsum steigt, auch die Gegenbewegung wächst: Immer mehr Modebegeisterte setzen sich für faire Arbeitsbedingungen in der Modeindustrie ein. Wie in der Fashion Revolution Week, die 2014 ins Leben gerufen wurde – als Reaktion auf den Gebäudeeinsturz in Sabhar in Bangladesch im Jahr zuvor. Damals starben 1.134 Menschen, weil Näherinnen von den Fabrikbetreibern gezwungen wurden, weiterhin im Gebäude zu arbeiten – obwohl es die Polizei verboten hatte. Designer, Akademiker, Arbeiter und andere Interessierte informieren in der Fashion Revolution Week über die Produktion und den Handel von Kleidung. Es gibt Workshops und Events. Leute werden dazu aufgefordert, ihre Kleidung auf links zu drehen, damit das Produktionsland zu erkennen ist.

Vor allem durch ihre große Social-Media-Präsenz hat die Fashion Revolution Week Erfolg: Unter dem Hashtag #whomademyclothes sollen sich die Konsumierenden in den Sozialen Netzwerken die Frage stellen, woher ihre Kleidung kommt.

Marken, Näherinnen und Produzenten werden dazu aufgerufen, mit dem Hashtag #imadeyourclothes zu reagieren – um die oftmals fehlende Transparenz in der Handelskette sichtbar zu machen.

Auch im Laden (der hier aus rechtlichen Gründen ungenannt bleiben soll) sehen Lia Bernard und Lydia Hersberger immer wieder auf den Stoffschildern nach, welche Textilien verwendet wurden und in welchem Land sie verarbeitet wurden: „Von außen ist schwer zu erkennen, was dahintersteckt“, erklärt Lia Bernard, während sie eine Lederjacke untersucht: „Teure Luxusmode wird oft in den gleichen Fabriken hergestellt wie Billigkleidung.“ Labels sollen helfen, Nachhaltigkeit zu erkennen. Doch gibt es mittlerweile so viele Gütesiegel, dass sie eher verwirren. „Natürlich gibt es viele Labels, die wichtiger tun, als sie sind“, sagt Lia Bernard. „Wie das Prüfsystem Oeko-Tex Standard 100, das nur das Endprodukt untersucht. Es ist gut, dass das geprüft wird, aber uns ist es nicht genug.“

Wer sicher gehen möchte, dass weder Mensch noch Umwelt zu Schaden kommen, greift zu Shirt und Hose mit dem Siegel der Global Organic Textile Standard (GOTS) und der Fair Wear Foundation (FWF), die den gesamten Produktionsweg prüfen – und im Zweifelsfall auch mal eine Marke von ihrer Liste nehmen. „Vieles wird auch nur produziert, um den Platz zu füllen“, stellt Lydia Hersberger fest, als sie zu goldenen Ohrringen mit rotem Stoff greift. Ein ganzer Ständer hängt voll davon, pro Stück ein Euro. „Vieles, was in Europa nicht läuft, wird zurückgebracht nach Bangladesch, Vietnam, China“, erklärt Lia Bernard, „wo es produziert wurde. Wenn es auch dort nicht gekauft wird, schmeißen es viele Modeketten weg.“ Vor Kurzem erregte so H&M Aufsehen – als herauskam, dass tonnenweise neue Kleidung verbrannt wurde, die niemand haben wollte. Doch Lia Bernard betont: „Das Problem sitzt tiefer. Das liegt nicht an einer Modekette, sondern an der Industrie.“

Nicht nur viele Modeketten werfen neue Klamotten weg, auch Privatpersonen tun das. Tauschen ist eine Alternative, zum Beispiel auf kleidertausch.de. Natürlich gibt es auch immer Teile, die niemand haben will. „Wir kaufen nur Lieblingsteile“, sagt Lia Bernard und lächelt. Die studierte Modedesignerin rät, einen eigenen Stil zu entwickeln. Ein Stil, der über Modetrends hinweg hält, damit man den Pulli auch in fünf Jahren noch gerne trägt. „Wir haben beide nur circa 30 Teile im Schrank hängen“, sagt Lydia Hersberger: „Am besten man kauft so ein, dass man gut kombinieren kann.“

Und wenn man nicht genug Geld hat, um es in Fair-Fashion-Kleidung zu investieren? „Dann findet man in Secondhandläden alles, was man braucht. Auch die Basics gibt es dort“, weiß Lydia Hersberger. Und nicht nur das: Im Secondhand-Shop Humana kann man auch Hochzeitskleider und Badehosen kaufen. So kann dann selbst ein Tag vor dem Altar oder im Freibad zur „Fashion Revolution“ gehören.

Fashion Revolution Week

Myrka Studios

Lia Bernard und Lydia Hersberger gründeten 2016 ihre Slow-Fashion-Marke. Damals studierten sie noch – heute stecken sie all ihre Energie in das Unternehmen, das Wert legt auf regionale und faire Produktion sowie vegane und wiederverwendbare Stoffe, etwa Bio-Baumwolle und Polyester aus recycelten PET-Flaschen.

Auguste-Viktoria-Str. 107, Wilmersdorf, www.myrkastudios.com